Die Kunstwelt staunt: Für rund 50 Millionen Euro hat soeben die hessische Hausstiftung ein Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren an einen Unternehmer und Sammler in Baden-Württemberg verkauft. Die "Darmstädter Madonna", auch "Holbein-Madonna" genannt, gilt als Hauptwerk der Renaissance nördlich der Alpen und gehört zu den bedeutendsten Werken der europäischen Malerei des 16. Jahrhunderts.
Der Kunstwelt wäre dieser Genuss allerdings entgangen, wenn es vor 66 Jahren nicht die schützenden Mauern von Schloss Callenberg sowie der Veste Coburg gegeben hätte. "Ja", weiß Klaus Weschenfelder, der heutige Direktor der Kunstsammlungen der Veste, "dieses herausragende Werk war einige Monate in Coburg!" Und zwar von März bis Dezember 1945. Das Gemälde sollte damals, in den letzten Kriegsmonaten, vom Landeskonservator Günther Grundmann in Sicherheit und von Schlesien nach Darmstadt gebracht werden (siehe dazu auch die Geschichte des Gemäldes am Ende dieses Textes). Grundmann hat über diesen Transport ein Buch geschrieben. In "Der Schicksalsweg der Darmstädter Madonna" heißt es über die Coburger Zeit: "Hinter Hof erlebten wir den ersten Tieffliegerangriff (...). Endlich folgen sie weg - das Bild war gerettet! Tagelang hieß es dann wieder im Frankenwald warten, bis entschieden war, daß Coburg in Bayern das Ziel der Fahrt sein würde. Am ersten März stand ich vor der Notwendigkeit, den Wagen zu entleeren und für seine kostbare Last ein bergendes Dach zu finden. Es wurde mir in dem westlich von Coburg gelegenen Schloß Callenberg durch die Herzogin von Coburg gewährt."
Und weiter: "In den ersten Tagen des April näherte sich, nun aber von Westen, das dumpfe Grollen des Geschützdonners. Für den Fall von Kampfhandlungen war das Bild auf Schloß Callenberg nicht sicher genug untergebracht. Infolgedessen faßte ich den Entschluss, es mit Hilfe eines mir von der Wehrmacht gestellten Lastwagens auf die Veste Coburg zu schaffen und dort in einem Keller einzulagern. So schwankte der Wagen herauf, und ich barg das Bild tief unter dem Fürstenbau."
Grundmann selbst blieb damals auf Callenberg wohnen und notierte schließlich in seinen Erinnerungen: "Qualvolle Tage vergingen, bis die Kunde nach Callenberg drang, daß zwar Dachstühle einiger Gebäude auf der Veste vernichtet seien, aber der tiefe Keller weder gelitten noch etwa geplündert wäre, in dem sich das Bild befand."
Klaus Weschenfelder will gar nicht darüber nachdenken, was vielleicht gewesen wäre, wenn die "Holbein-Madonna" bis heute auf der Veste geblieben wäre. Zumal die Kunstsammlungen ja stolz sind, ein anderes, wenn auch nicht ganz so wertvolles Holbein-Gemälde zeigen können. Sein Titel: "Lady Rich". "Ein Holbein-Gemälde ziert jedes Museum", sagt Klaus Weschenfelder. Auch wenn das viele Besucher gar nicht zu schätzen wissen. "Nein", berichtet Aufseher Christian Reißig, "nach dem Holbein-Gemälde fragen hier die wenigsten." Die meisten würden sich für die Gemälde von Lucas Cranach interessieren - vor allem für die sich erdolchende "Lucretia", die aber kurioserweise nur drei Schritte neben "Lady Rich" hängt. Weitere zehn Schritte weiter hängt Albrecht Dürers "Maria mit Kind", das persönliche Lieblingsgemälde von Christian Reißig. Aber: "Lady Rich von Holbein ist schon auch sehr schön!"

Geschichte des Bildes
Das Germälde entstand 1526 in Basel. Nach verschiedenen Besitzwechseln gehörte es den Herzögen von Lothringen, die es an einen Kunsthändler weitergaben. Bei einer Ausstellung 1822 in Berlin sah es Prinz Wilhelm, der jüngste Bruder des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., und fand sofort Gefallen daran. Er entschloss sich, das Bild als Geburtstagsgeschenk für seine Frau Marianne von Hessen-Homburg zu kaufen. Nach dem Tod des Paares erbte Tochter Elisabeth das Gemälde und holte es von Berlin nach Darmstadt - durch die nun folgenden Zeit erhielt das Gemälde auch den Namen "Darmstädter Madonna".
Die Rettung
1943 entschloss sich Prinz Ludwig von Hessen, die Madonna vor den drohenden Luftangriffen auf Darmstadt nach Schloss Fischbach in Schlesien in Schutz zu bringen. Eine richtige Entscheidung, denn 1944 brannte das Darmstädter Schloss nieder. Im Januar 1945 wurde der Landeskonservator Günther Grundmann beauftragt, die Kunstschätze in Fischbach vor den heranrückenden russischen Truppen in Sicherheit zu bringen. So kam es über Coburg wieder zurück nach Darmstadt. Zuletzt hing es im "Städel" in Frankfurt.