Coburg
Lesung

Mit den Schülern in die Schwere der Angst

Die Angst und der Weg in die Dunkelheit sind das Thema dieser fünften Leseveranstaltung an der Coburger Fach- und Berufsoberschule am Plattenäcker, nichts Fröhliches, nichts Schräges.
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Mirco Bonné las in der Aula der Fachoberschule. Foto: Carolin Herrmann
Mirco Bonné las in der Aula der Fachoberschule. Foto: Carolin Herrmann
Die Aula war voll am Donnerstag, als Mirco Bonné, ein im Auftreten Ernsthafter und Zurückhaltender, seinen neuesten Roman "Nie mehr Nacht" vorstellte. Und auch die packende Szene aus seinem früheren Roman "Der eiskalte Himmel", die Bonné las, blätterte Seite um Seite die schützenden Decken der menschlichen Psyche vor dem Abgrund, dem drohenden Tod auf, drang nachfühlbar in die Angst.

Auf dem Weg ins Eis

Der blinde Passagier Merce Blackboro - Bonné gab ihm seine eigenen Initialen - steht nach seiner Entdeckung 1914 auf der "Endurance", Kurs Südpol, vor Expeditionsleiter Ernest Shackleton. Der versucht ihm in "Auslotung der Hoffnung" zu vermitteln, was dem historischen Unternehmen, zwei Jahre nach dem tragischen Tod von Robert Scott im antarktischen Eis, bevorstehen würde.

Die organisierenden Schüler der beiden 13.
Klassen unter Leitung von Jens Aumüller hatten zu den historischen Hintergründen eine aufschlussreiche Lichtbilderprojektion vorbereitet, die ebenso wie die kleine Präsentation zum Autor und seinem Verlag klug konzentriert und anschaulich aufbereitet war. Samt der Verköstigung war also wieder ein ansprechender Rahmen geschaffen für die Auseinandersetzung mit aktueller Literatur, die sich diesmal der dunklen Seite der menschlichen Existenz näherte.

Mirco Bonné dringt mit poetischem Gespür sehr unmittelbar hinter die Fassaden seiner Figuren, dabei ohne Bemühtheit in einem selbstverständlichen Fluss des Erkennens erzählend. "Nie mehr Nacht", im vergangenen Jahr in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis, sucht die tiefe Liebe der Geschwister Ira und Markus zu erfassen. Ira ist der schon von Kindheit an sich ausbreitenden Nacht nicht entkommen und hat sich das Leben genommen.

"Zischelwind" der Vergangenheit

Markus fährt nun mit Iras 15-jährigen Sohn aus unterschiedlichen Anlässen, als eine Art Zweckgemeinschaft, in die Normandie, mit "Schwere im Kopf". Die beiden verstehen sich nicht. Der Tod Iras hängt über ihnen. Schon auf der Fahrt, noch in der Picardie, breitet sich im "Zischelwind" über den Lupinenfeldern eine weitere Wirklichkeitsebene aus, die Schatten des Krieges, der Invasion der Alliierten vor 70 Jahren, dabei in der Unwirklichkeit der Wirklichkeit alle ohnehin brüchig gewordenen Verlässlichkeiten verwehend.

Da stößt Markus zufällig beim Einkauf im Elektronikmarkt auf ein Foto Iras. Auf dem Weg "aus dem Sumpf der Kindheit in den Morast der Jugend und weiter in das trockengelegte Moor der mittleren Jahre" war es deren wenig Halt gebende Überzeugung gewesen, der Zufall sei "die Sprache der Welt". Dagegen fühlt sich der 15-Jährige Jesse eher einem unverständlichen "Schicksal" ausgeliefert. Markus sucht in den Zeichen.

In welcher Bewusstseinsebene der Schriftsteller Mirco Bonné lebt und agiert, ließ er in der Antwort auf die Publikumsfrage deutlich werden, warum er zwischendurch eineinhalb Jahre lang nicht an dem Roman gearbeitet hat: Der Weg von Markus führt in einem konsequenten Auflösungsprozess ins Dunkel. Im ständigen Gespräch mit seiner Erzählerfigur wollte Bonnè "unbedingt verhindern, dass er Selbstmord begeht." Erst über andere Arbeiten, Übersetzungen, fand der Autor neue Gedanken und Wege. Für seine Roman-Wirklichkeit.


Buchtipps:

- Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Roman. Schöffling & Co Frankfurt am Main 2013, 354 Seiten, 19,95 Euro.
- Mirko Bonné: Der eiskalte Himmel. Roman. Schöffling & Co 2006, 432 Seiten. 24,90 Euro
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Kurzbiografie zu Mirko Bonné:

Er ist 1965 in Tegernsee geboren, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen von unter anderem Sherwood Anderson, Robert Creeley, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang fünf Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale. Für sein Werk wurde Mirko Bonné vielfach ausgezeichnet.

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