Coburg
Armut in Franken

"Ich habe 49 Jahre gearbeitet. Und dann so wenig Rente? Da passt doch was nicht!"

Gisela Müller und ihr Mann Bernhard aus Oberfranken haben immer gearbeitet, immer gespart. Sie dachten, als Rentner würden sie nicht mehr knausern müssen. Ein Irrtum.
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Bernhard und Gisela Müller wollen nicht, dass jeder weiß, wie sehr sie jeden Monat rechnen müssen. Foto: Barbara Herbst
Bernhard und Gisela Müller wollen nicht, dass jeder weiß, wie sehr sie jeden Monat rechnen müssen. Foto: Barbara Herbst
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"Wir sind nicht arm", sagt Bernhard Müller (Namen von der Redaktion geändert). "Also, Bernhard!", unterbricht seine Frau Gisela. "Wir waren vielleicht noch nie so zufrieden wie jetzt. Aber wenn ich meinen Rentenbescheid anguck', ist das schon Altersarmut."

Müllers leben in einem Dorf im Norden des Coburger Landkreises, 750 Einwohner, vorwiegend Ein- und Zweifamilienhäuser, große Grundstücke, aufgeräumte Gärten, Caféhausgardinen und Zimmerpflanzen in den Fenstern. So wohnt die Mittelschicht.

Zarte Gelb- und Terracotta-Farben geben dem Müllerschen Wohn-Ess-Raum Gemütlichkeit; die besten Zeiten der Sofalandschaft sind Vergangenheit. Fotos an den Wänden zeugen von Familienglück. Kommen die Kinder und Enkel zu Besuch, tafelt Oma Gisela am antikbraunen Esstisch auf. Heute sitzt sie mit ihrem Mann alleine hier. Sie sprechen über Geld. Darüber, dass sie nie gedacht hätten, dass es im Alter mal so knapp wird. Ihr echter Name wird nicht genannt, weil sie von den Nachbarn nicht erkannt werden möchten.

Eine Durchschnittsfamilie

Dabei sieht es hinter vielen Fassaden ähnlich aus wie bei Müllers; statistisch gesehen sind sie ziemlich durchschnittlich: Ein Rentnerpaar bekommt in Oberfranken im Schnitt brutto 1750 Euro. Müllers haben netto 1500 Euro: er 1200, sie 310 Euro.

In der öffentlichen Diskussion werden die Zahlen oft unnötig dramatisiert - oder geschönt. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Wird es so dargestellt, als wäre die Hälfte der Rentner altersarm, wird ignoriert, dass viele neben der gesetzlichen Rente auch Betriebsrenten oder Mieteinnahmen haben, dass sie Vermögen besitzen und Häuser, dass die Alten überdurchschnittlich oft Kreuzfahrten machen und es ihrer Generation im Ganzen gut geht. Klar ist aber auch, dass Rentenarmut heute ein Problem ist. Und dass sie ansteigt.

Müllers haben nicht nur die Nebenkosten, sondern noch andere Kosten fürs Haus - aber doch deutlich weniger, als es bei einer Mietswohnung wären. "Eine schöne, seniorengerechte Wohnung könnten wir gar uns nicht leisten", sagt Gisela Müller. Ihr Mann brummt: "Ohne Haus wären wir nah an der Sozialhilfe."

Der "Grundbedarf im Alter" liegt mit den Kosten einer angemessenen Zwei-Zimmer-Wohnung im Coburger Land etwa bei 1200 bis 1300 Euro. Gut 200 Euro weniger als jetzt würden Müllers also bekommen, wenn sie nie gearbeitet und auch kein Haus gebaut hätten. Das finden sie nicht gerecht. Obwohl sie in ihrem Eigenheim besser leben als Hartz-IV-Empfänger. "Ich will nicht so leben! Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet." Bernhard Müller wird kurz ein bisschen laut.

