Coburg
Interview

Landestheater Coburg: Roland Kluttig dirigiert Benjamin Brittens Außenseiter-Drama

"Peter Grimes" erzählt die Geschichte eines tragischen Scheiterns. GMD Roland Kluttig ist der Dirigent der Neuinszenierung am Landestheater Coburg.
Artikel drucken Artikel einbetten
coburgs Generalmusikdirektor ist musikalischer Leiter der Neuinszenierung von Benjamin Brittens "Peter Grimes" am Landestheater. Premiere ist am Samstag, 26. Januar.Foto: Marco Borggreve
coburgs Generalmusikdirektor ist musikalischer Leiter der Neuinszenierung von Benjamin Brittens "Peter Grimes" am Landestheater. Premiere ist am Samstag, 26. Januar.Foto: Marco Borggreve

Benjamin Brittens erste Oper "Peter Grimes" erzählt die tragisch endende Geschichte eines Außenseiters wie beispielsweise auch Alban Berg zwei Jahrzehnte zuvor in "Wozzeck". Das Werk feiert am 26. Januar Premiere am Landestheater Coburg. Welche Herausforderungen die 1945 uraufgeführte Oper den Interpreten bietet, verrät Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig im Interview.

Woran scheitert die Titelfigur in "Peter Grimes"? Wie gestaltet Britten dieses Scheitern?

Roland Kluttig: Britten schildert in diesem Werk höchst differenziert die Beziehungen zwischen dem Einzelnen - dem Außenseiter - und der Menge, in diesem Falle der Dorfgemeinschaft. Im Gegensatz zur literarischen Vorlage, in der Peter Grimes ein Monster ist, gestaltet Britten ihn mit großer Empathie als einen komplizierten Charakter. Die Typen der Dorfgemeinschaft wiederum legt Britten recht schematisch an. Ich sehe es so, dass Peter Grimes von Anfang an keine Chance hat, er kommt nicht "aus seiner Haut" und die Gemeinschaft, mit Ausnahme von Ellen Orford und Balstrode, ist nur auf eine Verurteilung aus. Die am Anfang geschilderte Situation spitzt sich im Laufe des Stückes immer auswegloser zu.

Stilistisch finden sich in "Peter Grimes" viele Einflüsse. Welche sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

Mit Sicherheit spielt Alban Bergs "Wozzeck" die zentrale Rolle als Vorbild. Wir wissen, dass Britten in jungen Jahren unbedingt zu Berg nach Wien wollte, um bei ihm zu studieren. Brittens Umfeld wusste das zu verhindern, weil die Wiener Schule in England um diese Zeit als dekadent galt. Die thematische Wahl - das Milieu der Geschichte um einen chancenlos Ausgestoßenen - sind eine erste Gemeinsamkeit. Wie Berg, spitzt auch Britten den Konflikt in kleinen Szenen immer mehr zu. Wie bei Berg spielt kurz vor Ende des Werkes die Bühnenmusik - eine Dorfkapelle - eine sehr große Rolle. Im Unterschied zu Berg ist Brittens Musik viel leichter fasslich, auch beim ersten Sehen und Hören erschließt sich das Werk sofort. Er arbeitet mit einer sehr transparenten Komplexität. Andere Einflüsse sind Richard Strauss (das Frauenquartett ist dem "Rosenkavalier"-Terzett nachempfunden), Gustav Mahler (insbesondere im dramatischen Sturmzwischenspiel), aber auch die Musik und Form amerikanischer Musicals, insbesondere bei der Schilderung der Kneipenatmosphäre.

Wo liegen bei diesem Werk die Herausforderungen für den Dirigenten? Wo für das Orchester?

Die Herausforderung liegt darin, die große Klarheit, mit der Britten das Werk komponiert hat, herüberzubringen. Das betrifft den Dirigenten wie das Orchester. Technisch ist das Werk für einige Orchestergruppen sehr anspruchsvoll, insbesondere die Bläser sind sehr gefordert. Wir alle sind aber insbesondere von Brittens Meisterschaft in der Behandlung des Orchesters begeistert.

Wie schwierig ist die Titelpartie des Peter Grimes im Vergleich zu anderen Tenor-Partien von "Fidelio" bis "Parsifal"?

Britten hat diese Rolle, wie viele spätere, für seinen Lebenspartner Peter Pears komponiert. Dieser war ein eher leichter Tenor, auch wenn er zu dieser Zeit schon Alfredo und sogar den Hoffmann gesungen hatte. Einerseits muss Grimes große Kraft für seine cholerischen Ausbrüche entwickeln können, andererseits hat ihm Britten lyrische und kantable Koloraturen hineinkomponiert, die kein Heldentenor bewältigen kann. Wir haben mit Roman Payer einen Sänger, der wie Peter Pears oder auch andere englische Interpreten aus dem lyrischen Fach kommt, aber auch über die nötige Dramatik verfügt.

Haben Sie schon andere Opern von Britten dirigiert?

Ich habe bereits eine Produktion von "Peter Grimes" vor genau zehn Jahren an der schwedischen Norrlandsopera geleitet und in Coburg eine Produktion von "The turn of the screw".

Welche Oper von Britten würden Sie gerne noch dirigieren?

Brittens Opern sind immer hervorragend gearbeitete, musikalisch und dramatisch stimmige Werke. Trotz allem erscheinen mir "Peter Grimes" und "The turn of the screw" als die Gelungensten. Insofern habe ich die beiden besten schon dirigiert. Im Moment würde mich eher eine Aufführung seines "War Requiems" oder weiterer konzertanter Werke mehr interessieren und ich hoffe auch, dass dieser "Peter Grimes" noch nicht mein letzter sein wird. Die Fragen stellte Jochen Berger.

Sie bringen "Peter Grimes" im Landestheater Coburg auf die Bühne

Premieren-Tipp Benjamin Britten "Peter Grimes", Oper in drei Akten und einem Prolog - Samstag, 26. Januar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Werkstattgespräch Donnerstag, 17. Januar, 18 Uhr, Landestheater Coburg Produktions-Team Musikalische Leitung: Roland Kluttig

Chorleitung: Mikko Sidoroff

Inszenierung: Alexander Charim

Bühne: Ivan Bazak

Kostüme: Aurel Lenfert

Dramaturgie: Dorothee Harpain

Darsteller Peter Grimes, ein Fischer: Roman Payer

Der Junge, sein Lehrling: Thomas Kaschel

Ellen Orford, Witwe und Gemeindelehrerin: Olga Shurshina

Balstrode, ehemals Kapitän eines Kauffahrers: Michael Lion

Auntie, Wirtin des Wirtshauses "Zum Hai": Kora Pavelic

1. Nichte: Dimitra Kotidou / Laura Incko

2. Nichte: Francesca Paratore / Laura Incko

Bob Boles: Peter Aisher

Swallow: Bartosz Araszkiewicz

Mrs. Sedley: Emily Lorini

Pastor Adams: Dirk Mestmacher

Ned Keene: Marvin Zobel

Hobson: Jinwook Jeong

Dr. Crabbe: Statisterie des Landestheaters Coburg

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Chor des Landestheaters Coburg , Extrachor des Landestheaters Coburg

Aufführungen 3. Februar, 15 Uhr, 7., 13. Februar, 1., 13. März, 19.30 Uhr, 24. März, 18 Uhr, 4. und 9. April, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Alexander Charim Der junge Gastregisseur Alexander Chaim, 1981 in Wien geboren, studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Erfahrungen sammelte er als Regieassistent und Hospitant am Burgtheater Wien und an der Wiener Staatsoper. Von 2003 bis 2007 studierte er Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. Seit 2007 ist Alexander Charim freier Regisseur und inszenierte unter anderem an der Staatsoper Hannover, dem Schauspielhaus Wien, der Deutschen Oper Berlin, dem Theater St. Pölten, der Oper Frankfurt, dem Staatstheater Karlsruhe, dem Theater Aachen, dem Theater Osnabrück, den Kunstfestspielen Hannover, dem Radialsystem Berlin, dem Theater Chur, den Operadagen Rotterdam und dem Theater Trier. Charim war Stipendiat der Akademie Musiktheater Heute und wurde 2015 für seine Inszenierung von Franz Grillparzer "Weh dem, der lügt!" am Theater St.Pölten für den Nestroy-Preis nominiert. 2016 erhielt er den Dr.-Otto-Kasten-Preis der Intendantengruppe des deutschen Bühnenvereins sowie den Nestroy-Preis für seine Inszenierung "Lichter der Vorstadt" am Theater St. Pölten. Vorverkauf Tageblatt-Geschäftsstelle, Theaterkasse.red

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren