Coburg
Gerichtsverhandlung

Messerstecherei hätte tödlich enden können

Eine 31-jährige Coburgerin hat den Bruder ihres Lebensgefährten in einer Wohnung im Steinweg mit drei Messerstichen verletzt. Sie habe "nur herumgefuchtelt", behauptet die Frau. Gutachter und Gericht sehen das allerdings anders.
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Das Haus im Steinweg, in dem die Angeklagte mit ihrem Lebensgefährten wohnt, ist bei der Polizei eine bekannte Adresse.  Foto: Jochen Berger
Das Haus im Steinweg, in dem die Angeklagte mit ihrem Lebensgefährten wohnt, ist bei der Polizei eine bekannte Adresse. Foto: Jochen Berger
"Fünf Bier pro Tag habe ich getrunken", sagt die junge Frau. Auch Schmerzmittel habe sie genommen, Crystal, Kokain und schließlich Heroin ausprobiert. Weil die vierfache Mutter den Bruder ihres Lebensgefährten im Dezember 2012 im Coburger Steinweg mit drei Messerstichen verletzt hat, muss sie sich seit gestern wegen versuchten Totschlags vor dem Coburger Landgericht verantworten.

Bereits am Vormittag des 14. Dezember trifft sich die 31-Jährige laut Anklage in der Wohnung ihres Lebensgefährten mit ihm und seinem Bruder zum Trinken. Dabei sind auch ihr Vater und ihre Schwester. Schon da kommt es zum Streit: Der Vater schlägt die Scheibe einer Tür ein. Die hinzugerufene Polizei trennt die Streithähne. Mit Vater und Schwester trinkt die Angeklagte in einer Kneipe weiter.

Nachts kehrt sie in die Wohnung ihres Lebensgefährten zurück, drückt die demolierte Tür ein, die mit einer Hartfaserplatte gesichert ist. Als sie ihr Lebensgefährte würgt, greift sich die 31-Jährige zwei Messer: "Ich habe Angst gehabt und deshalb mit den Messern herumgefuchtelt." Der Bruder, der zu Hilfe eilen will, wird dabei an Rücken und Oberarm verletzt.

"Es war eindeutig Zustechen!"

"Und wie erklären Sie die Stichverletzungen, wenn Sie nur herumgefuchtelt haben?", fragte Vorsitzender Richter Gerhard Amend in der gestrigen Hauptverhandlung. Er ließ die Angeklagte mit den Original-Tatwaffen demonstrieren, wie sie die Messer gepackt und geführt hat. Sie habe dabei nicht damit gerechnet, dass wirklich etwas passiere: "Vielleicht nur Kratzer." Das Argument ließ Amend nicht gelten: "Es war eindeutig Zustechen." Auch Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein hakte mehrfach nach: "Das passt nicht."

Mehr als eine halbe Stunde lang stand die Angeklagte dem Gericht über ihr Privatleben Rede und Antwort: Nach dem Besuch der Heinrich-Schaumberger-Schule und der zehnten Klasse in der Berufsschule sei sie sofort schwanger geworden. Eine Berufsausbildung habe sie nicht, sie lebe von Hartz IV.

"Die größeren Kinder sind schon seit vier, fünf Jahren weg." Sie seien in einem Kinderdorf untergebracht. Die beiden jüngeren Kinder lebten bei Pflegeeltern. Immer wieder hat die Angeklagte, die zurzeit im Bezirksklinikum Bayreuth untergebracht ist und dem Gericht in Fußfesseln vorgeführt wird, Erinnerungslücken. Auch das Geburtsdatum des jüngsten Kindes ist ihr nicht geläufig.

Lebensgefährte habe gedroht zum Jugendamt zu gehen

Ihr Lebensgefährte habe sie mehrfach geschlagen. Er habe ihr angedroht, zum Jugendamt zu gehen und sie schlecht zu machen, damit sie ihre Kinder nicht mehr sehen könne. Nach ihrer Zukunft gefragt antwortete sie: "Ich würde gerne eine Therapie machen, um meine Gesundheit auf die Reihe zu kriegen." Ziel sei eine eigene Wohnung ohne den Lebensgefährten.

Bei der Zeugenvernehmung sorgte der prompt für einen Eklat: "Wir haben uns verlobt", behauptete er. Bei der Verlobung selbst war er allerdings gar nicht dabei: Die Schwester der Angeklagten habe ihr in seinem Namen in Bayreuth die Ringe übergeben. Ein Aussageverweigerungsrecht, wie es das deutsche Recht verlobten Partnern zugesteht, erhielt er trotzdem nicht: "Das ist die erste Falschaussage!", polterte Staatsanwältin Haderlein. "Sie sind nicht verlobt!"

"Ich war sehr eifersüchtig", gab der amtsbekannte Mann die Tätlichkeiten gegen die Angeklagte dann auch zu. "Wir haben sehr viel getrunken und sehr viel gestritten." Einmal habe er seine Lebensgefährtin, die er als eher ruhig und in sich gekehrt beschrieb, auch in der gemeinsamen Wohnung eingeschlossen. "Dieser Lebensgefährte tut Ihnen nicht gut", sagte denn auch Amend zur Angeklagten.

2,3 Promille im Blut

Insgesamt kamen am Prozesstag vier Polizeibeamte und zwei Sachverständige zu Wort. "Das Riesendurcheinander in dem Haus im Steinweg ist bei uns schon nichts Besonderes mehr", berichtete ein Polizist.
Michael Zappe, Facharzt für Psychiatrie vom Bezirkskrankenhaus Bayreuth, hat mehrfach mit der Angeklagten gesprochen. Im Jahr 2006 sei die junge Frau erstmals wegen ihrer Drogenabhängigkeit stationär behandelt worden. "Da gab es noch keine Hinweise auf eine psychotische Erkrankung." Er verneinte eine dauerhafte Gefährlichkeit aufgrund einer durch den Drogenkonsum verursachte Psychose und die damit verbundene stationäre Unterbringung. "Heißt das Gefängnis?", fragte Ursula Haderlein nach. In ihr altes Umfeld solle die Angeklagte keinesfalls zurück, antwortete Zappe. "Da fällt sie schnell in alte Gewohnheiten zurück."

Peter Betz, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg, bescheinigte, dass die Stichführung durchaus geeignet war, lebensgefährliche Komplikationen zu verursachen. Zum Zeitpunkt der Tat habe die Angeklagte maximal 2,3 Promille im Blut gehabt.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 2. Oktober, fortgesetzt. Dann soll der Betreuer der Angeklagten zu Wort kommen und das Urteil verkündet we rden.




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