Coburg
Interview

Musikfreunde Coburg: das Publikum der Zukunft im Blick

Wie die Gesellschaft der Musikfreunde Coburg mit einer Reihe von Neuerungen im Programm künftig verstärkt neue Zuhörerkreise ansprechen will.
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Die neue Saison der Gesellschaft der Musikfreunde Coburg bietet auch ein Wiederhören it dem Pianisten Alexander Schimpf.Foto: Archiv/Jochen Berger
Die neue Saison der Gesellschaft der Musikfreunde Coburg bietet auch ein Wiederhören it dem Pianisten Alexander Schimpf.Foto: Archiv/Jochen Berger
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In der neuen Saison geht die traditionsreiche Gesellschaft der Musikfreunde Coburg neue Wege. Das betrifft nicht nur den neu gewählten Vorsitzenden Alfons Kreczy, der Nachfolger seines dreieinhalb Jahrzehnte amtierenden Vorgängers Josef Schaschek wurde. Wohin der Weg künftig gehen soll, verrät Musikvorstand Joachim Rückert im Interview. In der ersten Konzertsaison mit ihrem neuen Vorsitzenden Alfons Kreczy gibt es einige Änderungen im Programm der Coburger Musikfreunde. Was war der Auslöser für diese Neuausrichtung? Joachim Rückert: Eine Neuausrichtung - wie Sie es nennen - ist eigentlich schon seit mehreren Jahren im Gang. Neu ist lediglich eine deutlichere Trennung zwischen der klassischen Kammermusikreihe und den vielfältigen Möglichkeiten, Kammermusik darüber hinaus auch alternativ zu präsentieren: das heißt: buntere Programme, Crossover, ungewöhnliche Spielorte, ungezwungene äußere Bedingungen. Die klassische Musik gerät überall auf breiter Front zunehmend ins Hintertreffen - nicht etwa wegen der Qualität des Dargebotenen, sondern darum, weil viele Menschen solcher Musik in ihrem Leben gar nicht mehr begegnen. Also muss die Musik besondere Anreize bieten und sozusagen "zu den Menschen kommen". Prinzipiell gab es stetig Veränderungen in der Erwartungshaltung und den Hörgewohnheiten des Publikums: Man schaue sich nur das Programm eines Arien-und Liederabends der 50er Jahre an: Das wäre heute nur noch pure Nostalgie. Wir wollen die Leute neugierig machen für zeitgemäße Darbietungen, die ihnen etwas bringen, Freude bereiten; Nachdenklichkeit ist dabei auch nicht verboten.

Die klassischen Konzerte firmieren künftig als "Gelbe Reihe", alternative Formate als "Green Line". Was erhoffen Sie sich von diesem doppelgleisigen Angebot? Die "Gelbe Reihe" hat den Zusatz: Lust auf Klassik. Diese Konzerte decken das ab, was wir im Schwerpunkt schon immer angeboten haben: klassische Musik, musiziert auf hohem bis höchstem Niveau, bei freiem Eintritt für die Mitglieder der Musikfreunde; natürlich ist jedermann zu diesen Konzerten eingeladen und das bei moderaten Eintrittspreisen. In München, beim Kissinger Sommer, beim Würzburger Mozartfest spielen viele unserer Künstler - nur man zahlt für eine Karte das Doppelte oder gar Dreifache. Übrigens: Für Schüler und Studenten ist der Eintritt zur gelben Reihe frei. Die "green line" hat den Nachsatz: Neue Perspektiven und Lust auf mehr. Wir halten hier also Ausschau nach Anderem, Neuem. Neue Formate, neue Spielorte, neue Kooperationen bedeuten auch neue Chancen. So kann man hoffentlich ein breiteres Publikum abseits ausgetretener Pfade für den Schatz traditioneller Musik interessieren und gewinnen. Und vielleicht überlegt sich der eine oder andere Zuhörer der "green line", ob es sich nicht lohnen könnte, sich auch mal zu einem Konzert der "Gelben Reihe" vorzuwagen?

Auf welches Konzert sind Sie besonders neugierig? Die neue Saison bietet einen derartig bunten Strauß hervorragender musikalischer Angebote, dass ich hier keines explizit hervorheben kann. Wenn man wie ich diese Konzerte mit sehr viel Detailarbeit organisiert hat, hängt das Herz eben an jedem einzelnen Projekt. Neugierig bin ich lediglich darauf, wie unsere neue "green line" in der Breite des Publikums wahrgenommen wird. Sie wird hoffentlich zur Erfolgsstory.

Auch bei der Coburger Gesellschaft der Musikfreunde hat die demografische Entwicklung Spuren hinterlassen. Wie verlief die Entwicklung der Mitgliederzahlen in den letzten Jahren? Die Mitgliederzahlen sind seit drei Jahrzehnten in einer moderaten Abwärtsbewegung. Das hat nichts mit der Qualität der Konzerte oder gar deren Preis/Leistungsverhältnis zu tun. Derzeit haben wir mehr als 200 Mitglieder. Einzelne haben gekündigt, weil sie sich in Zukunft lieber bestimmte Konzerte herauspicken wollen; aber die Mehrzahl kündigt - sozusagen mit Tränen in den Augen - aus Altersgründen. Hier bekommen wir natürlich gleichzeitig auch ein Phänomen der gesellschaftlichen Entwicklung zu spüren: Ein Verein wie die Musikfreunde fußt ja auf den Strukturen einer bürgerlichen Gesellschaft des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Man war als Bürger dieser Stadt bei den Musikfreunden Mitglied, um seine Verbundenheit zu Kunst, Kultur und Musik zu zeigen, unabhängig davon, wie oft man in den Konzerten erschienen ist. Diese Haltung wird zunehmend vom Dienstleistungsgedanken abgelöst: Man sucht sich eine interessante Veranstaltung heraus, zahlt den - selbst im freien Verkauf - noch sehr moderaten Eintrittspreis, kommt zum Konzert und die Sache ist erledigt; für uns natürlich eine weniger sichere finanzielle Planungsgrundlage als konstante Mitgliederbeiträge.

Welche Potenziale sehen Sie in dieser Hinsicht für die Musikfreunde in der Zukunft? Wir müssen neues Publikum erschließen, außerhalb unserer treuen Mitglieder. Unser Angebot ist ja schließlich nichts Exklusives für einen geweihten geschlossenen Zirkel von Kulturfreunden und Spezialisten. Die klassische Musik vergangener Jahrhunderte hat eine derartige Wichtigkeit und Wertigkeit, dass dieses großartige Kulturerbe unbedingt erhalten und gefördert werden muss - und zwar nicht nur durch sporadische spektakuläre Großereignisse, sondern kontinuierlich und vor Ort. Das hat bei den Musikfreunden mit den klassischen Kammermusikkonzerten, sozusagen der "gelben Reihe" zumindest 105 Jahre lang gut funktioniert. Durch die "green line" mit ihren alternativen Spielorten und Angeboten sollen Leute angesprochen werden, denen vielleicht der ganze traditionelle Klassikbetrieb von seinen äußeren Formen her zu hochgestochen und befremdlich erscheint. Eine Weinhandlung, ein Wirtshaussaal, Leise am Markt oder die Eingangshalle der HUK sind eben keine weihevollen Kulturtempel, sondern hier spielt sich Leben ab und da gehört die Musik auch hin. Die Potenziale sind insofern zwar unergründlich, aber riesig. Schauen Sie mal, wieviele in der Museumsnacht unterwegs sind.

