Coburg
Begegnung

Landestheater Coburg: "Carmen" müsste "Don José" heißen

Wie Gastregisseur und Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau die Oper "Carmen" von Georges Bizet" am Landestheater Coburg inszenieren will.
Artikel drucken Artikel einbetten
Probenszene aus Bozets "Carmen". Die Neuinszenierung am Landestheater Coburg feiert am 2. Juni Premiere.Foto: Jochen Berger
Probenszene aus Bozets "Carmen". Die Neuinszenierung am Landestheater Coburg feiert am 2. Juni Premiere.Foto: Jochen Berger
+12 Bilder

Die Geschichte dieser Oper ist eine Geschichte voller Missverständnisse, voller Klischees und voller nachträglicher Veränderungen. "Carmen" - schon der Titel ist eigentlich ein Missverständnis. Darin sind sich der Regisseur und der Dirigent der Coburger Neuinszenierung einig.

Denn eigentlich müsste "Carmen" besser "Don José" heißen, sind Alexander Müller-Elmau und Roland Kluttig überzeugt. Denn Don José ist aus Sicht des Regisseurs, der zugleich sein eigener Bühnenbildner ist, die viel interessantere Figur als die Titelheldin Carmen.

Der Kern der Geschichte

Wie aber entgeht eine Neuinszenierung im Jahr 2019 jenen zahllosen Spanien-Klischees, die das Werk seit der Uraufführung 1875 haben? Alexander Müller-Elmau, der erstmals am Landestheater Coburg inszeniert, sucht eine Lösung, die den Kern der Geschichte freilegt, ohne dabei freilich dem Publikum alle liebgewonnenen Szenen und Details rauben zu wollen. "Ich bin ein bisschen geschädigt von vielen schlechten Inszenierungen, die ich schon gesehen habe", beschreibt Müller-Elmau sein Bestreben, einen unverstellten Blick auf das Werk bieten zu wollen.

Ein Soldat wird zum Mörder

Sein Ansatz wird bestimmt von dem Versuch, die verschiedenen Orte des Geschehens in einem Ort zu bündeln. Seine Szene, so Müller-Elmau, ist zugleich "Gefängnis, Stierkampfarena und Marktplatz". Sie liefert den Rahmen, um die Geschichte des am Ende zum Mörder werdenden Soldaten Don José und der verführerischen Carmen ganz aus der Perspektive des Mannes und damit zugleich im Rückblick zu erzählen. Damit geht Regisseur Müller-Elmau ganz bewusst zurück zur Novelle von Prosper Merimée, die ebenfalls aus der Perspektive Don Josés erzählt ist.

Viele Änderungen

Kompliziert ist nicht nur die Geschichte der szenischen Rezeption von Bizets "Carmen". Kompliziert und verworren ist auch die Geschichte der Partitur, die schon zu Bizets Lebzeiten viele Veränderungen, Streichungen und Ergänzungen erlebte. Die Partitur - sie ist aus Roland Kluttigs Sicht "ein Konvolut", aus dem sich jeder Dirigent letztlich seine eigene Fassung schaffen muss. Kluttig ist überzeugt, eine sehr stringente Fassung" gefunden zu haben - eine Fassung, in der die große Bandbreite an stilistischen Einflüssen bewahrt bleibe, die Bizet in seiner Partitur vereint hat.

Zwei Carmen-Darstellerinnen

"Es ist faszinierend, wie Bizet mit wenigen Pinselstrichen eine riesige Szene entwirft", schwärmt Kluttig. Und er schwärmt von der Möglichkeit, fast sämtliche Rollen dieser Opéra comique aus dem eigenen Ensemble besetzen zu können: "Wir haben gleich zwei Carmen-Darstellerinnen im Ensemble, beide verkörpern keine Klischee-Carmen": Emily Lorini und Kora Pavelic.

Rund um die Neuinszenierung von Bizets "Carmen" am Landestheater Coburg

Premieren-Tipp "Carmen", Opéra-comique in drei Akten und vier Bildern von Georges Bizet, Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle "Carmen" von Prosper Mérimée - Sonntag, 2. Juni, 18 Uhr, Landestheater Coburg

Produktions-Team

Musikalische Leitung: Roland Kluttig; Chorleitung: Mikko Sidoroff; Leitung Kinderchor: Daniela Pfaff-Lapins; Inszenierung und Bühne: Alexander Müller-Elmau;

Kostüme: Julia Kaschlinski;

Dramaturgie: Dorothee Harpain

Besetzung

Don José, Sergant: Milen Bozhkov

Escamillo, Stierfechter: Marvin Zobel

Remendado: Peter Aisher

Dancaïro: Christian Huber

Zuniga Bartosz Araszkiewicz

Moralès: Michael Lion

Carmen: Kora Pavelic

Micaëla: Olga Shurshina

Frasquita: Dimitra Kotidou

Mercédès: Emily Lorini

Chor des Landestheaters Coburg

Kinderchor des Landestheaters Coburg, Extrachor des Landestheaters Coburg, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Die Handlung Der Mörder Don José wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung. In Rückblenden erinnert er sich an die schicksalshafte Begegnung mit der Zigeunerin Carmen, die anders als er die Freiheit der Liebe über alle Konventionen stellt. "Die Liebe ist ein wilder Vogel, den niemand zähmen kann", singt sie in ihrer berühmten Habanera. Auch Don José gelingt es nicht, sie zu zähmen - als Carmen ihn für den Stierkämpfer Escamillo verlässt, tötet er seine Geliebte aus Eifersucht.

Das Konzept Die Uraufführung von Georges Bizets (1838 bis 1875) Oper am 3. März 1875 gerät zum Skandal: Zwar ist Carmen als exotische Femme Fatale die ideale Projektionsfläche sinnlicher Lust, doch zugleich schockiert sie durch einen Liebes- und Freiheitsanspruch, der bis dato Männern vorbehalten war. Nichtsdestotrotz fasziniert und verführt die wohl begehrteste Frauenfigur der Operngeschichte das Publikum bis heute - nicht umsonst zählt "Carmen" mit ihren einprägsamen Melodien und ihrer archaisch-rauschhaften Musik zu den meistgespielten Opern aller Zeiten. Ausgehend von Prosper Mérimées 1845 veröffentlichten Novelle erzählt der Regisseur Alexander Müller-Elmau den (Stier-)Kampf der Liebe aus der Perspektive Don Josés und entwickelt ein psychologisch-albtraumhaftes Inszenierungskonzept jenseits aller Zigeunerromantik und Spanienklischees.

Termine 2. Juni, 18 Uhr (Premiere), 9. Juni, 15 Uhr, 13. Juni, 19.30 Uhr, 16. Juni, 18 Uhr, 28. Juni, 3., 10. Juli, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Vorverkauf Tickets gibt s in der Tageblatt-Geschäftstelle und an der Theaterkasse

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren