Coburg
Premiere

"María de Buenos Aires" fordert die Sinne der Zuschauer

Eine unheilige Maria, die stirbt und wieder stirbt und aufesteht in den düsteren Straßen von Buenos Aires. Dämone, Engel, Huren und Verbrechen: Das Landestheater Coburg fordert mit einer vielschichtigen Tanzproduktion zu Astor Piazzollas Tango-Operita "María de Buenos Aires" unsere ganze Sinneskraft.
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Maria de Buenos Aires (Emily Downs) lebt und stirbt und aufersteht immer wieder im Tanztheater nach Astor Piazzolla am Landestheater Coburg.  Foto: Henning Rosenbusch
Maria de Buenos Aires (Emily Downs) lebt und stirbt und aufersteht immer wieder im Tanztheater nach Astor Piazzolla am Landestheater Coburg. Foto: Henning Rosenbusch
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"Maria unser von Buenos Aires, vergessen bist du unter den Frauen". Was in dieser "Tango-Operita" so alles durcheinander fliegt - hier etwa das dem "Vater unser" nachfolgende "Maria unser" des katholischen "Rosenkranzes" - ist atemberaubend. Gewaltig schwülstig, sogar unverschämt, für den, der Astor Piazzollas Tango-Oratorium nüchtern betrachtet. Rauschhaft blühend in seinen düsteren Fantasien für diejenigen, die Horacio Ferrers Texte als ungebändigt streunende Poesie gelten lassen.

Am Landestheater Coburg hat Ballettchef Mark McClain aus "María de Buenos Aires" ein wuchtiges Tanztheater erstehen lassen, das bei der Premiere am Samstag nachhaltig begeisterte - und die Sinne der Zuschauer auch heftig (über)forderte.


Das 1968 uraufgeführte hintergründige Musikstück des Tango-Erneuerers Astor Piazzolla (1921 bis 1992) versucht im Gegenüber von Sprechpassagen und Singstimmen Geist und Lebenskraft der Stadt Buenos Aires und der mit ihr aufs engste verbundenen Musik, des Tangos, in mythischen Bildern zu erfassen.

Keine stringente Geschichte

Eine "Geschichte" ist kaum stringent zu erzählen; ein Dämon, El Duente, erweckt María de Buenos Aires, die Stimme des Tangos und des unbesiegbaren Lebenswillens, aus dem berstenden Asphalt der Großstadt. Ihr Weg ist voller Unglück und "Tristesse", sie steigt in die Unterwelt zu Huren und Verbrechern, stirbt, wird mehrfach wiedergeboren, bleibt als Schatten.

Allein dem zu folgen, ist eine Aufgabe, eine sehr reizvolle, wohlbemerkt, vor allem in der musikalischen Erweckung von Piazzollas rhythmenreicher, vielschichtiger, atmosphärisch hinreißender Komposition durch ein kleines Tango-Auswahlorchester des Landestheaters. Unter der inspirierten Leitung von Roland Fister agieren Streicher, Flöte, Gitarre, Roland Fister selbst jazzig am Klavier, in dem fast zweistündigen Werk auf höchstem Niveau solistisch fesselnd und verschmelzend zu jenem musikalischen Kosmos, den Astor Piazzolla aus der ursprünglichen volkstümlichen Tanzmusik mit Klassik und Jazz verwoben hat. Das zentrale Bandoneon schwingt und sehnt über allem, gespielt von dem extra engagierten Virtuosen Norbert Gabla.

Gewaltige Worte

Die Partie der María wird mit tragischer Erschütterung in der tiefgründig geführten Stimme von Gabriela Künzler (alternierend mit Petra Gruber) in die Traurigkeit versenkend und trotzdem stets eine Spur distanziert gesungen. Milen Bozhkov ist das südlich-melancholische, klangvolle männliche Gegenüber in diversen Rollen, vor allem dem Payador, eine Art begleitend kommentierender Liedermacher. Marcello Mejia-Mejia ist in der melodischen Sprechrolle des Duente sehr präsent.

In Musikern und Sängern fließen unablässig assoziierend die furchtlos vor gewaltigen Worten auftrumpfenden Texte des argentinischen Lyrikers Horacio Ferrer (geboren 1933), in verschlungener christlicher Symbolik, Untergangsvisionen, von Engeln und Teufeln und zukünftigen Marias, die dem Morgen entgegen eilen; spanisch gesungen, mit deutschen Übertexten.

Andreas Becker, Ausstatter mit (alb)traumhafter Vorstellungskraft, hat dazu den wuchernden, berstenden und feu errot erglühenden Asphalt der großstädtischen Unterwelt auf die Bühne des Landestheaters gebracht.
Und in und vor all dem vergegenwärtigt Ballettchef Mark McClain die zahlreichen mythischen und symbolischen Personen und ihre Geschichten in körperlicher Präsenz, in komplexen tänzerischen Leben. Der frühere klassische Tanzstar McClain bleibt auch hier in Gestus und Ausstrahlung weitgehend dem klassischen Tanz verbunden; die einzelnen Figuren finden darin aber immer wieder zu beeindruckender, freierer Charakterisierung, zu traumhaften Momenten.

Emily Downs als zarte und zugleich ungebändigte María, Marius Czochrowski als El Duende, Niko Ilias König immer wieder überraschend in sprungfreudiger Ausdruckskraft als Payador und der originelle Takashi Yamamoto als Verkörperung des Bandoneons sowie das restliche Ensemble in vielen weiteren Rollen fordern und verdienen allein eigentlich sämtliche Aufmerksamkeit und Gefühlskraft des Theaterbesuchers.

Was sollen wir da nun tun als kleine Zuschauerlein? - All unsere Sinneskräfte zusammennehmen, die Produktion womöglich mehrmals besuchen, um ihrem Ausdrucksreichtum zu folgen. Sie ist es wert.

Landestheater Coburg "María de Buenos Aires", Ballett von Mark McClain nach der Tango-Operita von Astor Piazzolla. Musikalische Leitung Roland Fister, Ausstattung And reas Becker, Dramaturgie Susanne von Tobien. Darsteller: Ballett und Sänger des Landestheaters Coburg. Mitglieder des Philharmonischen Orchesters des Landestheaters, Norbert Gabla (Bandoneon).

Weitere Vorstellungen 12., 18., 25., April, 19.30 Uhr, 28. April, 15 Uhr, Großes Haus.
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