Coburg
Totschlag

Linda-Prozess: Der erste Tag

Der Angeklagte schilderte, wie er im April vergangenen Jahres die 16-jährige Linda getötet hat. Anschließend wurden die ersten von insgesamt 55 geladenen Zeugen gehört. Die Verhandlung hatte um 9 Uhr begonnen und endete erst kurz vor 20 Uhr - fortgesetzt wird sie am Donnerstag um 8.30 Uhr.
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Der angeklagte Jerry J. war zur Tatzeit 20 Jahre alt. Deshalb ist noch unklar, ob er nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Fotos: Oliver Schmidt
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Der Angeklagte hielt den Kopf meist leicht nach vorne gesenkt und konnte oft nur mit zitternder Stimme sprechen; die Mutter des Opfers kämpfte mit den Tränen und hielt sich fast durchweg eine Hand vors Gesicht. Im Publikum wurde Beifall geklatscht, als der Vorsitzende Richter Gerhard Amend den heute 21-jährigen Jerry J. einen "kaltblütigen Kerl" nannte - es war am Mittwoch ein sehr emotionaler Auftakt im "Linda-Prozess" vor der großen Jugendkammer des Landgerichts Coburg.

Jerry J. wird vorgeworfen, am 8. April 2011 die 16-jährige Linda H. getötet zu haben. Der junge Mann, das gibt er zu, hat auf das Mädchen mehrmals mit einem Hammer eingeschlagen und es anschließend noch mit einem Messer verletzt. Daraufhin verblutete die Schülerin, die er erst wenige Stunden zuvor über das Internetforum Facebook kennengelernt hatte.

Bevor am Mittwoch sowohl die Tat als auch Jerrys schwierige Kindheit näher beleuchtet wurden, gab der junge Mann eine Erklärung ab. Mit stockend vorgebrachten Worten versuchte er zum Ausdruck zu bringen, wie leid ihm tue, was passiert ist. "Ich will Entschuldigung sagen - aber das reicht nicht." Lindas Mutter, die als Nebenklägerin auftritt und im Gerichtssaal nur wenige Meter von Jerry entfernt sitzt, nahm diese Worte äußerlich regungslos zur Kenntnis. Insgesamt gibt es in dem Prozess, bei dem die Anklage der Coburger Staatsanwaltschaft auf Totschlag lautet, drei Nebenkläger. Bis zur geplanten Urteilsverkündung nächste Woche sollen 55 Zeugen sowie vier Sachverständige gehört werden.

Die mehr als hundert Zuhörer, die am ersten Verhandlungstag in den Gerichtssaal gedrängt waren, hielten den Atem an, als Jerry J. sehr detailliert die schrecklichen Geschehnisse beschrieb. Nachdem der junge Mann annahm, Linda vom Sehen zu kennen, hatte er ihr über Facebook eine sogenannte Freundschaftsanfrage geschickt. Am Nachmittag des 8. April 2011 akzeptierte die Schülerin diese Anfrage, und so konnten die beiden - zunächst virtuell - miteinander in Kontakt treten.

Obwohl sich Jerry offensichtlich geirrt hatte und er und Linda sich doch noch nicht kannten, verabredeten sie sich bereits für den frühen Abend des 8. April 2011 zu einem Treffen.

Jerry J. schilderte vor Gericht, dass Linda zu diesem Treffen gegen 18.30 Uhr noch in Begleitung einer Freundin erschienen sei. Als sie wieder auseinander gingen, hätte Linda H. ihn aufgefordert, sich später noch einmal zu melden. Es sei dann Linda H. gewesen, so die Aussage von Jerry J., die gegen 20 Uhr per Handy-Anruf ein weiteres Treffen vorschlug. Jerry J. holte das Mädchen ab, und gemeinsam fuhren sie zu seiner Wohnung nach Coburg-Scheuerfeld. Dort habe ihn Linda gefragt, ob er sie später zu ihrem Freund ins thüringische Hildburghausen fahren könne. Jerry J. lehnte das ab und war auch nicht mit dem Angebot von Benzingeld zu überreden. Zu einem Streit war es bis zu diesem Zeitpunkt aber trotzdem nicht gekommen - ganz im Gegenteil. Jerry J. und Linda H. schliefen miteinander.

Nach dem Geschlechtsverkehr hätte Linda ihn dann erneut wegen einer Fahrt nach Hildburghausen angesprochen. Als Jerry J. bei seinem Nein blieb, begann die Auseinandersetzung: "Sie hat mich beschimpft", erinnerte sich der Angeklagte am Mittwoch vor Gericht. Außerdem habe Linda damit gedroht, Jerrys Freundin von dem Geschlechtsverkehr mit ihr zu erzählen. In der Küche kam es zu einem Gerangel. "Sie hat mich geschubst, und ich habe überreagiert", erzählte Jerry J. erneut mit zitternder Stimme. "Ich habe sie zurückgeschubst - aber zu stark. Und dann ist es eskaliert." Linda habe zu einem Hammer gegriffen, der auf der Arbeitsplatte lag. "Mir ist dann der Kragen geplatzt", erklärte Jerry J., "und ich habe ihr den Hammer aus der Hand gerissen". Er habe Linda H. mit dem Hammer geschlagen, woraufhin sie gestürzt sei - "aber ich habe ihr wieder aufgeholfen". Der Streit ging dennoch weiter: "Ich habe die Kontrolle verloren", betonte der Angeklagte. Und als Linda H. zu einem Klappmesser griff, riss er ihr auch dieses aus der Hand. Schließlich gingen beide zu Boden. "Mir hat's gereicht", sagte Jerry J. in der Verhandlung am Mittwoch, "ich habe Rot gesehen." Er wisse nicht mehr, wie oft er zugestochen und zugeschlagen habe.

Die Tatzeit lässt sich gut rekonstruieren. Um 21.28 Uhr hatte Linda H. noch einer Freundin eine SMS geschickt - um 21.38 Uhr rief Jerry J. seine Freundin an, um ihr zu sagen, dass es ihm nicht gut gehe. Dazwischen muss es passiert sein.

Betretenes Schweigen herrschte im Gerichtssaal, als der Angeklagte erzählte, wie er Lindas Leiche in den Kofferraum seines Autos lud. Bis er sie in ein Waldstück bei Scheuerfeld brachte und dort verscharrte, dauerte es aber noch. Zunächst fuhr Jerry J. gegen 23 Uhr - mit dem Auto seiner Mutter - zu seiner Freundin. Gemeinsam kehrten sie sogar in die Scheuerfelder Wohnung zurück und verbrachten dort gemeinsam die Nacht.
Amend nannte es "unwahrscheinlich kaltblütig", wie Jerry J. versucht hat, Spuren zu verwischen. Die Wohnung wurde gereinigt, später übertünchte er Wände, die Blutspritzer abbekommen hatten; seine blutverschmierte Kleidung verbrannte er. Die Tatwaffen will er bei einer Autofahrt aus dem Fenster geworfen haben. "Wollten Sie die Tat verschleiern?", fragte Amend. "Möglicherweise, ja - aus Angst", stammelte Jerry J. - "ich habe viele Fehler gemacht."
Die Verhandlung wird am Donnerstag, 8.30 Uhr, fortgesetzt.

Mehr dazu lesen Sie am Donnerstag im Coburger Tageblatt (Printausgabe)
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