Coburg
Prozessauftakt

Messerattacke Seßlach: Tiefer Stich in den Rücken

Tragischer Ausklang des Altstadtfests 2013 in Seßlach: Wegen versuchten Totschlags muss sich ein 24-Jähriger vor der Großen Strafkammer verantworten. Sein Opfer leidet heute noch unter den Folgen.
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Der Angeklagte entschuldigte sich beim Opfer. Allerdings nur schriftlich - verlesen von seinem Verteidiger Thomas Drehsen. Foto: Christiane Lehmann
Der Angeklagte entschuldigte sich beim Opfer. Allerdings nur schriftlich - verlesen von seinem Verteidiger Thomas Drehsen. Foto: Christiane Lehmann
Das Opfer trägt einen schwarzen Anzug. Der junge Mann läuft langsam, redet bedächtig. Seinen linken Arm kann er nicht mehr nach oben bewegen, er leidet unter Narbenschmerzen und beim Luftholen sticht es ihm immer noch in der Brust. 25 Jahre ist er alt. Seinen Beruf als Feinwerkmechaniker kann er nicht mehr ausüben. Er wird demnächst umschulen. Vorbei ist auch das Fußballspielen und sein Engagement bei der Feuerwehr. Er hatte Glück. Denn seine Verletzungen hätten auch tödlich enden können.

Der Täter, ein 24-jähriger Mann aus dem nördlichen Landkreis Haßberge, sitzt ihm mit Fußfesseln im Gerichtssaal gegenüber. Seit Mittwoch muss er sich wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verantworten. Fünf Einträge im Bundeszentralregister hat er bereits, mehrfach wegen vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung. Seit August 2013 sitzt er in Untersuchungshaft.

Dem vorbestraften Mann wird vorgeworfen, in der Nacht zum 18. August dem 25-Jährigen ein Messer in den Rücken gerammt und ihn dabei lebensgefährlich verletzt.

Wie ist es dazu gekommen?

Auf dem Altstadtfest vergangenen Jahres in Seßlach hatte der Angeklagte mit zwei Freunden gefeiert und getrunken. Gegen 1 Uhr sollten die drei vom Vater des Beschuldigten mit dem Auto abgeholt werden. Auf dem Weg zum Ausgang kam es am Hattersdorfer Tor zu einer Auseinandersetzung mit einer Gruppe anderer Festgäste, zu der auch das spätere Opfer gehörte.

Die drei aus dem Landkreis Haßberge, etwas übermütig und betrunken, entfernten die Straßenabsperrung und wollten sie ein Stück mitnehmen. Daran wollten sie die anderen hindern. Auch sie hatten dem Alkohol gut zugesprochen. Es kam zum Gerangel, bei dem sich einer eine blutige Lippe holte, ein anderer eine Bisswunde erlitt.
Nachdem sich die Situation kurzzeitig beruhigt hatte, kam es zwischen dem Angeklagten und dem Opfer zu einer erneuten Rauferei. Während das Opfer davon spricht, plötzlich einen stechenden Schmerz im Rücken gespürt zu haben, tischte der Angeklagte eine ganz neue Version des Tathergangs auf. Danach sei er von dem 25-Jährigen auf dem Boden liegend gewürgt worden, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Aus Notwehr habe er nach einem Gegenstand gegriffen, der ihm im Rücken lag und dabei das Taschenmesser seines Freundes erwischt. Er habe es aufgeklappt, ausgeholt und zugestochen.

In einer SMS bedroht

Sein Freund, der als Zeuge aussagte, bestätigte, dass er sein Messer verloren hatte und demonstrierte, dass es mit einer Hand zu öffnen sei. Allerdings machte er deutlich, dass es mit der Freundschaft seit dem Vorfall vorbei sei. "Das war einfach alles zuviel!" Damit meinte er nicht zuletzt auch die SMS, die er vom Bruder des Angeklagten erhalten hatte. Der hatte ihm gedroht, er werde "kalt gemacht", wenn er aussage.

Von einem großen Durcheinander und Chaos sprachen sowohl die Rettungssanitäter als auch die Polizisten, die in der Nacht zum Tatort gerufen wurden. Völlig unklar war zunächst, woher der junge Mann die Verletzung im Rücken hatte und um was es sich dabei genau handelte. Zwar klagte er über Schmerzen, war aber ansprechbar. Wenig später hatte er allerdings Atemnot und die Wunde blutete stark. Ob es sich um eine Stichverletzung handelte oder ob der Mann in die Hecke oder in eine Glasscherbe gefallen war, ließ sich nicht sagen.

Erst am nächsten Tag, als die Beamten des Kriminaldauerdienstes den Mann im Krankenhaus besuchten, war klar, dass es sich um eine Stichverletzung handelte. Sie fuhren anschließend noch einmal zum Tatort und suchten nach der Tatwaffe. Während die Beamten das Umfeld der Rangelei inspizierten, kam ein kleiner Junge um die Ecke, der das blutverschmierte Messer hinter der Hecke gefunden hatte. Er sagte am Mittwoch ebenfalls aus und schilderte, wie er das Messer entdeckt hatte.

Entschuldigung verlesen

Gleich zu Prozessbeginn entschuldigte sich der 24-Jährige bei seinem Opfer. "Es tut ihm leid", ließ er von seinem Anwalt verlesen. Er habe keine andere Wahl gehabt. Er habe erst seinen Vater verteidigt und schließlich selbst in Notwehr gehandelt.

Der Rechtsmediziner Peter Betz aus Erlangen sieht das allerdings anders. Die Version des Angeklagten, in einer bogenförmigen Bewegung liegend zugestochen zu haben, sei wohl möglich aber doch eher unwahrscheinlich. Auch fragt er: "Wieso greift ein angeblich derart bedrohter Mann mit seiner freien Hand nach einem Gegenstand in seinem Rücken anstatt den Gegner wegzudrücken?"

Betz erläuterte auch die Schwere der Verletzungen. Das Opfer zog sich eine zwei bis drei Zentimeter breite, sechs Zentimeter lange, sechs bis sieben Zentimeter tiefe Schnittwunde am Rücken zu. Es kam zu einem Pneumothorax, das heißt, die Lunge fiel teilweise in sich zusammen. Außerdem wurden mehrere Muskeln und Nerven verletzt oder durchtrennt, so dass der junge Mann noch heute unter den Folgen zu leiden hat.

Nach Auffassung der Rechtsmedizin hatte der Täter zum Tatzeitpunkt mindestens 1,84 und maximal 2,23 Promille Alkohol im Blut.

Genaue Aussagen zum Stichkanal konnte der Rechtsmediziner nicht machen, da auch das Klinikum in der Patientenakte dazu keine Angaben macht. Um überhaupt an die Akte zu gelangen, musste der Vorsitzende Richter Gerhard Amend nach einem Telefonat aus dem Gerichtssaal mit dem zuständigen Oberarzt am Klinikum die Akte beschlagnahmen und von einer Polizeistreife abholen lassen. Die Verhandlung wird am Montag, 14. April, 14 Uhr, fortgesetzt. Mit dem Urteil ist am 16. April zu rechnen.

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