Coburg
Coburg liest

Mit Worten Bewusstsein schaffen

Drei junge Autoren stellen in Coburg ihre erfolgreichen Romane vor und diskutieren mit dem Publikum: Wie nah an der Realität sind die Werke?
Artikel drucken Artikel einbetten
Geduldig gehen die Jungautoren auf die Fragen des Coburger Publikums ein (von links): Mitorganisator und Moderator Norbert Berger, Julia von Lucadou, Lukas Rietzschel und Mercedes Lauenstein. Foto: Christian Dreßel
Geduldig gehen die Jungautoren auf die Fragen des Coburger Publikums ein (von links): Mitorganisator und Moderator Norbert Berger, Julia von Lucadou, Lukas Rietzschel und Mercedes Lauenstein. Foto: Christian Dreßel

Der Auftakt der 16. Ausgabe von "Coburg liest" in der Reithalle hatte es in sich, gleich drei Roman-Neulinge stellten ihre Werke vor. Der Roman-Marathon, traditionell zu Beginn der Literaturtage, bot alles: von Identitätssuche über Gesellschaftskritik bis hin zu einem Erklärungsversuch, warum Sachsen in Zeiten der Flüchtlingskrise so tickt, wie es tickt.

"Warum ist alles, wie es ist?"

Das ist eine tiefgründige Frage und doch eine, auf die es nie eine allumfassende Antwort geben wird. Gestellt wird diese Frage von der 15-jährigen Blanca, der Titelheldin von Mercedes Lauensteins Debütroman. Blanca zeichnet sich durch Unsicherheiten aus und fasst trotzdem mutige Entschlüsse. Des nomadenhaften Lebens ihrer hysterischen Mutter überdrüssig, will sie zu Toni, ihrem besten Freund aus frühen Kindheitstagen, und dessen Vater Karl. Diese Reise wird sie nach Italien führen und den Leser in eine Welt voller Widersprüche, voll von Freiheitsdrang, Identitätssuche, Hoffnung, Liebe, Freundschaft und - im großen Ganzen - auch der Frage nach dem Sinn des Lebens.

"Höher, schneller, weiter"

In "Die Hochhausspringerin", dem dystopischen Werk von Romanneuling Julia von Lucadou, bleibt indes kein Platz für Unsicherheiten. Ein auf Perfektion getrimmter Überwachungsstaat raubt seinen Bewohnern gänzlich persönliche Freiheiten. Logarithmen, Datensätze, Bewertung von allem und jedem: Nur wer Leistungspunkte erwirbt, erlebt sozialen Aufstieg. In dem System von Gleichmäßigkeit, von Präzision und Regeln, lebt auch die Hochhausspringerin Riva. Sie begeistert die Massen, stürzt sich waghalsig in einem "Flysuit" von Wolkenkratzern, um im Gegenzug sozialen Aufstieg zu erlangen. Als sie ganz oben steht, Volksheldin und Trendsetterin ist, erfährt sie einen plötzlichen Sinneswandel und will aussteigen. Die äußerlich makellose, trainierte und attraktive Figur muss wieder auf Linie gebracht werden, weshalb das Regime zur Sicherung der eigenen Legitimität die Wissenschaftsjournalistin Hitomi engagiert. "Ähnlich dem Börsenprinzip bringt nur hohes Risiko großen Gewinn", erklärt die Autorin in der Diskussion. Wer nicht leistet, fällt durch das Raster.

Rietzschel polarisiert

Den Nerv der Zeit hat auch Lukas Rietzschel getroffen, vermutlich wie kein Zweiter in der aktuellen deutschen Literaturszene. Noch bevor die "Flüchtlingkrise" ihren Siedepunkt erreichte, schrieb er bereits an seinem Erstlingswerk "Mit der Faust die Welt einschlagen" und erntete nach den Ausschreitungen in Chemnitz ein riesiges Medienecho. Dabei will er nur wissen, warum seine Heimat Sachsen so ist, wie sie ist. Das Brüderpaar Tobias und Philipp wächst in der Tristesse der sächsischen Provinz auf, gerät an die falschen Freunde und doch aus ganz unterschiedlichen Gründen auf die schiefe Bahn. Geduldig beschreibt Rietzschel, wie sich Armut, Existenzangst und fehlende Bildung in Fremdenhass verkehren kann und nimmt dabei verschiedene Routen. "Ich hätte meine Helden auch links und rechts gehen lassen können. Passiert aber nie in Wirklichkeit und ist zudem schlechte Literatur.",so der Autor. Der Stoff ist schwer und bedrückend, doch erweckt er vor allem aufgrund überraschender Komik Empathie: keinesfalls für Extremismus und Fremdenfeindlichkeit, aber für die Hintergründe, für das kindliche Geschwisterpaar, das die eigene Lebenswirklichkeit als eine ohne Auswege erachtet.

"Viele kommen auf mich zu und sagen: Genau so haben wir es empfunden, uns fehlten bloß die Wörter, es so zu beschreiben", sagt Rietzschel. Auch in Coburg richten sich die meisten Fragen des Publikums an ihn, bestimmt das Thema doch seit Jahren die gesellschaftliche Debatte mit.

Schon am heutigen Montag geht "Coburg liest" in die zweite Runde, mit dem "Sachbuch-Abend" um den Gropius-Biografen Bernd Polster (19.30 Uhr, Kunstverein, Park 4).

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren