Coburg
Interview

Junger GMD-Aspirant für Kluttig-Nachfolge in Coburg: "Ich liebe es, Oper zu dirigieren"

Warum ein junger Dirigent aus Australien Nachfolger von Roland Kluttig am Landestheater in Coburg werden will.
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Bei den Sinfoniekonzerten am Sonntag und Montag dirigiert GMD-Aspirant Daniel Carter auch ein Werk von Ludwig van Beethoven - die 6. Sinfonie "Pastorale".Foto: Jochen Berger
Bei den Sinfoniekonzerten am Sonntag und Montag dirigiert GMD-Aspirant Daniel Carter auch ein Werk von Ludwig van Beethoven - die 6. Sinfonie "Pastorale".Foto: Jochen Berger

Der junge australische Dirigent Daniel Carter ist der dritte Bewerber um die Nachfolge von Roland Kluttig als Generalmusikdirektor am Landestheater. Im Gespräch verrät der 30-Jährige, warum er Dirigent geworden ist und was ihn an der Aufgabe in Coburg reizt.

Was reizt Sie an der Aufgabe in Coburg?

Daniel Carter: Coburg ist ein mittelgroßes Haus - und von Freiburg her habe ich schon Erfahrungen mit einem mittelgroßen Haus. Aber es strahlt mehr aus als andere Häuser dieser Größe. Das krasseste Beispiel dafür ist das Gastspiel in London in diesem Jahr. Zudem ist Roland Kluttig ein Dirigent, den man einfach kennt.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

In meiner Familie gibt es keine Musiker. Aber ich habe schon mit drei Jahren meine Eltern genervt mit dem Wunsch: Ich will Klavier lernen. Zu meinem 4. Geburtstag habe ich endlich meine erste Klavierstunde bekommen. Später habe ich dann Komposition studiert, aber eigentlich war ich musikalisch immer eine Art Allesfresser.

Warum sind Sie Dirigent geworden? Gab es ein regelrechtes Schlüsselerlebnis für Sie?

Als Teenager war ich Strawinsky-Freak und habe im Alter von 13 oder 14 gesehen, dass die Oper in Australien "Rake's Progress" von Strawinsky aufführt. Weil meine Eltern nicht in die Oper gehen wollten, bin ich dann allein hingegangen. Ich wusste überhaupt nichts von der Oper, ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt. Ich bin in meiner Sportkleidung nach der Schule in die Oper gegangen - es war die Premiere. Ich saß dann mit meiner Sportkleidung zwischen Leuten im Smoking. An diesem Abend habe ich den Dirigenten erlebt und gesehen, wie man als Dirigent vor allem in der Oper einfach Geschichten erzählen darf. An diesem Abend wusste ich: Das ist das, was ich machen will. Dass dieser Typ da vorne alles machen darf, um den Zuschauern eine Geschichte zu erzählen - das ist richtig spannend. Ich liebe es, Oper zu dirigieren.

Was zeichnet Ihrer Ansicht nach einen guten Dirigenten aus?

Ein guter Dirigent ist jemand, der Leute mitnehmen kann - sowohl im Publikum als auch auf der Bühne. Das heißt nicht unbedingt, dass alles perfekt zusammen ist, sondern dass man wirklich das Gefühl hat, im Sängerensemble und im Orchester, dass wir alle dasselbe Ziel haben. Man spürt es am Abend, wenn wir alle dasselbe Ziel haben.

Sie haben noch nie in Coburg dirigiert. Worauf kommt es an bei der ersten Begegnung mit einem Orchester, das Sie noch nicht kennen?

Ich versuche einfach, ganz ehrlich mit der Sache umzugehen und ich selber zu sein. Es bringt nichts, wenn man sich verstellt. Es ist viel besser einfach zu sagen: so bin ich, so arbeite ich. Wenn das dem Orchester gefällt, ist es super schön, wenn es dem Orchester nicht gefällt, ist es besser, wenn wir alle ehrlich miteinander umgehen. Man sollte keine Show machen.

Bei den Sinfoniekonzerten am Sonntag und Montag dirigieren sie Werke von Benjamin Britten und Ludwig van Beethoven. Wie passt Brittens Symphonie für Cello und Orchester zu Beethovens "Pastorale"?

