Coburg
Premiere

Landestheater: Mit zerstochenem Herzen

In der "Sternstunde des Josef Bieder" lässt uns Stephan Mertl als Theaterrequisiteur spüren, was Theater ist.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Degen ist elementar für den Torero. Theaterrequisiteur Josef  Bieder (Stephan Mertl) kennt seine  Verantwortung.Henning Rosenbusch
Der Degen ist elementar für den Torero. Theaterrequisiteur Josef Bieder (Stephan Mertl) kennt seine Verantwortung.Henning Rosenbusch
+15 Bilder

Da stehen und sitzen Sie nun einander gegenüber, beäugen sich. Wie sind Sie überhaupt reingekommen, in die Reithalle? Ein Publikum zur falschen Zeit, ein Theatermensch, der Requisiteur Josef Bieder, in der falschen Rolle. Was aber zusammengenommen, das Coburger Publikum und der Coburger Theaterhaudegen Stephan Mertl, in den nächsten eindreiviertel Stunden eine sogenannte Sternstunde des Theaters wird.

Der Degen wird übrigens in dem das Theater raffiniert und herrlich amüsant wie in einem Spiegelkabinett von vielen Seiten reflektierende Stück noch eine zentrale Rolle spielen. Wenn in "Die Sternstunde des Josef Bieder" von Eberhard Streul der wahre Escamillo auftritt, wie er tatsächlich verkörpert werden müsste. Nicht so wie dieser plumpe Zobel in der aktuellen "Carmen"-Inszenierung im Großen Haus des Landestheaters. Sozusagen der "Carmen"-Torero an sich, wie ihn Josef Bieder vor Augen hat, der seit 30 Jahren für die Requisiten, also die Spiel-Sachen auf der Bühne, zuständig ist und das Theater deshalb von vorne und von hinten kennt. Übrigens auch das Publikum, das sehr wohl ebenfalls durchfallen kann. Weil es manchmal blöd ist.

Außerdem wollte dieser altgediente Requisiteur eigentlich Sänger werden. Eine Stimme hat er. Was wiederum Stephan Mertl in diesem witzigen, hintergründigen Stück über das Theater und auch über sich selbst und seine Art furios beweist. Mit Passagen aus "Rigoletto", mit dem "Torero"-Lied und anderem überraschend. Von seiner Ausbildung her ist der uns in den unterschiedlichsten Rollen vertraute Schauspieler Stephan Mertl ja tatsächlich Sänger. Aber das ist in dieser zum Auftakt der Schauspielsaison gegebenen Produktion zwar wichtig, aber nicht das Wesentliche.

Diese "Sternstunde" führt uns vor, was Theater eigentlich ist, was es im Innersten zusammenhält, nämlich die unmittelbare Interaktion von Publikum und Darsteller, das reizvolle Spiel miteinander im Moment, was der perfekteste Film nicht leisten kann. Es braucht dazu einen souveränen Bühnenkünstler wie Stephan Mertl, der immer anderes und weiteres darstellen kann, gleichzeitig immer er selbst ist und in eben dieser Macht sein Publikum auf einer besonderen Wirklichkeitsebene hält und leitet.

Mertl führt auf einer weiteren Reflexionsebene seinem Publikum, Dir direkt, vor, wie Vergegenwärtigung von Geschichten und Geist gemacht wird; doch gleichzeitig im Zeigen, im entscheidenden Moment ist Mertl tatsächlich Escamillo, keineswegs nur eine Karikatur. Ok, der sterbend kriechende Othello, der ist und soll es sein, Satire.

Vielleicht ist es die Vorführung dieser nicht ganz geheuren Verführung, die Spiegelung der Spiegelung, die wir am eigenen Leib zu spüren kriegen, die uns zum Lachen bringt, aus einer Irritation unseres Realitätssinnes heraus.

Jedenfalls ist "Die Sternstunde des Josef Bieder" mit den Vorführungen von Stephan Mertl und all den schrägen Anekdoten aus dem Theaterleben so witzig, dabei so intelligent, dass wir die Reithalle nachhaltig amüsiert verlassen.

"Die Sternstunde des Josef Bieder". Revue für einen Theaterrequisiteur von Eberhard Streul. Inszenierung Gunther Möllmann, Ausstattung Hans Salomon. Darsteller: Stefan Mertl.

Weitere Vorstellungen:

9., 17., 19., 20., 31. Oktober, 20 Uhr in der Reithalle

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren