Coburg

Mutige gegen die Nazis

Die Coburger Autorin Sabine Friedrich stellte ihren viel diskutierten Roman "Wer wir sind" über den deutschen Widerstand auf Einladung der Buchhandlung Riemann auch in ihrem Geburtsort vor.
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Sabine Friedrich las in St. Augustin.  Foto: Carolin Herrmann
Sabine Friedrich las in St. Augustin. Foto: Carolin Herrmann
"Wiederfinden" wollte sie die mutigen Menschen, die ihren Widerstand gegen die Barbarei der Nazis mit dem Leben bezahlten. Wo nötig wollte Sabine Friedrich sie auch "wieder erfinden", über die erfrorenen Ikonen - im Westen vor allem Stauffenberg, im Osten die Rote Kapelle - hinaus. Deshalb hat die Coburger Autorin einen Roman über den deutschen Widerstand im Nationalsozialismus geschrieben unter dem mehrfach zu deutenden Titel "Wer wir sind". Denn in aller Vergangenheitssuche geht es doch auch um das Heute, um uns. Sabine Friedrich wollte in sechsjähriger intensiver Arbeit, in der sie Schicksale für über 2000 Buchseiten fand, erfahren, wie Menschen zu gravierenden, unter Umständen tödlichen Entscheidungen kommen, wie ein Schritt den anderen begründet, eine Tat oder eine unterlassene Tat die nächste nach sich zieht.

Nachdem der schwer wiegende Roman viel Aufmerksamkeit erregt und in der Kritik unterschiedliche Reaktionen
ausgelöst hat, kam Friedrich nun auch einer Einladung der Buchhandlung Riemann nach. Am Mittwoch gab sie im kleinen Saal von St. Augustin ausführlich Einblick in die Motivation und Entstehung des Romanes und las einige Passagen.

Sabine Friedrich ent-deckt ein weitreichendes und eng geknüpftes Netz von Beziehungen aus familiär, freundschaftlich, beruflich und geistig verbundenen Menschen, deren Schicksal sie in zahlreichen Erzählsträngen nachgeht. Manche dieser Schicksale sind erforscht, aber die meisten der aktiven und hingerichteten Personen "kennt man gar nicht gut", musste Friedrich feststellen.

Die Leseproben, etwa zu der mit 22 Jahren ermordeten Cato Bontjes van Beek, zur Begegnung zwischen Freiherr Helmuth von Moltke, dem Begründer der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis, und dem Anstaltsgeistlichen des Strafgefängnisses Tegel, Harald Poelchau, zu Marion und Peter Graf Yorck von Wartenburg, dringen tief in die Gedanken- und Gefühlswelt dieser Menschen. Sabine Friedrich hat Briefe, Tagebücher und Fotografien analysiert und interpretiert. Das Vorstellungsvermögen des Romanautors kann da entschieden weitergehen als des Historikers, der bei aller Faktengebundenheit trotzdem ja immer auch "nur" ein Konstrukt von Realität liefert. Anders funktioniert unsere Welt-Sicht nicht.

Friedrich betonte in St. Augustin, dass gerade die Historiker begeistert von ihrem Werk seien und sie in höchsten Tönen lobten. Anders als ein Teil der Literaturkritik, an deren Einschätzungen sie sich an dem Abend heftig rieb.

Sabine Friedrich: Wer wir sind. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2032 Seiten, 29,90 Euro. Zusätzlich gibt ein Werkstattbericht (5,90 Euro) Einblick in den Entstehungsprozess. Der Roman liegt auch als E-Book vor.
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