Coburg
Archivfund

Kunsthändler Gurlitt war wohl kein Nazi-Günstling

Hildebrand Gurlitt - ein Kunsthändler von Hitlers Gnaden? Der Fund im Coburger Staatsarchiv macht nun deutlich, dass er offenbar nicht der kaltschnäuzige Nazi-Günstling war, der sich nur an Raubkunst bereicherte. Sein Spruchkammerakt erzählt eine andere Geschichte.
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Hildebrand Gurlitt (1895-1956) zählte zu Hitlers Kunsthändlern. Bei seinem Sohn Cornelius wurden zahlreiche Werke namhafter Künstler sichergestellt. Foto: Stadtarchiv Signatur 025-100-049 Düsseldorf /Iris Volkhardt-Forberg dpa
Hildebrand Gurlitt (1895-1956) zählte zu Hitlers Kunsthändlern. Bei seinem Sohn Cornelius wurden zahlreiche Werke namhafter Künstler sichergestellt. Foto: Stadtarchiv Signatur 025-100-049 Düsseldorf /Iris Volkhardt-Forberg dpa
Er gibt aber keine Auskunft über die Herkunft der 1406 Kunstwerke der Moderne, die in der Münchner Wohnung von Hildebrand Gurlitts Sohn Cornelius gefunden wurden. Aber er entlastet ihn. "Ich habe nicht gewusst, dass es dieses Dokument hier bei uns gibt", sagt der Leiter des Staatsarchivs, Johannes Haslauer und gesteht ein, dass es eigentlich dem Staatsarchiv Bamberg gehört.Weil das aber aus allen Nähten platze, wurden alle Spruchkammerakte Oberfrankens nach Coburg ausgelagert. Erst durch die Anfrage einer überregionalen Zeitung sei er darauf hingewiesen worden und habe sie herausgesucht.

Zum Hintergrund: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Rahmen der Entnazifizierung sogenannte Spruchkammern eingesetzt, in denen Laienrichter sowie wenig oder gar nicht belastete Juristen saßen. In der amerikanischen Besatzungszone hatte jeder Erwachsene einen Meldebogen auszufüllen. Hildebrand Gurlitt lebte nach 1945 in Aschbach, also im amerikanischen Hoheitsgebiet. Sein Meldebogen ist Teil des Spruchkammerakts.

Dort gibt er an, dass er weder Parteimitglied war noch einer NS-Organisation angehörte. Er war nach eigenen Angaben lediglich Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste. Das aber sei für einen Kunsthändler eine Pflichtmitgliedschaft gewesen.

Jüdische Großmutter väterlicherseits

Es findet sich auch ein Hinweis auf die jüdische Großmutter väterlicherseits, die sich aber schon 1924 habe taufen lassen. Zu dieser Angabe gibt es einen handschriftlichen Zusatz, dass ein "Mischling 2. Grades", der Hildebrand Gurlitt war, eigentlich kein Kunsthändler hätte sein dürfen. Von wem dieser Kommentar stammt, ist nicht auszumachen.

Ein selbst verfasster Lebenslauf und Angaben zum Einkommen und zur Vermögenssituation geben Aufschluss darüber, dass Kunsthandel im Dritten Reich durchaus lukrativ war. Als freier Händler hatte Hildebrand Gurlitt 1943 ein steuerpflichtiges Einkommen von 178.000 Reichsmark und 1945 eine Vermögen von 300.000 Reichsmark. An dieser Stelle kommen die prüfenden Behörden allerdings auf einen anderen Wert. Sie geben für 1945 ein Vermögen von 485.000 Reichsmark an.

Und auch sonst nahmen sie dem Kunsthändler wohl nicht ab, dass er kein Nutznießer des Nazi-Regimes war. Der aber legte eine Reihe von schriftlichen Aussagen prominenter Entlastungszeugen vor. Darunter auch solche mit hohem akademischen Grad. Der bekannteste ist Max Beckmann, einer der bedeutendsten deutschen Maler des Expressionismus, dessen Werke den Nationalsozialisten als "entartet" galten. Dieser Max Beckmann erteilt Hildebrand Gurlitt Absolution, hält ihm zugute, dass er "als Letzter in Nazi-Reich unter Gefahren" noch im Krieg Bilder von ihm gekauft und eine Ausstellung in Hamburg organisiert habe. Nur eine Zeugin belastet Gurlitt. Seine ehemalige Sekretärin, Ingeborg Hertmann, sagt ihm nach, "ungeheure Vorteile" aus der Zusammenarbeit mit dem NS-Staat gezogen zu haben.

Während die Spruchkammer den Kunsthändler anfangs auch als Nutznießer einstufte, spricht sie ihn im Juni 1948 komplett frei. Er habe keine Vorteile aus dem Kontakt zu den Nationalsozialisten "in eigensüchtiger Weise herausgeschlagen", heißt es im Einstellungsbeschluss .


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