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Coburg
Kundgebungen

Manche Coburger haben keine Lust mehr auf Corona-Gängelung

Coburger protestierten mit der AfD für die Bürgerrechte, die sie außer Kraft gesetzt sehen. "Wahrheit, Liebe und Freiheit" war für andere die Lösung.
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Ihrem Unmut gegen die Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie machten Mitglieder und Anhänger der AfD am Samstag auf dem Marktplatz von Coburg Luft. Von der politischen Kaste und  Bill Gates fühlt man sich gegängelt und bedroht. Kreisrat Peter Zuccala (links) und die Lichtenfelser AfD-Politikerin Heike Kunzelmann (hinten) sehen die Bürgerrechte in Gefahr. Foto: Christoph Winter
Ihrem Unmut gegen die Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie machten Mitglieder und Anhänger der AfD am Samstag auf dem Marktplatz von Coburg Luft. Von der politischen Kaste und Bill Gates fühlt man sich gegängelt und bedroht. Kreisrat Peter Zuccala (links) und die Lichtenfelser AfD-Politikerin Heike Kunzelmann (hinten) sehen die Bürgerrechte in Gefahr. Foto: Christoph Winter
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Für "den Erhalt unserer Bürgerrechte, für Bargeld und gegen Impfzwang" veranstaltete die Alternative für Deutschland (AfD) am frühen Samstagnachmittag auf dem Coburger Marktplatz eine einstündige Demonstration. Nach einer halbstündigen Pause kamen um Luise Hecht etwa drei Dutzend Menschen zusammen, die ihre "Energien für Wahrheit, Liebe und Freiheit" in der Corona-Krise sammelten. Die beiden voneinander unabhängigen Veranstaltungen hatten schon eine Woche zuvor so auf dem Marktplatz stattgefunden.

Vom Ordnungsamt waren jeweils maximal 50 Teilnehmer genehmigt worden und ausreichend Abstand gefordert, um Infektionen mit dem Coronavirus zu vermeiden. Ein Umzug durch die Stadt war tabu. Mund- und Nasenschutz zu tragen war nach Angaben der Polizei empfohlen. "Wir haben auch einige Masken dabei, die bei Bedarf verteilt werden können", sagte der Einsatzleiter.

Michael Höpflinger, stellvertretender AfD-Kreisvorsitzender und Mitglied des Coburger Kreistages, sieht die Bürgerrechte durch die Anordnungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie eingeschränkt. "Die jetzt verkündeten Lockerungen reichen nicht aus", meinte er. Ein weiterer Redner sah in den Demonstranten "die Verteidiger der Freiheit". Nicht erst seit der Corona-Pandemie seien die Grundrechte beschnitten, sondern beispielsweise schon mit der Verschärfung der Waffengesetze. Das treffe unbescholtene Jäger und Sportschützen. Die geplante Abschaffung des Bargeldes und der damit folgende bargeldlose Zahlungsverkehr, so die Sichtweise des Mannes, diene nicht dazu, Drogen- und Waffenhandel zu verfolgen, sondern "es geht nur um die Kontrolle der Menschen". Corona sei "nur ein Experiment, wie leidensfähig der deutsche Michel ist", so eine weitere These. Die Anwesenden seien "die Helden der Demokratie".

Bertolt-Brecht-Zitat

Diese "Helden" und "Heldinnen" machten auf Transparenten ihrem Unmut Luft: "Gib Gates keine Chance" war in Anlehnung an einen Slogan gegen die HIV-Seuche Aids zu lesen, und "Enemy at the Gates". Bertolt Brecht wurde bemüht mit dem Zitat "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht".

AfD-Kreisrat Peter Zuccala stellte sich als Patriot dar ("Ich liebe Deutschland") und prophezeite eine Impflicht gegen und wegen Corona. Er sprach sich vehement dagegen aus, dass "irgendein Dreck in meine Adern gepumpt wird", und erhielt Beifall. Die Deutsche Presseagentur (dpa) verbreitete am Samstag eine Stunde vor der AfD-Veranstaltung die Meldung, eine Impfung gegen Corona werde nach den Worten von Kanzleramtsminister Braun freiwillig sein.

Im Weiteren gelang Peter Zuccala, eine Parallele zur Machtergreifung und Judenverfolgung der Nazis zu ziehen, und er bezeichnete seine Rede als "Bürgerpflicht". "Eine Zensur findet nach Artikel 5 des Grundgesetzes nicht statt", so Zuccala mit sich überschlagender Stimme.

Eine Parteifreundin, die Lichtenfelser Stadt-, Kreis- und Bezirksrätin Heike Kunzelmann, übte sich hingegen in Presseschelte, war sie doch mit der Berichterstattung über eine gleichartige Veranstaltung in Lichtenfels vor einer Woche so gar nicht einverstanden. Die Lockerungen der Corona-Vorschriften führen nach ihrer Wahrnehmung in den "Überwachungsstaat 2.0 mit Atemschutzmaske", weil man beim Biergartenbesuch und beim Friseur Name und Anschrift hinterlassen müsse. Auch dunkle Vorschriften für die Essgewohnheiten machte sie aus: Weil die Bratwurst zuviel verursache, werde eine vegane Ernährung für alle angeordnet, so ihre Vorhersage.

Die Reaktionen von Zuhörern auf die Aussagen reichten von ungläubigem Amüsement bis hin zu verärgerter Ablehnung.

Und dann gab es noch eine weitere Gruppe von Coburgern, die es wesentlich entspannter anging: Mit Yogaübungen und Gesang machte sie im Anschluss auf die drohende Gefahr der Verletzung der Grundrechte durch die Corona-Auflagen aufmerksam. Bei ihr sei die Grundhaltung aus "der anfänglichen Wut" darüber, nicht arbeiten und die Kinder nicht zur Schule schicken zu können, ins Positive übergegangen, sagte Luise Hecht. Ihr geht es um das Leben nach der Pandemie: Verschiedene Meinungen und Ansichten seien zu tolerieren, "ohne als Verschwörungstheoretiker oder Aluhut-Träger beschimpft zu werden". "Wir alle haben einen Platz auf dieser Welt, den können wir uns mit Liebe, Wahrheit und Freiheit sichern", sagte Hecht.