Welche Chancen sehen Sie, jüngeres Publikum für die Angebote der Musikfreunde zu interessieren? Die "green line" bietet dafür eine Chance. Nicht zu vergessen wäre auch eine Zusammenarbeit mit der Hochschule oder der Designwerkstatt. Die gilt es zu intensivieren. Und an den gerade aufgezählten Orten wollen wir eben auch deshalb spielen, weil sich jüngere Leute eher damit identifizieren als mit traditionellen Konzertsälen. Aber die Angebote müssen bei den potenziellen Interessenten auch ankommen. Wir sind da den Coburger Tageszeitungen sehr dankbar dafür, wie sie unsere Sache so engagiert unterstützen durch Vorankündigungen und Rezensionen. Aber ob ein jüngeres Publikum sich seine Infos aus den Printmedien holt, sei dahingestellt. Jüngere Leute erreicht man eben heute am Besten digital.

Welche Rolle sollen dabei zum Beispiel die sozialen Netzwerke spielen? Ohne Facebook, Twitter & Co wird man das jüngere Publikum informationstechnisch nicht erreichen. Hier bestanden zugegebenermaßen in der Vergangenheit Defizite. Aber wir müssen diesen Sektor sinnvoll intensivieren, und daran arbeiten wir auch. Aber unsere Zeit und Kraft als ehrenamtlich Tätige hat natürlich auch ihre Grenzen. Auch, wenn es mal länger dauert bis zur Umsetzung: wir haben das Ziel im Auge.

Das planen die Coburger Musikfreunde 2018/2019

Gelbe Reihe

Montag, 24. September Aris Quartett - 19.30 Uhr, Kongresshaus (Podium junger Künstler, Kooperation mit der Stadt Coburg) Montag, 22. Oktober "Piano spezial" mit Piotr Salajcyk - 19.30 Uhr, HUK Foyer Bertelsdorfer Höhe Sonntag, 16. Dezember 66. Weihnachtskonzert Collegium musicum Coburg - 17 Uhr, St. Moriz (Kooperation mit der Stadt Coburg) Montag, 28. Januar Mayumi Kanagawa (Violine), Ido Ramot (Klavier) - 19.30 Uhr, Kongresshaus Montag, 11. März Philharmonisches Orchester, Alexander Schimpf (Klavier), Leitung: Johannes Klumpp - 20 Uhr, Kongresshaus (Zusammenarbeit mit dem Landestheater Coburg) Freitag, 5. April Ziyu Liu (Klavier) - 19.30 Uhr, HUK-Foyer Bertelsdorfer Höhe Montag, 6. Mai Solisten des Philharmonischen Orchesters Landestheater Coburg - 19.30 Uhr, Kongresshaus

Green Line

Freitag, 12. Oktober "Die Wandervögel" - Wirtshausmusik, 20 Uhr, Münchner Hofbräu Freitag, 9. November Jazztime mit dem Trio Dupree, Schulz, Jenne - HUK-Foyer Bertelsdorfer Höhe, 19.30 Uhr Donnerstag, 22. November Wein und Musik mit dem Ensemble Spirata - 19 Uhr, Weinhandlung Oertel Freitag, 23. November Wein und Musik mit dem Ensemble Spirata - 19 Uhr, Weinhandlung Oertel Sonntag, 24. Februar "Neue Klänge aus einer alten Welt, Duo Zaruk - 19.30 Uhr, Haus Contakt Sonntag, 26. Mai "Rumeynische Fantasien" mit Johannes Paul Grässer (Violine), Szilvia Czaranko (Akkordeon, Klavier), Michael Tuttle (Kontrabass) - 19.30 Uhr, Haus Contakt Dienstag, 9. Juli "Musik und Magie" - Nora Lentner (Gesang), Klara Hornig (Klavier), Dorian Schneider (Zauberei) - 19.30 Uhr, Pfarrzentrum St. Augustin (Zusammenarbeit mit dem Festival Klanggrenzen) Sonntag, 28. Juli Serenade mit dem Collegium musicum Coburg - 19 Uhr, Schlossgarten Ahorn (bei ungünstiger Witterung Schlosskirche Ahorn)



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