Coburg
Diskussion

Islamisten-Wagen aus Coburg darf nicht an Umzug teilnehmen

Der Fasching, der Terror und die Frage, was erlaubt ist und was nicht. Alex Reuther hatte bereits bei der Prunksitzung der Narrhalla für Aufsehen gesorgt. Jetzt wurde sein Vorhaben gestoppt, einen Wagen für den Umzug in Würzburg zu bauen.
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So kam Alex zur Prunksitzung der Coburger Narrhalla: Verhüllt als Muslim und mit einem spitzen Bleistift als Kalaschnikow in der Hand - dazu die Solidaritätsbekundung mit den Terroropfern von Paris: "Je suis Charlie". Anschließend sah sich Alex in den sozialen Netzwerken einem Shitstorm ausgesetzt. Foto: Albert Höchstädter
So kam Alex zur Prunksitzung der Coburger Narrhalla: Verhüllt als Muslim und mit einem spitzen Bleistift als Kalaschnikow in der Hand - dazu die Solidaritätsbekundung mit den Terroropfern von Paris: "Je suis Charlie". Anschließend sah sich Alex in den sozialen Netzwerken einem Shitstorm ausgesetzt. Foto: Albert Höchstädter
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Alex, der in Coburg auch gerne einfach nur "der Sprayer" genannt wird, hat Spaß an ungewöhnlichen Aktionen. Zum Beispiel hängt er öfters mal riesige Samba-Plakate an markanten Stellen in der Stadt auf. Oder er macht sich über die massive Betonmauer am Zentralen Omnibusbahnhof lustig und rückt sie mit einem Spruchband in die Nähe der Berliner Mauer. Alex will aber ebenso Botschaften rüberbringen - sogar oder gerade auch im Fasching. Als kreativer Wagenbauer für den Coburger Gaudiwurm hat er schon mehrfach Preise gewonnen. Auch in diesem Jahr hatte er so einige Ideen, wurde aber mittlerweile jäh gestoppt. Alex, der sonst so gerne lacht, wird dann plötzlich ganz leise und erzählt, wie es dazu kam.

Paris - die Terroranschläge von Islamisten auf eine Satirezeitung. Das hat auch Alex betroffen gemacht. Und es hat ihn bereits bei der Prunksitzung der Coburger Narrhalla Mitte Januar zu einem ungewöhnlichen Kostüm animiert: Er verhüllte sich als Wüstensohn, nahm eine Kalaschnikow in die Hand - die bei näherem Hinsehen ein spitzer Bleistift war - und verkündete dazu die Solidaritätsbotschaft mit den Opfern von Paris, "Je suis Charlie".
Viele fanden diese Faschingsverkleidung gut - viele stießen sich aber auch daran. "Ein Bild von mir stand ja schon nachts auf der Tageblatt-Facebook-Seite, unglücklicherweise ohne dass die so wichtige Bleistiftspitze zu sehen war", erinnert sich Alex. Bis zum nächsten Morgen hatte sich schon ein heftiger Shitstorm - also allerhand Beschimpfungen - gegen ihn zusammengebraut. Alex war verstört und enttäuscht. Denn: "Der eigentliche Sinn von Fasching ist es doch, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Aber die meisten wollen heute halt doch nur Party und Ballermann."

Für die Meinungsfreiheit

Doch Alex wäre nicht Alex, wenn er sich von etwas entmutigen lassen würde. Ende Januar reifte in ihm die Idee, auch einen Motivwagen zu bauen, der die Themen Terror und Meinungsfreiheit aufgreift. Konkret plante er einen Wagen mit einem großen Hardcore-Islamisten aus Pappmaché, bewaffnet mit Kalaschnikow und Bombe - der Islamist wird allerdings von einem riesigen spitzen Bleistift durchbohrt - auf dem Bleistift steht "Je suis Charlie". "Das soll als Antwort der Karikaturisten auf das Attentat von Paris verstanden werden, indem dieser ihre Waffe - den Stift - einsetzen", erklärt der Aktionskünstler.

Süddeutschlands größter Umzug

Teilnehmen wollte er mit dem Wagen in Würzburg, an Süddeutschlands größtem Faschingsumzug. Dort ist Alex ohnehin am Start mit einem Wagen, der fürs Coburger Samba-Festival wirbt. Also fragte er an, ob er in diesem Jahr auch noch mit einem zweiten Wagen teilnehmen darf. Sicherheitshalber hängte er der Mail-Anfrage noch eine Skizze des geplanten Charlie-Hebdo-Wagens an.

Doch als Alex bereits damit begonnen hatte, den Pappkameraden zu bauen, kam aus Würzburg die Absage: Nein, man wolle nicht, dass ein solcher Wagen am Umzug in Würzburg teilnimmt. Zugmarschall Michael Zinnhobel legt aber Wert darauf, dass diese Entscheidung nichts mit den Ereignissen in Paris zu tun habe: "Wir wollten noch nie, dass unser Umzug als politische Plattform genutzt wird." Und zwar weder für die große Welt- oder die kleine Stadtpolitik. Dafür, so die einhellige Meinung der Umzugsorganisatoren, gebe es genügend andere Plattformen. Ebenso lehne man seit jeher alles ab, was mit Gewaltdarstellungen zu tun habe. "Gerade beim Umzug sind viele Kinder dabei - als Mitlaufende wie auch als Zuschauer." Da wolle man noch nicht mal Totenköpfe sehen, sagt Zinnhobel. Gewalt und Fasching, das passe nicht zusammen.

Alex findet diese Argumentation "fadenscheinig" und verweist vor allem auf die vielen Kinder, die sich selbst zum Fasching als (bewaffneter) Cowboy, Indianer oder Darth Vader verkleiden. Viel eher vermutet er "gesellschaftliche Zwänge" hinter der Absage und räumt unumwunden ein: "Ich bin total gefrustet!" Und: "Wir sind in Deutschland wohl noch nicht beziehungsweise nicht mehr reif für so etwas."

Damals Irak, heute Ukraine

Der Sprayer verweist auf das "Einknicken" in Köln oder seinerzeit die Absage des Faschings, als der Irak in Kuwait einmarschiert war. "Mittlerweile haben wir sogar Krieg in Europa - in der Ukraine - und der Spaß geht seinen Gang", gibt Alex zu bedenken. Einzig Düsseldorf mit den traditionell härtesten Politwagen werde am Rosenmontag sicherlich "in Sachen Terror eine Granate zünden", glaubt der Coburger: "Ich werde mir das am Fernsehen anschauen - mit einem lachenden und eben auch einem weinenden Auge."

Eine "Übersensibilisierung durch selbstauferlegte Zensur" hält Alex für eine "falsche Entwicklung". Er stellt mit Blick auf seine jüngsten Ideen klar: "Ich greife damit doch nicht den Islam oder Mohammed an, sondern die Idioten, die den Islam missbrauchen." Einerseits könne er verstehen, dass "nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer" der aktuellen Konflikte gegossen werden soll - andererseits müsse man sich aber vor Augen halten, zu welchen Maßnahmen die Terroristen greifen: "Die verbrennen und köpfen Menschen!"

Aber es ist nun mal wie es ist: Alex hat die Arbeiten an seinem "Charlie-Hebdo-Wagen" inzwischen eingestellt. Wenn er damit in Würzburg nicht an den Start gehen darf, dann versucht er es auch gar nicht erst im Coburger Land - vor allem, weil sich der Aufwand dann nicht lohnen würde. In Würzburg wird Alex am 15. Februar aber wieder mit einem Samba-Wagen dabei sein. Trommeln kann ja keiner falsch verstehen.
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