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Coburg
Vor der Premiere

Landestheater: Was hindert die Leute ?

Die aus Coburg stammende Karin Drechsel inszeniert am Landestheater Tschechows Schauspiel "Drei Schwestern".
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Sehnsucht, aber kein Antrieb, die eigene Lage zu ändern: die Schwestern Irina  (Marie Nest),    Mascha (Alexandra Weis) und Olga (Eva Marianne Berger, von links). Hennming Rosenbusch
Sehnsucht, aber kein Antrieb, die eigene Lage zu ändern: die Schwestern Irina (Marie Nest), Mascha (Alexandra Weis) und Olga (Eva Marianne Berger, von links). Hennming Rosenbusch
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Eine kleine Grenzstadt mit Soldaten eher im Abseits. Drei Schwestern wollen weg, wollen vor allem auch aus ihrem bisherigen Leben heraus. Sie sprechen von ihren Wünschen und Sehnsüchten, aber nicht unbedingt miteinander, sondern vielfach aneinander vorbei. Eine Reihe weiterer Personen kommt von außen hinzu, sie wirken oder wirken nicht. Die Zeit verfließt.

Die festhängende Welt von Tschechows "Drei Schwestern" um die Wende zum 20. Jahrhundert, ein unproduktiv gewordenes Bürgertum im Wartemodus, der Feuersturm der Revolution wetterleuchtet am Horizont - diese Stimmung erinnert die aus Coburg stammende Regisseurin Karin Drechsel sehr: an das Coburg ihrer Jugend vor der Wende.

Offensichtliche Parallelen

Niemand rechnet mit der Grenzöffnung. Zum Wettrüsten der Supermächte kommt Tschernobyl. Dann auch noch die Aids-Welle. "Jetzt haben wir mit der bevorstehenden Klimakatastrophe auch wieder eine solche Dystopie vor uns. Etwas soll sich ändern, doch keiner weiß wie." Die Stimmung, die Situation wirken "schlagend parallel" zu Tschechows Text, sagt Karin Drechsel im Gespräch mit dem Tageblatt.

Erstmals inszeniert die bundesweit renommierte Regisseurin jetzt in ihrer Heimatstadt: Tschechows Schauspiel "Drei Schwestern" hat am Samstag , 2. März, Premiere im Großen Haus des Landestheaters.

Drechsel lässt die drei Schwestern Irina, Mascha und Olga von heute aus zurückblicken in die 80er Jahre. Sie sind nicht weggekommen "nach Moskau", wie das Sehnsuchts-Mantra lautete. Sie blieben in ihrem Bemühen, dem Leben etwas Glück und Sinn abzuringen, etwas Liebe, in der Illusion stecken, dabei übersehend, "dass jeder ein Stück Moskau, Glückspotenzial in sich selbst trägt", so Drechsel. Die Frage, warum es den Menschen nicht gelingt, ihrem Leben eine Wendung zu geben, steht für sie im Mittelpunkt ihrer Interpretation.

Das Leiden der Figuren, wie es bis heute in der psychologisch nachempfindenden Inszenierungstradition von Konstantin Stanislawski (Uraufführung 1901 am Moskauer Künstlertheater) gerne zelebriert wird, "interessiert mich nicht", wirkt die Coburger Regisseurin fast drastisch. Deshalb hat sie auch die Tschechow-Nachdichtung von Per Olov Enquist gewählt. "Enquist ist nicht so elegisch wie die anderen Übersetzer, bei denen immer so viel gelitten wird."

Wogegen sich übrigens auch Tschechow selbst schon gewehrt hat, der sein Stück eher als Tragikomödie sah. Der direktere, härtere Ton bei Enquist wirke am Ende noch verzweifelter, ist Drechsel überzeugt.

Sich schonungslos zu fragen, was uns eigentlich hindert, was uns dazu bringt, uns sogar irgendwann selbst zu belügen, ist Drechsels Grundmotiv. "Tschechow hat dabei einen humorvollen Blick auf die Leute geworfen." Man müsse oftmals sogar schmunzeln im Wiedererkennen des eigenen Verhaltens.

Karin Drechsel, geboren und aufgewachsen in Coburg, hat die Liebe zum Theater gepackt, als sie im Kinderchor und dann im Extrachor des Landestheaters mitwirkte. Nach dem Abitur am Albertinum bewarb sie sich an der Falkenberg Schule in München und wurde tatsächlich sofort genommen. Sie studierte Schauspiel und Regie, spielte dann eine Weile, um sich aber relativ rasch für "die andere Seite" zu entscheiden. Sie erhielt eine Regieassistenz am Thalia-Theater Hamburg, wo sie vor allem geprägt wurde durch die Zusammenarbeit mit Jürgen Gosch und Robert Wilson, der damals seinen weltweit beachteten "Black Rider" zur Musik von Tom Waits in Hamburg uraufführte. Seit 1991 arbeitet Karin Drechsel freiberuflich, unter anderem an der Landesbühne Hannover, dem Schauspiel Frankfurt. Sie unterrichtet am Mozarteum in Salzburg und an der Folkwang Universität in Essen. Karin Drechsel hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Hamburg.

Landestheater Coburg Anton Tschechow: Drei Schwestern. In der Übersetzung von Per Olov Enquist, deutsch von Angelika Gundlach. Bühnenbildprojekt mit dem Studiengang Innenarchitektur der Hochschule Coburg. Inszenierung Karin Drechsel, Bühne und Kostüme Nikolaus Porz, musikalische Einstudierung Dominik Tremel, Dramaturgie Carola von Gradulewski.

Darsteller Eva Marianne Berger (Olga), Alexandra Weis (Mascha), Solvejg Schomers/Marie Nest (Irina), Alexander Tröger (Andrej), Nils Liebscher (Kuligyn), Thomas Kaschel (Solyoni), Valentin Kleinschmidt (Tusenbach), Cornelius Schwalm (Werschinin), Niklaus Scheibli (Tschebutykin), Diana Ebert (Natascha), Christa Fedder/Elvira Nettelroth, Elly Xenia Jurgan/Beate Kittel, Gitta Hofrichter/Ulrike Heckel-Fischer

Premiere am Samstag, 2. März, 19.30 Uhr, im Großen Haus. Einführung und Eröffnung der Ausstellung zum Bühnenbildprojekt der Hochschule Coburg um 19 Uhr im Spiegelsaal.

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