Coburg

Kunst in Coburg: Zwischen Mythos und Mensch

Die Debüt-Ausstellung des Kunstvereines bringt einen Holzbildhauer an die Öffentlichkeit, der tief beeindruckt.
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Stefan Schindlers "Seher" verweist auf ein tieferes Da-Sein. Fotos: Carolin Herrmann
Stefan Schindlers "Seher" verweist auf ein tieferes Da-Sein. Fotos: Carolin Herrmann
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Utanapischtim ist ein Held aus dem sumerisch-babylonischen Flut-Mythos, dem Gilgamesch-Epos. Der Name bedeutet so viel wie "Ich habe mein Leben gefunden". Utanapischtim heißen zwei der Skulpturen, die der "Herrgottschnitzer" Stefan Schindler im Coburger Kunstverein ausstellt. Eine verharrt in der Position der christlichen Heiligen- und Madonnendarstellungen, in sich leicht gedreht, geneigter, in sich gekehrter Blick, die Hand in den Schoß gelegt.
Stefan Schindlers Figuren wirken allesamt groß, größer als die Menschengestalt, die sie einnehmen, obwohl sie meist eher schmal sind. Es ist ihre Intensität, die den Raum füllt, Stille erzwingt, wegführt vom Heutigen, Alltäglichen. Unweigerlich hält man den Atem an, wenn man zwischen diese Gestalten aus Erle, Nussbaum, Kirsche, Eiche oder Zeder im Parterre des Kunstvereines tritt.
Mit dieser Debüt-Ausstellung holt der Coburger Kunstverein einen Bildhauer ins Licht der Öffentlichkeit, der aus geradezu mythischer Wucht wirkt, wie herausgehoben aus aller Zeit. Die Namen weisen in Vor- oder Über-Zeit; der Engelsname Hamael erscheint, die babylonische Göttin Tiamat. Es gibt einen erschreckenden "Engel", die Flügel hinter und über sich zusammengeschlagen, Spuren von Gold noch in seinem imaginären Gefieder. Ein "Seher" hat seine Hände erhoben, nicht wirklich mahnend, die Finger aber sind, obwohl durchaus filigran, von solch erschreckender Plastizität und lebendiger Körperlichkeit, dass er einen wahrlich ergreift, dass man meint, diese Finger auf den eigenen Wangen zu spüren.


Verfallend und doch überzeitlich

Dabei arbeitet Schindler mit dem Holzbeil und mit der Kettensäge. Wie kommt er da zu solch feiner, pulsierender Gestaltung? Denn seine Figuren haben bei aller Entfremdung eine ungemein menschliche Anmutung. Sie zeigen den Menschen in Verfallenheit, vergehend, dabei aber ruhend in einem wie auch immer gearteten, gesicherten Sein. Sie sind in besonderem Maße im Da- und im Fort-Sein.
Was sich vor allem in ihren Gesichtern zeigt; schwarze Augen und Lippen, ernsthafte, schmerzliche Blicke, nein, doch nicht, sie leiden nicht (mehr), sind nur vollkommen in sich gekehrt, ohne dass sie unsere Welt hinter sich gelassen hätten. "Herrgottschnitzer" nennt sich der Künstler auf dem ersten Blatt des ebenfalls beeindruckenden Bildbandes, den er zu diesem Debüt unter anderem mit Unterstützung des Coburger Kunstvereines herausbringen konnte und der ihm den Weg zur Anerkennung erleichtern soll.
Schindlers Skulpturen vergegenwärtigen die christliche Tradition der Holzbildhauerei, bringen dabei aber auch eine neue, heutige Ästhetik. Etwa mit dem "Nomaden" oder dem "Hamael", deren kleine ausdrucksstarke Köpfe aus übergroßer, gefäßartiger Bekleidung ragen. Die ist über und über gekerbt, eingeschnitten, Rundungen werden durch immer dichtere Linien herausgewirkt. In seiner Vita berichtet der im Landkreis Ansbach Aufgewachsene - nichts. Von den Stationen seiner Ausbildung abgesehen. Er wird wohl ausdrücken wollen: Was gibt es angesichts dieser Gestalten noch zu sagen? Einer seiner Jesusfiguren heißt übrigens "Das Ende der Sicherheit".
Stefan Schindler erhält morgen auch den Debütantenpreis der Sparkasse Coburg-Lichtenfels in Höhe von 3000 Euro. Der Förderpreis wird zum zweiten Mal vergeben.

Der Künstler Stefan Schindler wurde 1981 in Ansbach geboren. Seine Ausbildung zum Holzbildhauer absolvierte er an der staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau. Von 2005 bis 2011 studierte er Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und an der Akademie der schönen Künste in Krakau. Seit 2011 arbeitet er selbstständig als freischaffender Bildhauer. Er ist Lehrbeauftragter für Holzbildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Die Ausstellung Kunstverein Coburg - Stefan Schindler. Skulpturen in Holz. Debüt-Ausstellung im Pavillon am Hofgarten. Eröffnung morgen um 16 Uhr. Musikalische Umrahmung durch Frithjof Greiner, Violine, und Thomas Meyer, Klavier. Zur Ausstellung erschien ein Katalog. Bis 1. Oktober, Dienstag bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr, Sonntag auch 10 bis 12.30 Uhr.
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