Tage wie diese: Keine Lust zum Aufstehen. Liegenbleiben, weil es so schön kuschelig unter der Decke ist. Frühstück am Bett. Das wär's doch.

"Warum nicht? Dann bleiben Sie halt heute liegen und spielen Queen Mum. Ich bringe Ihnen eine heiße Tasse Kakao, was halten Sie davon?" Petra Wachsmuth ist Altenpflegerin und erfüllt Wünsche. Die Wünsche von sterbenskranken Menschen.

Solche Morgenszenen gibt es in den Zimmern des Hospizhauses Coburg öfters. "Wer nicht aufstehen will, bleibt eben liegen. Wer nicht gleich gewaschen werden will, darf so bleiben. Und wenn einer Lust auf Stück Torte hat - obwohl er an Diabetes leidet - bekommt ein Stück Torte", sagt die 55-jährige Altenpflegerin selbstbewusst. Schließlich sind die acht Gäste - so werden die Kurzzeitbewohner im Hospiz gesehen - unheilbar krank und warten auf den Tod.

Nur vier Stunden im Hospiz

Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 21 Tagen. Seit das Haus in Coburg im Juli eröffnet wurde, sind schon viele Menschen verstorben. "Ein Mann war nur vier Stunden da. Der längste Gast blieb 69 Tage", resummiert Simone Lahl, die das Hospiz für Coburg leitet.

Seit 30 Jahren macht Petra Wachsmuth ihren Job. Die Entscheidung im Frühjahr diesen Jahres von einem Alten- und Pflegeheim ins Hospiz nach Coburg zu wechseln, hat sie keine Minute bereut. "Ich wollte immer so arbeiten, dass ich abends in den Spiegel schauen kann und mir sagen: Das hast Du heute gut gemacht. Hier kann ich das!", erzählt sie. "Ohne Zeitdruck und ohne irgendwelche Prüfungsinstanzen", fügt sie hinzu.

Der große Unterschied zur Arbeit in den Alten- und Pflegeheimen liegt in dem Versorgungsschlüssel. Im Hospizhaus kümmern sich 17 Pflegefachkräfte, vier Hauswirtschafterinnen und eine Sozialpädagogin um acht Gäste. Außerdem kommen noch regelmäßig ehrenamtliche Mitarbeiter des Hospizvereins und die Besuchshunde vom ASB. Im Mittelpunkt stehen die Bedürfnisse und die verbliebene Lebensqualität der Menschen.

"Dass bei uns exklusiver oder schöner gestorben wird", möchte Simone Lahl jedoch so nicht stehen lassen. "Solche Behauptungen schüren die Neiddebatte und stimmen einfach nicht", betont die Leiterin, die selbst viele Jahre im benachbarten Pflegeheim St. Josef gearbeitet hat.

Wer ins Hospiz einzieht, ist austherapiert und unheilbar krank. Entscheidend ist, dass der Arzt eine Prognose über eine begrenzte Lebenserwartung stellt. Wer woanders nicht entsprechend versorgt oder gepflegt werden kann, hat einen Anspruch auf einen Platz im Hospiz.

Deshalb gibt es auch eine Warteliste. Zur Zeit stehen da fünf Namen von Menschen, die gerne aufgenommen werden möchten - im Moment ist jedoch kein Zimmer frei.

Vor wenigen Wochen seien fünf Gäste innerhalb von wenigen Tagen verstorben, erinnert sich Simone Lahl. "Da habe ich mich schon gefragt, wie viel Tod verträgt das Team?", sagt sie und erzählt von der Kehrseite der doch meist so befriedigenden und schönen Arbeit am Menschen. "Wir sind sehr nah dran. Die Schicksale beschäftigen uns auch noch daheim. Das lässt sich nicht so einfach abschütteln", sagt sie nachdenklich und spricht doch auch gleich wieder von der besten Entscheidung ihres Lebens, die Leitung des Hauses übernommen zu haben.

Alles ist möglich

Die Erfahrungen, die das Team im ersten knappen halben Jahr gemacht hat, seien sehr bereichernd gewesen. "Alles ist möglich", sagt Simone Lahl und bezieht sich auf den unterschiedlichen Umgang mit dem Abschiednehmen. "Da gibt es die Tochter, die einfach nicht kommen will, obwohl man sie inständig darum bittet, oder Angehörige, die alles tun, damit der letzte Wille auch wirklich erfüllt wird." Nicht zu bewerten, sondern nur zu begleiten und zu unterstützen, ist die Aufgabe der Pflegekräfte. Das sei nicht immer einfach.

Campen mit dem Enkel

Wenn dann aber der Opa im Sessel friedlich einschläft, während die ganze Familie im Kreis sitzt und Bier trinkt, die Kinder dabei am Boden hocken und zuhören, wie Geschichten über den Großvater erzählt werden, ist alles gut", erzählt Lahl von einem Fall, der anfangs gar nicht so einfach zu laufen schien. Mit einem Lächeln im Gesicht denkt sie daran, wie der Enkel drei Tage mit im Zimmer gewohnt hat und die beiden hier "gecampt" haben. Hier scheint tatsächlich alles möglich.

Selbst das: Das Unmögliche ertragen und dabei das Lachen nicht verlieren. Die Rede ist von Evelyn Feistel-Dietz. Die 60-Jährige liegt in ihrem Pflegebett und wartet auf ihren Tod. "Wer weiß, ob ich Weihnachten noch lebe?", fragt sie. Die Urne ihres Mannes steht schon beim Bestatter. "Wenn meine dazukommt, soll die Beisetzung im Ruhewald stattfinden", sagt die von der Krebserkrankung gezeichnete Frau. Dabei ist sie geschminkt und fröhlich.

Vier Jahre hat sie ihren Ehemann gepflegt. Dann versagten ihre Kräfte. Ihr Mann lag im Krankenhaus und sie brach daheim zusammen. Es war der 20. Juli diesen Jahres als sie im Rettungswagen lag und der Anruf kam, ihr Mann sei jetzt verstorben. Wenige Tage danach bekam sie ihre Diagnose: Brustkrebs mit Metastasen im Gehirn.

Die Krankenschwester lehnte eine Chemotherapie ab und kam von der Palliativstation direkt ins Hospizhaus. Daheim war sie seit dem 20. Juli nicht mehr. Will sie auch nicht. "Ich bin glücklich und zufrieden. Ich konnte mein Versprechen halten und meinen Mann daheim pflegen. Alles ist geregelt. Ich bin sehr dankbar und werde hier bestens versorgt."

Evelyn Feistel-Dietz hadert nicht mit ihrem Schicksal, sie fragt nicht nach dem Warum, vermisst nichts. Sie hat bereits losgelassen.

Voraussetzungen für einen Platz im Hospizhaus