Coburg
Lesung

Luise geistert durch die Geschichte

Prinz Alberts verschwiegene Mutter Luise wurde durch ZDF-Redakteurin Ulrike Grunewald ins Bewusstsein gebracht. Die ZDF-Dokumentation kommt im Dezember.
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Sie war ein liebreizendes Kind, Luise, Prinzessin von Sachsen-Gotha-Altenburg,verliebte sich gar in den 17 Jahre älteren  Coburger Ernst I. . Für Ihn war sie jedoch eher dynastisches Kalkül. Herzoglicher Kunstbesitz
Sie war ein liebreizendes Kind, Luise, Prinzessin von Sachsen-Gotha-Altenburg,verliebte sich gar in den 17 Jahre älteren Coburger Ernst I. . Für Ihn war sie jedoch eher dynastisches Kalkül. Herzoglicher Kunstbesitz
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"Ich bin kein abergläubischer Mensch. Aber in dieser Geschichte steckt etwas Seltsames." Es geht um die Geschichte von Herzogin Luise von Sachsen-Coburg-Saalfeld, der verbannten, versteckten, totgeschwiegenen, dann tatsächlich mit 31 Jahren gestorbenen Mutter von Prinz Albert. Die erfahrene ZDF-Redakteurin Ulrike Grunewald, zu Gast in der voll besetzten Buchhandlung Riemann, schluckt noch immer berührt. - Sentimentale Rührung über eine aus unserer Sicht heute brutale Behandlung einer unliebsamen Frau?

Herzog Ernst I. hatte geschickter Weise die 16-jährige Erbin des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg geheiratet. So kam das Herzogtum Coburg-Sachsen-Gotha zustande. Nachdem sie mit der Geburt der zwei Söhne, später Ernst II. und Prinz Albert, ihre dynastische Aufgabe erfüllt hatte und sich als junges, dummes Mädchen einbildete, ein bisschen lebenslustig sein zu dürfen - der ihr zur Last gelegte Ehebruch wurde niemals bewiesen - entledigte sich Ernst I. ihrer, ließ sie bei Nacht und Nebel in die Verbannung, nach St. Wendel im Fürstentum Lichtenberg bringen. Ihre Söhne sah sie nie wieder. Und diese nicht ihre Mutter, was Prinz Albert nachweislich, so Grunewald, nie verwunden habe.

Die Geschichte geht uns nah

In absolutistischen Zeiten war derlei Umgang mit Gattinnen, Mätressen, Geliebten nichts Ungewöhnliches. Doch in Coburg ist diese Geschichte näher, und sie rückte in diesem Jubeljahr zu Albert und Victoria noch viel näher. Was Ulrike Grunewald vielleicht nochmals als eine dieser merkwürdigen Fügungen empfinden könnte, die ihr die vergessene Luise in den Weg, ins Bewusstsein, auch in ihr Gemüt gerollt haben.

Grunewald hat seit 1979 für das ZDF verschiedene Dokumentationen über das englische Königshaus erstellt, kam so zwangsläufig auch nach Coburg. 1987 begleitete sie Prinzessin Diana und Prinz Charles auf ihrer Deutschlandtour. Seit 2006 war die Redakteurin öfter in Coburg, da erzählte man ihr von Luise, sie begann zu forschen.

Jetzt ermöglichte es die große Aufmerksamkeit für das royale Traumpaar des 19. Jahrhunderts Grunewald auch, aus ihren Forschungen, der ursprünglichen Dissertation, die zeitgerecht Anfang des Jahres nochmals als fantasievoller ausgeformte Biographie unter dem Titel "Die Schand-Luise" erschienen ist, einen Dokumentarfilm zu drehen. Der in Zusammenarbeit mit Sara Ferguson, Herzogin von York, die Ex-Frau von Prinz Andrew, gedrehte Film wird am 17. Dezember zu bester Sendezeit um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

Eine ausradierte Frau?

Das Tageblatt hat über die Biographie und das Leben Luises ausführlich geschrieben (26. Februar). Der Abend mit der Autorin bei Riemann brachte ihrem weitgehend weiblichen Publikum Einblicke in die spannende und durch viele Zufälle geleitete Entdeckung der Geschichte: Grunewald sitzt beispielsweise in St. Wendel, und ein englischer Nachfahre des zweiten Ehemannes von Luise, Maximilian von Hanstein, tritt an sie heran und schenkt ihr die von ihm in Auftrag gegebene englische Übersetzung ihrer Doktorarbeit. So kann die auch in England verdrängte und bis heute rumorende Geschichte der Mutter von Prinz Albert nun auch dort rezipiert werden, gerade auch im Hause Windsor.

