Coburg
Interview

"Lohengrin" in Coburg: Sehnsucht nach dem Retter

So macht sich Gastregisseur Carlos Wagner auf die Suche nach der inneren Geschichte in Richard Wagners romantischer Oper.
Artikel drucken Artikel einbetten
Gastregisseur Carlos Wagner bei der Probenarbeit zu Richard Wagners "Lohengrin" (Foto rechts: Mariusz Czochrowski). Fotos: Pilar Dismar
Gastregisseur Carlos Wagner bei der Probenarbeit zu Richard Wagners "Lohengrin" (Foto rechts: Mariusz Czochrowski). Fotos: Pilar Dismar
+3 Bilder
Eine junge Frau soll ihren Bruder ermordet haben. Sie steht deshalb vor Gericht - allein, ohne Hilfe. Rettung erhofft sie sich von einem edlen Ritter. Der freilich lässt lange auf sich warten. Doch als er endlich kommt, um für ihre Unschuld zu bürgen, verknüpft er seine Hilfe mit einem strikten Verbot: Nie darf sie ihn nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen. Das ist die äußere Geschichte, die Richard Wagners "Lohengrin" erzählt. In seiner Coburger Inszenierung aber begibt sich Gastregisseur Carlos Wagner auf die Suche nach der Geschichte hinter dieser Geschichte. Der Premierenvorhang hebt sich am Sonntag, 23. Februar, im Landestheater.

Carlos Wagner inszeniert Richard Wagner: Wie nahe ist Ihnen dieser Komponist?
Carlos Wagner: Sehr fremd, äußerst fremd.
Der Zugang zu Wagner ist für mich eigentlich sehr schwierig.

Warum genau?
Wenn ich das ganz brutal ausdrücken darf: Wagner ist ein unvergleichlicher Komponist, ein mittelmäßiger Librettist und ein für mich inakzeptabler Dramaturg und Philosoph, wenn da überhaupt eine Philosophie drin ist.

Warum inszenieren Sie "Lohengrin" trotzdem in Coburg?
Es gibt Opern, die man unbedingt inszenieren will, weil sie von der Komposition her so unglaublich vielschichtig und voller Überraschungen sind. Man wird durch die Musik von diesem Material so beeindruckt. Dann sucht man in dem Material etwas, das man erzählen möchte. Ich kann eine Oper nur inszenieren, wenn ich darin eine Geschichte finde, die ich wirklich erzählen will. Bei Wagner findet man sie am Schluss auch - aber es ist eine lange Suche.

Was haben Sie im "Lohengrin" dann doch gefunden?
Eine Geschichte, die sehr viel mit der gegenwärtigen Situation zu tun hat. Der Erste und der Zweite Weltkrieg - und vielleicht alle größeren Kriege - sind ja durch ökonomische Krisen ausgelöst worden. Ökonomische Krisen haben immer einen Zerfall des bestehenden Regimes, der bestehenden Bürokratie, der bestehenden Gesellschaftsstruktur nach sich gezogen. Wir haben jetzt eine Europa-Krise. Ich wohne in Spanien, wo man diese Krise viel, viel stärker mitkriegt als in Deutschland. Und ich spüre natürlich, was die Konsequenzen für die Gesellschaft sein werden. In solchen Situationen, wenn es dann so weit geht, dass sich das Volk verunsichert, bedroht fühlt, dann ist immer die Zeit, zu der eine charismatische Person auftritt, die sagt, sie hat die Antworten auf alle Fragen. So kippen Gesellschaften, die schon lange eine Demokratie hatten, in den Totalitarismus um - wie das beispielsweise in Venezuela passiert ist, wo ich geboren wurde.

Sie sehen in "Lohengrin" also eine Gesellschaft am Umkippen?
Das wird am Anfang auch ganz klar ausgesprochen. König Heinrich sagt, wir werden von außen, von den Ungarn, bedroht. Und im Land selbst ist ein Nachfolgestreit entbrannt. Gottfried ist verschwunden, angeblich von seiner Schwester Elsa ertränkt. Die Bevölkerung ist regierungslos, die Gesellschaft von innen und von außen bedroht. Die Strukturen funktionieren nicht mehr.

Was ist besonders spannend an dieser Konstellation?
Was für mich interessant ist: Dieser Lohengrin wird von Elsa ja eigentlich nur heraufbeschworen, um für ihre Unschuld am Verschwinden von Gottfried zu bürgen. Warum seine Bürgschaft zählen soll, weiß kein Mensch. Schon im ersten Satz sagt er ihr: Wenn Du das Frageverbot einhältst, dann beschirm' ich Dir Land und Volk. Danach aber hat überhaupt niemand gefragt. Lohengrin kommt und beansprucht im Grunde für sich die Thronfolge.

Wie bringt man heute einen Schwanenritter auf die Bühne, ohne lächerlich zu werden?
Ich habe ein bisschen versucht, das Symbol des Schwans zu analysieren. Eigentlich ist der Schwan ja der verwandelte Gottfried. Wenn man aus einem Menschen eine Schwan macht, ist das Wichtigste dabei: Man macht ihn unmündig. Er kann nicht mehr sprechen, er ist handlungsunfähig, weil seine Hände zu Flügeln geworden sind. Anstelle des romantischen Symbols ist der Schwan bei mir ein Mensch, der unmündig gemacht worden ist und von Lohengrin als Zugtier benutzt wird. Lohengrin verwandelt ihn ja auch nicht in einen Mensch zurück, sondern knechtet ihn noch weiter. Bei uns ist der Schwan ein in eine Zwangsjacke gebundener Mensch.