Das Haus, ein Lebenswerk

Er erzählt von seiner Maurerlehre, die er mit 14 begonnen hat. Er blieb bei der Firma, bis er in Rente ging. Nach 49 Jahren. "Es war ein guter Beruf. Früher haben wir alles gemacht: vom Treppenbau bis zum Putzen." Auch am Eigenheim habe er fast alles selbst gemacht. "Im Haus", sagt er, "da steckt viel Freude drin. Aber auch Leid, Entbehrungen." Immer hätten sie dafür gespart, erklärt seine Frau. "Wir waren nicht oft im Urlaub. Mal an der Ostsee. Alle, die wir kennen, haben gebaut, haben für ihr Haus gebuckelt, alle mussten knausern. Und für alle ist es das größte Gut."

Ihr Mann nickt. Er ist stolz auf das, was sie geschaffen haben: "Wenn man den Wert sieht, sind wir reich." Das Gebäude würde auf dem Immobilienmarkt einen guten Preis erzielen. Aber es ist ihr Zuhause, ihr Lebenswerk. Sie wollen nicht ausziehen.

Sie sind nicht reich. Und nicht arm. Sie sind eine fränkische Durchschnittsfamilie. So lange nichts passiert, kommen sie über die Runden. "Mein Mann musste sich jetzt die Zähne machen lassen." 1000 Euro Zuzahlung. "Das war gemein!" Die steigenden Gesundheitskosten im Alter sind oft ein Problem. Müllers sind beide nicht gesund. Sie wissen, dass sie sparen müssen.

Am Anfang des Rentnerdaseins lebten sie einfach weiter wie bisher. Sie hatten zwischen 500 und 600 Euro weniger und mussten sich darauf erst einmal einstellen. Als der Dispo bei der Bank deutlich überzogen war, half einer der Söhne, einen Ausgabenplan zu erstellen. Das Auto wurde verkauft. Dieser Verlust an Freiheit, an Mobilität, war für Bernhard Müller schlimm. "Ich habe immer in die Rentenversicherung einbezahlt. Ich habe nie Geld vom Arbeitsamt bekommen. Und dann so wenig Rente? Da passt doch was nicht!"

Seine Frau berichtet, wie sie lernte, am Haushaltsgeld zu sparen. Es geht um schöne Dinge, nicht um Lebensnotwendiges. Heute kauft sie nur noch ab und zu Pflanzen für den Garten, drei oder vier Mal im Jahr geht das Rentnerpaar essen. Das schenken ihnen dann die Kinder. "Wir haben tolle Kinder!" Gisela Müller lächelt.

"Der Mindestlohn ist eine Frechheit"

Auch ihre Erwerbsbiografie ist typisch. Immer noch sind fast die Hälfte aller berufstätigen Frauen nur in Teilzeit beschäftigt und werden später wenig Rente bekommen. Gisela Müller hat nach ihrer Ausbildung ein paar Jahre Vollzeit gearbeitet, widmete sich dann vor allem der Familienarbeit. Sie kümmerte sich um den Nachwuchs, pflegte die Eltern, dann die Tante. Sie verdiente dazu, so gut es ging, war Küchenhilfe, Tagesmutter, machte Heimarbeit und ging putzen. Eine Zeitlang auch, als sie schon Rentnerin war. "Jetzt schaffe ich das nicht mehr."

Die neue Mütterrente II bringt ihr ein bisschen Gerechtigkeit: Erziehungszeiten von Kindern, die vor 1992 geboren sind, werden nun auch stärker berücksichtigt: Seit März gibt's monatlich pro Kind 16,02 Euro zusätzliche Rente. "Viel Geld! Ich möcht' den Enkeln mal was zustecken. Die studieren, ich geb' gern mal ein Fresspaket mit."

Die politische Diskussion findet das Paar verlogen. "Das geht beim Mindestlohn los. Der ist eine Frechheit", sagt Bernhard Müller. Seine Frau berichtet von Bekannten: ein Mitarbeiter in einer Putzkolonne und ein Krankenpfleger, der abends an der Tanke jobbt, weil er so wenig verdient. "Das sind ordentliche Leute, die ordentlich arbeiten, und die kriegen so wenig Geld!" Da geht's um Existenzielles. "Die Jungen müssen privat fürs Alter vorsorgen", sagt Müller. "Aber das kann sich nicht jeder leisten."

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