Ulrike Grunewald tut trotz diverser Dokumentationen nicht so, als sei sie intime Kennerin des englischen Königshauses. Aber tatsächlich nahm "Fergie" mit ihr Kontakt auf. "Die Queen interessiert sich", so viel wagte Grunewald zu sagen. Denn tatsächlich sei die verdrängte Schwiegermutter Queen Victorias ein wunder Punkt in der Familiengeschichte der Windsors. Grunewald ist überzeugt: "Man kann Menschen nicht aus der Geschichte ausradieren." Insofern habe die tragische Geschichte von Luise, die so jung 1831 an Gebärmutterkrebs starb, nach wie vor Relevanz.

Prinz Albert, nicht umsonst bis heute in England sehr verehrt, habe die dekadente und eigentlich zerrüttete englische Monarchie durch die Verkörperung von Familiensinn und hohen ethischen Werten geradezu gerettet. Die musste der sensible Albert aus seiner eigenen grausamen Familiengeschichte gewinnen.

Heute ist man der Meinung, dass man solche Hintergründe kennen sollte, um Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen. Ob es wichtig ist, herauszufinden, ob nicht eher der Bruder von Ernst I., König Leopold I. von Belgien (1790 - 1865), der Vater von Prinz Albert war, weiß auch Ulrike Grunewald nicht endgültig zu sagen. Es gibt Hinweise. Leopold hat nach dem Tod seiner Gattin, der englischen Thronfolgerin Charlotte, die gesundheitlich und aufgrund der Missachtung durch ihren Gemahl angeschlagene junge Luise sehr getröstet.

Grunewald ist überzeugt, dass Luise für das Herzogshaus weit über ihren Tod hinaus gefährlich war. Nur so lasse sich die rigorose Verbannung und Ausradierung der Erinnerung an sie erklären. Selbst nach dem Tod von Ernst I. lassen die Söhne die Leiche der Mutter, die in einem Örtchen bei St. Wendel mehr oder weniger verscharrt worden war, nur unter Geheimhaltung bergen und 1846 in der Coburger Morizkirche beisetzen. Später kamen ihre Überreste ins Mausoleum auf dem Glockenberg. Fragt sich nur, warum Luise so gefährlich war. Wie gesagt, andere Herrscher haben sich ihrer Frauen eher ungeniert entledigt. Fakt ist, es gibt nach wie vor ungeklärte Details und Zusammenhänge in der Geschichte Luises und damit in der Geschichte des Herzogshauses Coburg-Sachsen-Gotha.

Aktuell Ulrike Grunewald: Die Schand-Luise. Der Skandal um Queen Victorias verstoßene Schwiegermutter. wbg Theiss Darmstadt 2019, 288 Seiten, 25 Euro

Dissertation Ulrike Grunewald: "Luise von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1800-1831). Lebensräume einer unangepassten Herzogin". Böhlau Verlag 2013. 40 Euro

Dokumentation Sendezeit: 17. Dezember, 2015 Uhr im ZDF. Im Mittelpunkt steht die Spurensuche von Sarah Duchess of York, die auf ihrer Reise durch Deutschland und England das Mysterium um Prinz Alberts Mutter Luise aufklären will. Die Herzogin von York besuchte dazu Schlösser und bislang verschlossene Archive und ging der Frage nach, welchen Einfluss das Schicksal Prinz Alberts und seiner Mutter auf das Haus Sachsen-Coburg und Gotha und die britische Monarchie hatte.

Ulrike Grunewald, geboren 1958, ist Redakteurin und Regisseurin in der ZDF-Redaktion Zeitgeschehen. Als ZDF-Moderatorin und -Reporterin arbeitete sie für das heute-journal und das Mittagsmagazin. 1987 begleitete sie Diana und Charles auf ihrer Deutschlandreise. Es folgten große TV-Dokumentationen, die sie als Autorin oder Redakteurin mitgestaltete, wie "Wir von drüben", "Fall Deutschland", "Die Königskinder", "Die Windsors" und "Die Wölfe" (ausgezeichnet mit dem International Emmy 2009). Zu verschiedenen TV-Produktionen hat Grunewald populäre Bücher veröffentlicht. 2012 wurde sie mit einer Arbeit über Luise von Sachsen-Coburg-Saalfeld promoviert.

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