Coburg
Premiere

Liebeswahn und Liebesleid: "Barbier von Bagdad" in Coburg

Traum oder Wirklichkeit? Die komische Oper "Der Barbier von Bagdad" schickt das Publikum auf eine kurzweilige Reise.
Artikel drucken Artikel einbetten
Farbenprächtiger Schlusschor: Orientalisches Ambiente zitiert das Finale im "Barbier von Bagdad". Die komische Oper von Peter Cornelius feierte freundlich aufgenommene Premiere in Coburg. Foto: Andrea Kremper
Farbenprächtiger Schlusschor: Orientalisches Ambiente zitiert das Finale im "Barbier von Bagdad". Die komische Oper von Peter Cornelius feierte freundlich aufgenommene Premiere in Coburg. Foto: Andrea Kremper
+19 Bilder
Nureddin ist verliebt und verwirrt. Endlich, endlich darf er sie sehen - sie, Margiana, die schöne Tochter des Kadis, in die er verliebt ist, unsterblich verliebt ist. Weg mit der verdammten Krankheit, die ihn viel zu lange an dieses vermaledeite Bett gefesselt hat. Und hin zu ihr, zur allzu fernen Geliebten. Die Gelegenheit ist günstig - der Kadi ist auf dem Weg in die Moschee. Niemand kann Nureddin jetzt noch länger von Margiana fern halten. Niemand?

Wäre da nicht dieser seltsame Barbier. Redet und redet, statt einfach seine Arbeit zu machen und Nureddin zu rasieren, damit er - durch die Macht der Liebe von der Krankheit geheilt - seiner Margiana frisch rasiert gegenüber treten kann.

Das ist die Ausgangssituation, die Peter Cornelius in seinem "Barbier von Bagdad" beschreibt.
Diese Situation liefert den Vorwand für allerlei Missverständnisse und Turbulenzen, die sich am Ende - schließlich handelt es sich ja um eine komische Oper - in verliebtes Wohlgefallen auflösen, den gründlich blamierten Kadi eingeschlossen. Ende gut, alles gut?

Die Coburger Neuinszenierung des "Barbiers von Bagdad", der nach 31 Jahren erstmals wieder auf dem Spielplan des Landestheaters steht, setzt bewusst ein leise ironisches Fragezeichen hinter dieses Happyend. Denn Gastregisseur Alessandro Talevi, der vor gut einem Jahr an gleicher Stelle mit seiner packenden Inszenierung von Janáceks "Katja Kabanowa" eine beeindruckende Visitenkarte abgab, weiß genau, dass sich der zarte Charme dieser Oper heute nicht mehr allein mit dick aufgetragenem orientalischen Zierrat beschwören lässt.


Witzige Regieeinfälle

Talevi nimmt das Werk einerseits ganz direkt beim Wort - und verfremdet es andererseits. Die Krankheit, die den verliebten Nureddin ans Bett fesselt, ist bei Talevi die Krankheit, die auch Wagners Tristan siech darnieder wirft: unheilbare Liebessehnsucht - freilich in ironischer Brechung. So erwacht Nureddin im ersten Akt in steriler Krankenhausatmosphäre. Pathetisch mit Blut durchtränkt ist sein dicker Verband.

Nureddin ist verliebt und verwirrt. Oder vielleicht doch ein klein wenig verrückt? Gastregisseur Alessandro Talevi siedelt diesen "Barbier von Bagdad" in einer Zwischenwelt an - einer Welt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Mit feinem Gespür für das richtige Tempo führt er die Figuren. Und jene Szenen, in denen dieser Opern-Zweiakter doch gewisse Längen hat, belebt die Regie mit witzigen Einfällen.

Ausstatter Tobias Hoheisel hat Talevi dazu das passende Bühnenbild entworfen - eine Szenerie zwischen Krankenhaus und orientalischem Flair, das mit ironische Distanz zitiert wird. Das zentrale Element sind fahrbare Wandsegmente - auf der einen Seite weiße Raumteiler im Krankenhausstil, auf der anderen Seite überdimensionale Postkarten mit orientalischen Motiven.

Diese komische Oper mit ihrer in vielen Teilen fast kammermusikalisch filigran verästelten Partitur lebt szenisch und musikalisch in jedem Takt, in jeder Szene von Präzision und wohl dosierter Übertreibung. Die Ouvertüre allerdings kommt zunächst noch etwas unruhig daher. Anna-Sophie Brüning und das Orchester finden da noch nicht zu nahtlosem musikalischem Dialog. Auch in dynamischer Hinsicht stellt sich die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben erst im Laufe des Abends überzeugend her. Dann allerdings entfaltet das Philharmonische Orchester unter Anna-Sophie Brünings energisch gestaltender Leitung den Detailreichtum der Musik mit Gespür für Farben und zumeist transparent in der Stimmführung.

Premieren-Nervosität oder leichte Indisposition? Der schlanke Tenor von Thomas Volle irritiert jedenfalls bisweilen durch ein allzu ausgeprägtes Vibrato, überzeugt allerdings durch klare Artikulation. Darstellerisch gelingt Volle mit präzisen Akzenten das prägnante Porträt eines schwärmerischen jungen Mannes, dessen Liebessehnsucht sich bis zur Krankheit steigert.

Mit hellem Koloratursopran singt Julia Klein die Rolle der Margiana. Ihren markanten Mezzosopran leiht Gabriela Künzler der Figur der Bostana, Margianas Vertrauter. Als Kadi demonstriert Karten Münster, dass sich auch kleinere Rollen mit präzisen Akzenten markant und effektvoll gestalten lassen. Würdevoll als Kalif: Falko Hönisch mit kurzem Auftritt im Finale.


Paraderolle für Michael Lion

Für Michael Lion ist die Titelrolle des Barbiers stimmlich wie darstellerisch eine Traumpartie. Lion beherrscht mit seiner Spielfreude jederzeit die Bühne, gibt diesen schwadronierenden Abul Hassan Ali Ebn Bekar genüsslich überzeichnend als einen Schwätzer und Aufschneider, der letztlich aber doch irgendwie liebenswert erscheint. Musikalisch ist Lion mit tragfähigem Bass in jeder Lage souverän.

Chor und Extrachor des Landestheaters (verstärkt durch Männerstimmen des Chores Choruso) haben einige anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. In der gründlichen Einstudierung von Chordirektor Lorenzo da Rio gelingt das weitgehend überzeugend bis hin zum großen, farbenprächtig in Szene gesetzten Finale.

Ende gut, alles gut? Regisseur Alessandro Talevi setzt das Happyend für Nureddin und Margiana ganz bewusst in Anführungszeichen. Wenn der Schlusschor verklungen ist, verschwindet die orientalisch angehauchte Postkartenidylle (malerisch: der große Prospekt einer arabischen Stadt mit hohen Minaretten), verwandeln sich die Kulissen mit einer Drehung um 180 Grad wieder in die sterile Krankenhaus-Atmosphäre des Beginns.

Alles also nur ein Fiebertraum Nureddins? Das Premierenpublikum darf selbst entscheiden und dankt am Ende mit ungetrübtem, freundlich ausdauerndem Beifall.


Weitere Vorstellungen

Termine 3., 9., Mai, 19.30, 14. Mai, 19.30 Uhr (Gastspiel in Fürth), 17., 22., Mai, 19.30 Uhr, 1., 11., 13. Juni, 3. Juli, 19.30 Uhr
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren