Neustadt bei Coburg
Erlebnis

Liebe Tiere aus Birkig geben Kindern aus der Ukraine Ruhe

Die Tschernobyl Kinderhilfe Neustadt und der "Bauchclub" schicken 20 kleine Ukrainer auf eine Wanderung mit Alpakas in Birkig.
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Alpakas machen glückliche 'Kinder. Die Tschernobyl Kinderhilfe Neustadt führte ihre Schützlinge aus der Ukraine auf den Dresselhof in Birkig,, wo sie den Tieren ganz nah sein durften.Rainer Lutz
Alpakas machen glückliche 'Kinder. Die Tschernobyl Kinderhilfe Neustadt führte ihre Schützlinge aus der Ukraine auf den Dresselhof in Birkig,, wo sie den Tieren ganz nah sein durften.Rainer Lutz
Mitten in einer Herde Alpakas vergessen Kinder alles. Sie streicheln die gutmütigen Tiere, füttern sie aus der Hand, freuen sich und lachen. Für die Kinder, die diesmal auf den Dressel-Hof in Birkig gekommen sind, ist das etwas ganz Besonderes. Sie kommen aus der Ukraine. Für vier Wochen hat sie der Verein Tschernobyl Kinderhilfe Neustadt ins Coburger Land geholt. In diesen Wochen erleben sie unendlich viele Dinge, die sie in ihrer Heimat nie erleben würden. Sie kommen aus der Katastrophenregion des Reaktorunglücks.
Keines dieser Kinder hat ein leichtes Schicksal. Sie wurden von Ortsvorständen, Schulleitern und Geistlichen ausgesucht und dem Verein vorgeschlagen. Dessen Vorsitzender Dieter Wolf und seine Helfer übernehmen dann die schwere Aufgabe vor Ort in der Ukraine unter etwa 50 empfohlenen Kindern aus besonders schwierigen Verhältnissen 20 auszuwählen. "Ohne Tränen auf beiden Seiten geht das nicht", gibt Wolf zu. Trotzdem fährt er seit vielen Jahren immer wieder dort hin, holt Kinder ins Coburger Land, um sie vier Wochen aufzupäppeln und ihnen zu zeigen, dass die Welt nicht überall so trostlos ist, wie dort, wo sie her kommen.
Wenn Wolf von den Umständen erzählt, unter denen sie Kinder dort vorfinden, steht ihm das Wasser in den Augen. "Fünf Kinder, die wir ausgesucht hatten, konnten dann doch nicht mit. Die alkoholkranke Mutter eines Kindes hatte die Papiere verloren, ein anderes Kind musste den Suizid der Mutter mit ansehen und ist seither in einem Heim. Ähnliche Fälle gibt es jedes Jahr. Dann rücken Kinder nach, die zunächst zurückgestellt worden waren.


Viele Unterstützer

Vernachlässigte Hygiene, Parasitenbefall, Krankheiten - all das kennen die Helfer bei den Neuankömmlingen nur zu gut. Sie werden untersucht gebadet und komplett neu eingekleidet. Dann wartet auf sie ein aufregendes Programm. Das ermöglichen vor allem viele Unterstützer, die dem Verein unentgeltlich helfen. Das Busunternehmen, das die Kinder etwa vom Bahnhof in Nürnberg holt und zum Pfadfinderhaus in Fornbach fährt - oder von dort zum Freizeitpark Geiselwind, wo sie ohne Eintrittsgeld einen Tag verbringen dürfen. Der Country-Club Mountain Lions in Neustadt lässt sie Westernluft schnuppern und der Bauchclub lädt sie eben zu einer Wanderung mit Alpakas auf dem Dresselhof ein. Ziel ist die Hütte des Clubs, wo es "Dätsch" für die Kinder gibt. Sandra Dressel-Pal gibt den Kindern die nötige Einweisung: "Einfach immer cool und ruhig bleiben und nie den Tieren hinter her rennen", lautet die erste Regel. Dann marschiert die Gruppe los und die Kinder sind begeistert von den liebenswerten Tieren.


Die Kinder werden schwächer

Tanja, Deutschlehrerin aus Kiew, übersetzt. Sie begleitet die Kindergruppen seit Jahren als Betreuerin und Dolmetscherin. Und dabei stellt sie eine Entwicklung fest: "Die Kinder werden schwächer", sagt sie. Waren Gruppen vor einigen Jahren noch kaum ins Bett zu bringen, so erlebnishungrig waren sie, erlebt sie jetzt oft schon am Nachmittag, dass Kinder fragen, ob sie duschen und zu Bett gehen dürfen. "Es ist wohl die dauernde Belastung in der Region", meint sie.
Was sie den Kindern noch nicht erzählt hat: "Rund um Tschernobyl brennen die roten Wälder." Die roten Wälder? "Das sind die, wo besonders viel verstrahltes Material niedergegangen ist. Zuerst mussten alle Schulen und Kindergärten die Fenster geschlossen halten, dann hieß es, es besteht keine Gefahr", wurde ihr berichtet. In den Nachrichten tauchen die Waldbrände kaum auf. Das Katastrophengebiet ist eine vergessene Region. Und eine Region fast ohne Männer. "Die älteren werden zum Krieg in der Ostukraine geholt, es heißt freiwillig, aber so richtig freiwillig ist das nicht", sagt Tanja. Die jungen müssten nicht, gehen aber freiwillig in den Krieg. Zu Hause fehlen die Männer, den Frauen, den Müttern und vor allem den Kindern.


Enorme Kosten

Weil er Jahr für Jahr bei seinen Reisen die Kinderschicksale vor Ort sieht, kann Dieter Wolf nicht aufhören. "Es warten so viele Kinder darauf, auch einmal nach Deutschland geholt zu werden." Und an denen, die hier waren sieht Wolf, dass sie sich anders entwickeln als ihre Altersgenossen. Sie setzen sich Ziele im Leben, wollen mehr erreichen als das Elend in ihren Dörfern. Transportkosten, Verpflegung, Miete für das Heim in Fornbach, Versicherungen für die Kinder summieren sich. An die 50 000 Euro muss der Verein für jeden Aufenthalt einer Kindergruppe aufbringen. Bisher hat es Dieter Wolf mit seinen Helfern immer wieder geschafft - auch dank großzügiger Unterstützer von Privatleuten über Vereine bis zu Firmen der Region. Leuchtende Kinderaugen, wenn sich Alpakas um eine kleine Hand drängeln, um ein Leckerli zu ergattern, sind ein Grund für Wolf. Nicht aufzuhören.


Spendenkonto

Bankverbindung Wer den Verein Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt finanziell unterstützen möchte, kann das mit einer Spende über folgende Bankverbindung tun:
Sparkasse Coburg - Lichtenfels
IBAN: DE68 7835 0000 0000 3735 55
BIC: BYLADEM1COB.
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