Coburg

Mäuse residieren im Trausaal des Coburger Burglaßschlösschens

Beschäftigte und Mitarbeiter der Wefa in Rödental bauen das Bürglaßschlösschen maßstabsgetreu nach. Die ursprünglichen Modelle sind völlig zerstört.
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Projektleiter Michael Schäfer zeigt auf den historischen Trausaal. Ein Mitarbeiter der Wefa hatte ursprünglich an dem Modell mitgebaut und sich erinnert. Beim Abnehmen des Daches kam das Kleinod zum Vorschein. Fotos: Christiane Lehmann
Projektleiter Michael Schäfer zeigt auf den historischen Trausaal. Ein Mitarbeiter der Wefa hatte ursprünglich an dem Modell mitgebaut und sich erinnert. Beim Abnehmen des Daches kam das Kleinod zum Vorschein. Fotos: Christiane Lehmann
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Ob der Übeltäter die Stadt- oder die Landmaus war, bleibt offen. Dass es sich eine kleine Maus im Miniatur-Trausaal des Burglassschlösschens gemütlich gemacht hat und dabei Wände angeknabbert und den Parkettboden zerbröselt hat, ist sicher. Sie hat deutliche Spuren hinterlassen.

Doch sie ist nicht die einzige, die sich an dem Modell zu schaffen gemacht hat. Vielmehr Schaden haben Wind und Wetter angerichtet. Ob "Coburg in Miniatur", wie die Modelle der Ehrenburg, des Schlossplatzes, des Landestheaters, des Bürglaßschlösschens , des Ketschentores und des Rittersteichschlösschens genannt werden, zu retten sind, bleibt fraglich.

Die Coburg Stadt und Land aktiv GmbH hat sich dem Ensemble angenommen.Ehrgeizig und zuversichtlich setzte sich Annabelle Menzner und ihr damaliger Chef Stefan Hinterleitner für die Wiederherstellung der Miniaturgebäude ein. Eine Reportage im Tageblatt im Sommer 2018 hatte auf den miserablen Zustand des Ensembles, das im Garten der Ernstfarm ausgestellt war, aufmerksam gemacht. Mühsam war der Abbau der Gebäude, das Zerlegen in Einzelteile und der Transport in einen Leerstand im Steinweg. Traurig die Erkenntnis, dass die Modelle kaum erhalten werden können.

Großer Glücksfall

Als einen großen Glücksfall bezeichnet es Annabelle Menzer, dass am Tag der Städtebauförderung zufällig Michael Schäfer von der beruflichen Bildung der Wefa im Steinweg vorbeikam - und sich spontan in die Miniaturen verguckte. "Dass da viel Herzblut drinsteckt, habe ich auf den ersten Blick gesehen", erinnert er sich. "Ich wusste, wir haben die Möglichkeiten, die Modelle mit unseren Beschäftigten in der beruflichen Bildung zu sanieren", sagt er. Als dann auch noch der Leiter der Wefa, Matthias Emmer, vorbeikam und auch bei ihm der Funke für die Idee übergesprungen ist, war das Projekt schon fast eingetütet. Noch einmal drüber schlafen und dann war klar: Die Wefa steigt in das Projekt des Regionalmanagements ein. "Wir bringen die Manpower, Coburg Stadt und Land aktiv zahlt die Materialkosten!" Gesagt getan.

Die Wefa nimmt es in die Hand

Das Bürglaßschlösschen hat Einzug in die Wefa in Rödental gehalten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Schon im Erdgeschoss sind erste Spuren sichtbar. An einer Schautafel hängen Fotos mit den Malereien des historischen Trausaals. An einem Schreibtisch davor sitzt Gruppenleiterin Christine Rauchert-Bohla, die die Intarsien- und Wandmalerein nachzeichnet. Ihre Kollegin Tanja Faustmann schaut über die Schulter und gibt Tipps. Sie wird es sein, die sich später um maßstabsgerechte Dekoration kümmert.

Im ersten Stock wird das Ausmaß des neuen Projekts deutlich. In einem großen Raum steht mittig das zum Teil zerlegte Miniatur-Schlösschen, daneben bereits der Rohbau eines Nachbaus. An Schautafeln hängen Innen- und Außenansichten des Originals und an zwei Arbeitstischen wird gefeilt, geklebt, gesägt, gemalt und getüfftelt. Eine Mini-Kreissäge wurde angeschafft und eine Sandstrahlkabine gebaut.

Originalteile werden verbaut

"Tatsache ist, dass das Miniatur-Gebäude nicht gerettet werden kann. Wir bauen neu", sagt Projektleiter Michael Schäfer. Sein Assistent Klaus Wunder, Zimmermann mit pädagogischer Zusatzausbildung, erläutert, dass durch das Austrocknen der Wände die Risse und Schäden noch deutlicher zum Vorschein kamen. Originalteile, wie der historische Balkon oder Details aus dem Trauzimmer, das beim Abnehmen des Dachs erst entdeckt wurde, werden übernommen. Neu dagegen müssen die Fenster gezimmert werden. Einen ganzen Tag lang haben Michael Kopelent und Andreas Rath an den filigranen Holzmodellen gebastelt. Der Aufwand ist enorm. Jetzt hat sich die Mannschaft entschlossen, die 32 Fenster in Gußharz zu gießen. Eine Form ist bereits erstellt. Die Wefa in Niederfüllbach übernimmt den Guss. Matthias Thunser, gelernter Schlosser mit pädagogischer Zusatzausbildung tüftelt derweil an der Zusammensetzung des Putzes.

Am Modell fürs Leben lernen

Die Männer "brennen" für das neue Projekt. "Alle lernen am Modell", sagt Thunser. Es sei toll zu sehen, welche Fähigkeiten und Talente die Beschäftigten bei sich entdecken, welche Fragen aufgeworfen werden und mit welcher Begeisterung alle bei der Arbeit sind.

Stellt sich jetzt nur noch die Frage nach der Verwendung des fertigen Modells. "Wir brauchen einen geeigneten Platz, damit die Arbeit auch wertgeschätzt werden kann", sagt Annabelle Menzner. Sie würde das Miniatur-Schlösschen am liebsten im neu gestalteten Bahnhof sehen. Matthias Thunser könnte es sich auch im Original-Burglassschlösschen vorstellen. Oder unter Glas im Josiasbiergarten... Ideen gibt es genug.

Wie alles begann

Entstehungsgeschichte In den Jahren 2010 bis 2015 hat das Berufsförderwerk Nürnberg gemeinsam mit den Jobcentern Coburg Stadt und Land eine Maßnahme mit fast 150 Langzeitarbeitslosen durchgeführt. Es entstand ein Modell der historischen Gebäude Coburgs - originalgetreu im Maßstab 1:25. Zu sehen war es eineinhalb Jahre lang im Naturkunde-Museum, danach wurde es auf der Ernstfarm "abgestellt" und schutzlos der Witterung ausgesetzt. Im Frühjahr 2018 sollte der Betreiber der Ernstfarm ein Angebot für den Abriss erstellen. Im Juni erschien unsere Reportage "Endzeitstimmung in Miniatur", die den Anstoß für die Hilfsaktion gab.

Kommentar

Zweite Chance

Von einer Rettungsaktion für "Coburg in Miniatur" kann nicht mehr gesprochen werden. Die Modelle sind nicht mehr zu retten. Feuchtigkeit, Spinnen und Mäuse haben die filigranen Bauwerke aus Mörtel, Holz und Lack zerstört. Was im Sommer 2018 noch so aussah als könnte es restauriert werden, ist mittlerweile nicht mehr erhaltenswert. Der Anblick der historischen Modelle, die mit viel Liebe zum Detail geschaffen wurden, macht traurig und wütend zugleich. Ein Beispiel für die fehlende Wertschätzung für die Arbeit der Menschen und ihr Werk. Doch welch eine Freude zu sehen, wie sich jetzt wieder Menschen dafür begeistern. Menschen, die nicht aufgeben, die Lösungen suchen und finden. Ein Team aus Mitarbeitern und Beschäftigten der Wefa haben das Bauvorhaben "Bürglaßschlösschen" in Angriff genommen. Ein neuer Rohbau steht bereits. Jedes Detail, was aus dem alten Modell übernommen werden kann, wird eingebaut. Neueste Technik kommt zum Einsatz. Ob Projektleiter, pädagogische Fachkraft oder Arbeiter - alle sind mit Herzblut dabei. Ideenreichtum, Geduld und Geschick sind vorhanden. Beste Voraussetzungen also. Wenn wir von einer zweiten Chance für "Coburg in Miniatur" sprechen, dann denken wir an die Zeit nach der Fertigstellung. Daran, einen würdigen Platz dafür zu finden. Einen, der die Handwerker ehrt und die Arbeit schützt.

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