Wie gehen Sie mit den oft statisch wirkenden Chorszenen in "Lohengrin" um?
Weil die Bühne hier so klein ist, haben wir ein Bühnenbild konzipiert, in dem der Chor gezwungen ist, an einem Ort zu bleiben. Das ist eine Art Parlament. Der ganze Chor sitzt an seinen Schreibtischen, schreibt auf, notiert, kommuniziert, rebelliert. Das ist ein überzogenes Parlament, ein wild gewordenes Parlament.

Welche Rolle spielt für Sie das Frageverbot?
Das Frageverbot ist der absolute Clou. Lohengrin sagt: Ich bürge für Deine Unschuld und ich werde Euch alle retten mit einem siegreichen Feldzug gegen die Ungarn, aber Ihr dürft mich nicht fragen, wer ich bin. Er sagt es zwar nicht direkt, aber implizit sagt er: Ihr dürft mich auch nicht fragen, was ich vorhabe. Nicht die Ungarn sind die Gefahr, sondern Lohengrin ist die Gefahr. Denn Lohengrin würde dieses Volk ja genauso entmündigen, wie der Schwan entmündigt worden ist. Ich glaube, eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn diese Gesellschaft Verantwortung für sich selbst übernimmt und nicht ständig die Verantwortung an einen Supermann delegiert. Und wenn man diesen Supermann noch nicht einmal fragen darf, wo er herkommt, finde ich das Ganze höchst dubios. Lohengrin hat auch irgendwie etwas Comic st ri phaftes. Wenn man Lohengrin inszeniert, muss man eine Grundentscheidung am Anfang treffen: Erzählt man ein Märchen oder erzählt man eine Geschichte, die einen Bezug zur Realität hat.

Wie nähern Sie sich den Figuren Wagners?
Wenn man die Bühnenanweisungen von Wagner liest, sind das alles noble Menschen, die ständig nobel herumlaufen. Aber wenn man den Text liest und die Musik dazu hört, dann sind das psychologisch unglaublich faszinierende Figuren. Die Elsa zum Beispiel ist überhaupt gar kein Schwächling. Man hört das in der Musik. Da brodelt es im Orchester. Man muss dem Spiel zwischen Musik und Text zuhören. Dann entdeckt man eine viel interessantere Oper. Unsere Elsa, die hat's faustdick hinter den Ohren. In Briefen an seine Freunde hat Wagner gesagt, Elsa ist die Stimme des Volkes, und wenn Elsa das Frageverbot bricht, hat das ganze Volk das Frageverbot gebrochen. Dann werden auch Ortrud und Telramund sehr interessante Figuren.

Wie sehen Sie die Titelfigur dieser romantischen Oper?
Lohengrin steht oft ja einfach nur rum und gibt weise Worte von sich. Hier zweifelt er ständig, bekommt Wutanfälle. Ich habe eine sehr menschliche Figur aus ihm gemacht.

Wie bereiten Sie sich auf eine Inszenierung vor?
Ich studiere zunächst nur den Text und mache eine Art Psychoanalyse der Figuren. Manchmal arbeite ich sogar mit einem Psychologen zusammen. Wenn ich diese Personen in einer realen Psychologie verstehen kann, kann ich auch die Geschichte erzählen. Aus dem zentralen Konflikt heraus entwickelt sich dann die Idee des Bühnenbildes und des Stils. Lohengrin ist relativ realistisch inszeniert mit Momenten, in denen der Realismus überhöht wird.




Sie bringen Wagners "Lohengrin" in Coburg auf die Bühne


Carlos Wagner wurde 1962 in Caracas geboren, lebte bis zum Alter von 17 Jahren in seiner Heimatstadt, legte sein Abitur in der Schweiz ab und absolvierte eine Schauspielausbildung an der "Guildhall School of Music and Drama" in London. Als Schauspieler arbeitete er neben der Bühne auch für Film und Fernsehen. Seit Mitte der 90er Jahre tritt er als Opernregisseur international hervor. In Coburg inszenierte er 2011 sehr erfolgreich Rossinis "Barbier".
Premieren-Tipp Wagner "Lohengrin" - Sonntag, 23. Februar, 17 Uhr, Landestheater Coburg

Weitere Termine 28. Februar, 18.30 Uhr, 6. März, 18.30 Uhr, 16. März, 17 Uhr, 21., 25. März, 18.30 Uhr, 21. April, 17 Uhr, 4., 25., 29. Mai, 17 Uhr, 4. Juni, 18.30 Uhr, 16. Juli, 18.30 Uhr

Produktions-Team Musikalische Leitung: Roland Kluttig; Inszenierung: Carlos Wagner; Bühnenbild: Rifail Ajdarpasic; Kostüme: Christof Cremer; Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio; Dramaturgie: Renate Liedtke

Besetzung Heinrich der Vogler: Michael Lion; Lohengrin: Daniel Kirch/Wolfgang Schwaninger; Elsa von Brabant: Betsy Horne; Friedrich von Telramund: Juri Batukov; Ortrud, seine Gemahlin: Martina S. Langenbucher/Gabriela Künzler






Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren