LKR Coburg
Podiumsdiskussion

Landtagskandidaten sollten in Coburg "Wahrheit und Klarheit" reden

"Wie halten Sie's mit der Landwirtschaft?" Um diese Frage drehte sich eine agrarpolitische Podiumsdiskussion in Coburg, bei der es nicht zimperlich zuging.
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Auf Herz und Nieren: Im Podium sitzen Michael Busch,  Thomas Büchner, Ina Sinterhauf, Martin Mittag, Maria Preißler, Martin Böhm und Dr. Ulrich Herbert (von links). Foto: Gabi Bertram
Auf Herz und Nieren: Im Podium sitzen Michael Busch, Thomas Büchner, Ina Sinterhauf, Martin Mittag, Maria Preißler, Martin Böhm und Dr. Ulrich Herbert (von links). Foto: Gabi Bertram
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Zu der Aussprache der Kandidaten für die Landtagswahl im Oktober hatte der Kreisberatungsausschuss Coburg als Dachorganisation aller landwirtschaftlichen Verbände und Institutionen ins Gustav-Dietrich-Haus eingeladen. Im Podium, sozusagen auf dem Prüfstand, hatten Michael Busch (SPD), Martin Mittag (CSU), Martin Böhm (AfD), Ulrich Herbert (FDP), Ina Sinterhauf (Bündnis 90/Die Grünen), Thomas Büchner (ÖDP) und Maria Preißler (Freie Wähler) Platz genommen. Die Moderation lag in den Händen von Leitendem Landwirtschaftsdirektor Hans Vetter.

Die Themen sind bekannt, sie reichen von Bürokratieabbau und Flächenverbrauch über Naturschutz bis hin zur Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Produktion, Preispolitik und Verbraucherverhalten. Und Kreisobmann Martin Flohrschütz brachte zudem mit einer provokanten Einleitung Zündstoff in die Debatte. Ob Insektensterben, Nitrat im Grundwasser oder Asylbewerber, so Flohrschütz, die Medien und sozialen Netzwerke schürten Ängste mit skandalöser Panikmache - und die Gesellschaft sei nicht mehr bereit, sich intensiv mit den Themen auseinanderzusetzen. Von den Landtagskandidaten forderte er "Wahrheit und Klarheit".


Flohrschütz platzt der Kragen

Die Statements dann waren mehr oder weniger ausgefeilt. Politprofis wie Busch waren gegenüber den Politeinsteigern klar im Vorteil. Dabei schlug sich auch die Grünenpolitikerin Ina Sinterhauf wacker und aufgeschlossen gesprächsbereit und schien am Ende vielleicht sogar gepunktet zu haben. Klare Aussagen kamen auch von Büchner und Mittag, Herbert setzte auf den gesunden Mittelweg, nur für die junge Maria Preißler schien das Feld der Landwirtschaft noch unbestellt zu sein. Nicht allzu viel Ahnung von Landwirtschaft zu haben, räumte auch Böhm ein, verstieg sich dann als "Europakritiker" in der Forderung, die Kompetenzen von Brüssel zurück nach Deutschland zu bringen und den Gängeleien der Bauern, "denen die Herrschaft über die eigene Scholle entzogen wird", ein Ende zu bereiten. Was ihm harten Gegenwind von Flohrschütz einbrachte - "Schluss mit der Blut- und Bodenrhetorik - und einen Faustschlag auf den Tisch: "Für uns Bauern gibt es keine Alternative zu Europa", betonte der Kreisobmann.

Patentrezepte gab es keine, gemeinsame Nenner indes genug: Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit, sichere Existenzen der Bauern, Regionalität in den Strukturen, Produktqualität und existenzsichernde Preisgestaltung. Michael Busch hat sich den Erhalt der bäuerlichen und eigentümergeführten Landwirtschaft in nachhaltiger Wirtschaftsweise zum Ziel gesetzt und will den Wert der Landwirtschaft auch über Preise wieder darstellbar gemacht wissen. Er fordert mehr Kompetenzen vor Ort, will eine Aufstockung des ökologischen Landbaus in Bayern auf 20 Prozent erreichen und in Wertschätzung für landwirtschaftliche Produkte die Preise deutlich nach oben anziehen. Auf jeden Fall soll die bäuerliche Landwirtschaft die Zukunft sein, nicht die industrielle, der Pestizideinsatz geringstmöglich erfolgen, und, so Busch: "Gentechnik kommt für mich gar nicht in Frage." Thomas Büchner will die Landwirtschaft vom Damoklesschwert "wachsen oder weichen" befreien und dafür entsprechende Förderinstrumentarien etabliert wissen, die Arbeit und nicht Fläche berücksichtigen, setzt bei Tierbeständen auf umweltverträgliche Größenordnungen und trägt im Coburger Land damit freilich "Eulen nach Athen".

Ina Sinterhauf betrachtet das Thema Landwirtschaft globaler und fragt grundsätzlich, in welcher Welt man leben wolle, sprich: Gesundheit, Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Sie sieht die Zukunft der Landwirtschaft in familiengeführten Höfen, will Pestizidfreiheit, nicht nur ein erträgliches, sondern ein "wesensangepasstes" Tierwohl und fordert eine Agrarpolitik, die dafür die Rahmenbedingungen schafft. Martin Mittag setzt auf mehr Verständnis für die Landwirtschaft, stellt Ausgleichsflächenregelungen infrage, will den ländlichen Raum stärken, setzt auf Wissen und Erfahrung der Landwirte, weil "die Landwirtschaft schließlich davon lebt, dass die Natur funktioniert". Maria Preißler spricht sich für mehr Information und Aufklärung aus, und zwar in Erziehung und Bildung von klein auf. Kleine Familienbetriebe würden durch den Bürokratiewust ins Aus gedrängt, richtete Ulrich Herbert seine Kritik gen Brüssel. Herbert spricht sich für Pflanzenschutz mit Augenmaß aus, für Produktivität und Effizienzsteigerung durch Innovation, für die Stärkung der Forschung, für ein freiwilliges Tierschutz-Label und dafür, die Genehmigungsverfahren für Flächennutzungspläne von Landkreis- auf Bezirksebene zu heben, um die Gemeindefinanzierung von Gewerbesteuern unabhängiger zu machen und den Flächenverbrauch zu minimieren.


Wie soll die Weltbevölkerung ernährt werden?

Acht Prozent der Flächen in Deutschland würden biologisch bewirtschaftet, aber nur 1,7 Prozent der Erntemenge sei Biogetreide. Davon ausgehend fragte Wolfgang Schultheiß die Kandidaten, wie denn die Weltbevölkerung so ernährt werden könne. Sinterhauf sieht eine Lösung in der Rückkehr zu nationalen und regionalen Märkten und dem Aufbau einer Vermarktungs- und Veredlungslogistik vor Ort, Büchner in einer Förderpolitik über Existenzsicherungsverträge, die an Pachtflächen - gedeckelt bis 500 Hektar - gebunden sind, Busch in der Preisgestaltung für Nahrungsmittel. Heike Kunzelmann aus Lichtenfels legte den Finger auf die Wunden der Praxis: Schlacht- und Milchhöfe werden geschlossen, 80 Prozent des Frischmilchmarktes ist in den Händen von vier Lebensmittelketten. "Wir brauchen Strukturen, die es ermöglichen, zu ordentlichen Preisen zu produzieren. Ich vermisse eine Partei, die sich für solche regionale Strukturen einsetzt", erklärte sie.

Patentrezepte scheint es wirklich nicht zu geben, aber viele gute Ansatzpunkte, die im Miteinander angepackt werden und zur Vision geführt werden können. Denn der Einzelne wird, selbst wenn er im Landtag sitzt, nichts ausrichten können.

Die wichtigsten Thesen der Politiker/Kandidaten:

Michael Busch (SPD): Mein Ziel ist der Erhalt der bäuerlichen und eigentümergeführten Landwirtschaft in nachhaltiger Wirtschaftsweise, und davon müssen die Bauern auch leben können.

Thomas Büchner (ÖDP): Wir brauchen eine Förderpolitik, die Arbeit und nicht Flächen berücksichtigt. Wir wollen bäuerliche und nicht industrielle Lebensmittelerzeugung.

Ina Sinterhauf (Bündnis 90/Die Grünen): Wir müssen zurück zu nationalen Märkten. Familienbetriebe sind die Zukunft der Landwirtschaft, dafür muss die Agrarpolitik die Rahmenbedingungen schaffen.

Martin Mittag (CSU): Zu viele Regelungen können die Praxis vor Ort nicht regeln. In diesem Sinne sollten der ländliche Raum und die regionalen Kreisläufe gestärkt werden.

Maria Preißler (Freie Wähler): Richtige Aufklärung und Information muss schon in den Kindergärten anfangen. Wir als Endverbraucher sind auf die Landwirtschaft angewiesen.

Martin Böhm (AfD): Der Gesetzeswust aus Brüssel ist eine Gängelei der Bauern, denen damit die Herrschaft über die eigene Scholle entzogen wird.

Dr. Ulrich Herbert (FDP): Mehr Produktivität und Effizienz in der Landwirtschaft sind ohne moderne Technologien und Strategien nicht denkbar. Das bedarf gezielter Förderung und Agrarinvestition.


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