Darüber musste ich wirklich ganz lange nachdenken. Britten ist in diesem Stück ganz streng in der Form. Beethovens 6. Symphonie dagegen ist wahrscheinlich seine freieste Symphonie, von der Form her, aber auch von der Art der Komposition her. Wenn man alles zusammen hört, behauptet man, dass man eine Melodie hört. Aber eigentlich spielt kein einzelnes Instrument eine durchgehende Melodie.

In der Ausschreibung für die GMD-Stelle in Coburg stand ausdrücklich das Thema Musikvermittlung. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Bereich schon gesammelt?

In dieser Hinsicht habe ich schon richtig viele Erfahrungen. Am Anfang meiner Karriere habe ich beim Sidney Symphony Orchestra sehr viele Musikvermittlungs-Konzerte dirigiert - das waren meine ersten Erfahrungen als Profi-Dirigent. Das waren Konzerte für verschiedene Altersgruppen, in einem Konzert waren Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren, im nächsten von sieben bis neun Jahren und so weiter - man spielte das Konzert mehrmals am Tag für verschiedene Altersgruppen.

Wie stehen Sie generell dem Thema Überalterung des Publikums bei Klassische Musik gegenüber? Was kann man gegen diese Überalterung machen?

Man muss auf die Leute zugehen. Man kann nicht erwarten, dass die Leute ins Theater kommen, nur weil das Theatergebäude da auf dem Schlossplatz steht. Man muss etwas anbieten, man muss mit den Musikern in die Schulen gehen. Ich bin nicht so dumm zu glauben, dass sich jeder Mensch für Opern interessieren muss. Aber ich glaube schon, dass es für mehr Menschen interessant ist, als man meint. Oper ist kein hochnäsiges Ding. Es ist schön, Menschen singen zu hören, es ist schön, Geschichten zu erleben. Man muss den Leuten zeigen, dass wir im Theater ganz normale Menschen sind - vielleicht ein bisschen verrückt, aber eigentlich ganz normale Menschen, die man auf der Straße treffen kann. Wir sitzen nicht in einer Burg und sagen nicht: Wenn Sie nicht Millionär sind, kommen Sie bitte nicht.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Coburg?

Ich habe ein bisschen von der Stadtmitte gesehen. Was ich bislang gesehen habe, ist wirklich wunderschön. Die Zeit am Sonntag und Montag, wenn ich nur Abend Konzerte habe, werde ich die Zeit nutzen, um ein bisschen durch die Stadt zu gehen.

So geht die Coburger GMD-Suche weiter

Daniel Carter ist seit der Spielzeit 2019/2020 Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin und dirigiert dort zahlreiche Vorstellungen, darunter "Die Zauberflöte", "Les contes d"Hoffmann" und "Il Barbiere di Siviglia".

Von der Spielzeit 2015/2016 bis 2018/2019 war der australische Dirigent Erster Kapellmeister am Theater Freiburg, wo er ein breites Repertoire von Opern - darunter mehrere Uraufführungen - und Konzerten dirigierte. Er debütierte in den vergangenen Spielzeiten an der Oper Köln, beim Münchener Kammerorchester, am Theater Trier, am Aalto-Musiktheater Essen und dirigierte wieder das Queensland Symphony Orchestra sowie die Akademie des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Von 2013 bis 2015 war Daniel Carter, der Komposition und Klavier an der University of Melbourne studierte und 2012 mit dem "Brian Stacey Award", einem Preis für australische Nachwuchsdirigenten, ausgezeichnet wurde, an der Hamburgischen Staatsoper engagiert, zuerst als Korrepetitor und dann als Dirigent und Musikalischer Assistent der Generalmusikdirektorin Simone Young. GMD-Suche Drei Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge Roland Kluttigs als Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg. Daniel Carter dirigiert das Concertino am 16. November (11 Uhr) und die Sinfoniekonzerte am 17. November (18 Uhr) und 18. November (20 Uhr). Harish Shankar leitet "Carmen" am 28. November, Moritz Gnann dirigiert am 14. Dezember das Concertino (11 Uhr) und am 15. Dezember (18 Uhr) und am 16. Dezember (20 Uhr) das Sinfoniekonzert. Vorverkauf Tickets in der Tageblatt-Geschäftsstelle.

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