Coburg
Festakt

Jeder Satz ein Kampf mit der Welt

Der fünfte Coburger Rückert-Preis wurde an die indische Autorin Sara Rai vergeben. Vom Sinn, aus einer kleinen Stadt über die Kontinente hinweg zu wirken.
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Sara Rai nimmt von Oberbürgermeister Norbert Tessmer den  Rückert-Preis entgegen.  Carolin Herrmann
Sara Rai nimmt von Oberbürgermeister Norbert Tessmer den Rückert-Preis entgegen. Carolin Herrmann
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Ihr Werk sieht aus unserem Blickwinkel nicht gerade riesig aus: Hindi-Kurzgeschichten 1997, 2005, ein weiterer Erzählband 2015. Sara Rais bisher einziger Roman erschien 2010 "Das Milanenhaus". Auf Deutsch liegen erst seit 2013 Übersetzungen durch Johanna Hahn, eine promovierte Südasienwissenschaftlerin, vor. Darüber hinaus ist Sara Rai mit verschiedenen Essays und als Herausgeberin hervorgetreten.

Am Donnerstag wurde der in Indien namhaften Autorin Sara Rai, Tochter aus seit Generationen maßgeblicher Literatenfamilie, der Coburger Rückert-Preis durch Oberbürgermeister Norbert Tessmer verliehen, in Anwesenheit führender gesellschaftlicher Vertreter und des indischen Generalkonsuls für Bayern und Baden-Württemberg, Augaridh Kajaram.

Jedes Mal wieder verursacht die Vergabe des Coburger Rückert-Preises ein ambivalentes Gefühl. Dem Sprachengenie Friedrich Rückert folgend, greift die global gesehen ja eher kleine Stadt Coburg sehr, sehr weit aus in ferne Sprachräume. Lächelnd dankte Sara Rai, eine (scheinbar) in sich ruhende Frau mit langem, grauen Haar und in feinem Sari, in ihrer auf Englisch gehaltenen Rede "aus einem weit entfernten Land". Wie ihre Vorgänger betonte sie, wie wichtig und ermutigend das Signal dieses Preises für die Literatur in ihrer Welt sei. Für sie sei es "Genugtuung für ihre Jahre des einsamen Schreibens".

Tatsächlich gehört Sara Rai zu den Schriftstellern, für die Schreiben "schwer" ist. "Mit jedem Satz nehme ich den Kampf mit der Welt auf". Denn sie will gerade in der oft grausamen Realität des indischen Subkontinents "Stellung beziehen" und dem "Marginalisierten eine Stimme geben".

Auch die Indologin Ines Fornell, die in ihrem Vortrag die vielfältige und geradezu staunenswerte Sprachenwelt des indischen Subkontinents beleuchtete, betonte, dass der Rückert-Preis mittlerweile ein "enormes nationales und internationales Renommee" gewonnen habe. - Also dann: Weltpoesie allein ist Weltversöhnung, lautete die Überzeugung Rückerts. Warum mit der Versöhnung nicht im (scheinbar) Kleinen anfangen, zumal in einer digitalen Welt Entfernungen keine entscheidende Rolle mehr spielen.

Lieblingsregion Rückerts

Der Dichter, Orientalist und Übersetzer Friedrich Rückert, 1788 in Schweinfurt geboren, war "Coburger" geworden. Er lebte von 1820 bis zu seinem Tod 1866 in Neuses. Er habe 44 Sprachen, vor allem des Nahen und Mittleren Ostens, jeweils in kürzester Zeit erlernt, das klassische Sanskrit etwa, indem er 1061 Seiten eines englischen Lexikons abschrieb, wie es die Jury-Vorsitzende Claudia Ott, Arabistin an den Universitäten Erlangen und Göttingen, beim Festakt im Riesensaal der Ehrenburg berichtete. Er brachte die orientalische Literatur durch seine bis heute geschätzten Übersetzungen in deutsches Bewusstsein.

Indem man sich mit der fünften Vergabe des Rückert-Preises diesmal dem indischen Sprachraum mit seinen Jahrtausende alten literarischen Traditionen und auf vier großen grundsätzlichen Sprachgruppen basierenden Vielfalt zuwandte, habe man eine Lieblingsregion Rückerts ins Blickfeld genommen, so Claudia Ott.

Kurzgeschichten bevorzugt

Reinhold Schein, Vorsitzender des Literaturforums Indien, rückte in seiner Begründung der Jury-Entscheidung und literarischen Würdigung Sara Rais eine weitere Irritation des westlichen Betrachters zurecht. In Südostasien sind Kurzgeschichten von besonderer Beliebtheit, weit über den bei uns bevorzugten Roman hinweg.

Sara Rai schreibt - was in Indien eine Entscheidung von gesellschaftspolitischer Bedeutung ist - in Hindustani, einer Synthese aus Hindi und Urdu, und bildet dabei die Wirklichkeit des Subkontinentes "präzise, differenziert und vielfältig" ab, so Schein. Sie dringe auf subtile Weise ein in die inneren Welten der Protagonisten; manchmal öffnet sie Türen ins Magische.

Ehrung für die Übersetzerin

Wie eindringlich Sara Rai dies vermag, bewies sie mit ihrer Lesung einer Geschichte aus dem eben auf Deutsch erschienenen Band "Im Labyrinth". Die Stimme der Autorin erklang berührend im Original. Claudia Ott las die Übertragung ins Deutsche. Überhaupt: Zurecht galt diese Ehrung auch der Übersetzerin Johanna Hahn, die erst dafür gesorgt hat, dass Sara Rai für uns zugänglich geworden ist. Ines Fornell wie Reinhold Schein wünschten sich eine eigene Auszeichnung der Übersetzung. "Johanna Hahn hat wesentlichen Anteil daran, dass Sara Rai diesen Preis bekommen konnte", so Fornell.

Der eindrückliche Festakt wurde musikalisch vertieft mit Rückert-Vertonungen, die Stefanie Ernst kunstvoll und gleichzeitig mit einnehmend natürlichem Gestus bot, am Klavier bestens begleitet von Kyoko Frank. Am Freitagabend war Sara Rai dann nochmals in einer eigenständigen Lesung im Haus Contakt zu erleben.

Coburger Rückert-Preis Der seit 2008 vergebene Preis ging 2008 in den arabischen Sprachraum, an den Ägypter Ala al-Aswani, 2010 an den Iraner Esmail Khoi, 2013 an den Syrer Nihad Siris und 2016 an die türkische Autorin Sema Kaygusuz. Der mit 7500 Euro dotierte Preis wird von der Stadt Coburg verliehen.

Sara Rai, geboren 1956 in Allahabad, studierte in Neu-Delhi und Allahabad. Sie ist die Enkelin von Dhanpat Rai Shrivastava (1880- 1936), besser bekannt als Premchand, der als Pionier der modernen Hindi-Literatur gilt. Ihr Vater, der Kritiker und Maler Shripat Rai (1916-1994), war Herausgeber der Literaturzeitschrift Kahaani. Ihren ersten Band mit Hindi-Kurzgeschichten veröffentlichte Sara Rai 1997 unter dem Titel "Abaabil ki uraan" (Schwalbenflug). Ihr bisher einziger Roman erschien 2010 unter dem Titel "Cheelwali kothi" (Das Milanenhaus).

 Sara Rai repräsentiert eine Generation indischer Autorinnen, die verschiedenste Einflüsse aus der europäischen, amerikanischen und indischen Literatur in ihr Werk integrieren. Rai thematisiert auf Hindustani neben der nostalgischen Erinnerung an vergangene Zeiten auch die Ambiguität zeitgenössischer Entwicklungen in Indien.

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