Coburg
Premiere

Mit "Hair" bebt das Landestheater Coburg

Das Kultumusical "Hair" fährt allen in die Glieder in der grandiosen Wiedererweckung durch Iris Limbarth und Roland Fister am Landestheater Coburg. Standing Ovations nach der Premiere.
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"Hair" am Landestheater Coburg mit Benjamin Hübner in der Rolle des Claude. Foto: Henning Rosenbusch
"Hair" am Landestheater Coburg mit Benjamin Hübner in der Rolle des Claude. Foto: Henning Rosenbusch
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"Ich wünsch euch 'nen guten Trip", ruft Berger großäugig und großmäulig bis in den dritten Rang. Na Mensch, den haben wir bei dieser Auferstehung einer Generation, die die Welt bewegt hat, bei dieser grandiosen Auferstehung des Musicals "Hair" im bis zu den Stehplätzen gefüllten Landestheater Coburg. Lang anhaltende Standing Ovations nach der Premiere am Samstag. Uneingeschränkter Jubel. Alle singen mit bei der Wiederholung von "Aquarius", in Erwartung des friedlichen Zeitalters des Wassermannes. - Und gehen dann nach all dem Flower-Power-Spaß, wohl gar nicht so fröhlich high davon, sondern in aller Aufgekratztheit mit Wehmut, mit Schwermut im Herzen.


Provokant und bitterernst

Schon bei der Uraufführung 1968 kam das Musical des kanadischen Komponisten Galt MacDermot mit den zeitkritischen Texten von Gerome Ragni und James Rado zwar frech und übermütig daher, war aber Ausdruck von für viele am Ende ja lebensbedrohlichem, für manche tatsächlich tödlichen Aufstand gegen die herrschenden Verhältnisse. Songs wie "I'm Black", "Initials", "Hare Krishna", "Where Do I Go", "What a Piece of Work is Man" samt der vielen satirischen Szenen waren provokant in ihrer Kritik an Militarismus, verknöcherter Autorität, Unterdrückung des einzelnen, Rassismus und Bigotterie. Und das Musical war bitterernst gemeint. Die Geschichte, die keine richtige Geschichte ist, sondern ein Stimmungskaleidoskop der 60er Jahre, endet schließlich auch gnadenlos mit dem Tod Claudes in Vietnam.

Heute schauen wir uns all die zelebrierten Albernheiten an, die Naivitäten, das permanente Sexgeprotze oder den quasi religiös inszenierten Drogenkonsum im kollektiven Trip - und wissen von Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix, dem Verrecken von Tausenden, den vielen Kriegen seither, den Enttäuschungen auf sämtlichen Feldern. Das mit der Leichtigkeit des Seins ist keine Leichtigkeit. Den inbrünstigen Schrei nach Frieden, nach Liebe, den aber wollen wir noch immer ehrfürchtig ernst nehmen. Wir haben ihn nötiger.

Trotz all der Albernheiten

Dass dieses Musical bis heute fasziniert und im Innersten berührt, statt in den zeitbedingten Albernheiten stecken zu bleiben, liegt zu allererst an den großartigen Songs und frechen Soul-Sets. Musical-Spezialist Roland Fister lässt sie mit seiner versierten Profiband, in der Bläser und Gitarre immer wieder mit markant in die Glieder fahrenden Solos aufhorchen lassen, explodieren, bis sich das ganze Haus in die fetzigen, peppigen, erst Recht mitreißenden, zum Schluss alles beherrschenden und alle Akteure vereinenden Tanzszenerien stürzen will.

So hat Gastregisseurin Iris Limbarth, selbst choreografin und früher Tänzerin, ihre stilechte und dabei für das Heutige aussagekräftige Inszenierung auch angelegt. Es ging damals um die Körper, und Iris Limbarth zeigt den Protest, den Aufschrei, die Hoffnung, den jugendlichen Übermut packend und mitreißend in den Körpern eines riesigen, kraftvollen Ensembles, bestehend aus den Tänzern des Landestheaters, aus den vielseitigen Mitgliedern des Chores und aus einer großen Zahl von zusätzlich zu den in Coburg vorhandenen Kräften extra für diese Produktion verpflichteten Gastdarstellern.

Benjamin Hübner überrascht

Erst mit den Musicalspezialisten ist das hohe handwerkliche Niveau dieses Theaterereignisses zu erreichen: Andreas Langsch als Berger (den man sich gesanglich allerdings durchaus kraftvoller vorstellen kann), Lemuel Pitts als Hud, Manuel Dengler als Woof, Nedime Ince als Sheila, Georgia-M. Reh als Dionne, Julia Klemm als Jeannie, Sebastian Rousseau als Leni Riefenstahl.

Die zentrale Figur des zwischen den Welten zerrissenen Claude allerdings spielt der ins Coburger Schauspielensemble neu verpflichtete Benjamin Hübner, der gesanglich sehr überrascht, soulig, rockig, rau, zart und tiefgründig.

Was also hat das Landestheater Coburg, hat Regisseurin Iris Limbarth da getan? Mit viel Geschick, mit den fantasievollen Kostümen von Heike Korn und in der treffenden Backstein-Kulisse von Udo Herbster, lässt sie "Hair" sein, wie es ist. Und das ist viel.

Sie kontrastiert nicht, kommentiert nicht, verlagert nichts. Denn "Hair" spricht und vor allem klingt nach wie vor für sich selbst. Iris Limbarth lässt den Geist der Zeit, die zeitlose Botschaft und die Sehnsucht auferstehen. Das großartige Finale "Let the Sunshine In" wirkt nach wie vor, vielleicht ein bisschen trauriger als früher, als Hymne der trotzig bewahrten Zuversicht. Als ein Gebet.

Die Produktion Landestheater Coburg: Inszenierung und Choreografie Iris Limbarth; musikalische Leitung Roland Fister, Bühnenbild Udo Herbster, Kostüme Heike Ruppmann-Korn, Dramaturgie Dirk Olaf Hanke. Videoproduktion Gérard Naziri

Darsteller Benjamin Hübner, Andreas Langsch , Manuel Dengler,Lemuel Pitts, Nedime Ince, Julia Klemm, Silvia Willecke, Georgia-M. Reh, Janina Moser, Veronika Hörmann, Alina Friedrich, Selina Schreiner, Natalie Holzinger, Eriko Ampuku, Chih-Lin Chan, Eun Kyung Chung; Marcus G. Kulp, Simon van Rensburg, Jan Korab, Sebastian Rousseau, Valentin Fruntke, Adrian Stock, Federico Frigo, Po-Sheng Yeh, Takashi Yamamotou.

Theaterband Roland Fister, DominikTremel, Rüdiger Eisenhauer, Tilman Müller, Sebastian Strempel, Klaus Wangorsch, Johannes Liepold, Dirk Rumig, Rainer Werb, Felix Wiegand, Johannes Nied, Ralf Probst.

Weitere Termine: 21., 23., 30. Januar. 19.30 Uhr
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