Ein Meer aus tausenden Fahnen, Kappen und Uniformen erstreckt sich über die Arkaden bis hinüber zur Ehrenburg. Bei strahlendem Sonnenschein versammeln sich die Teilnehmer des Coburger Convents (CC) am Pfingstmontag auf dem Schlossplatz, um am Ehrenmal der Stadt einen Kranz niederzulegen.
Auch vor dem Landestheater ist es bunt und vor allem laut: Eine Gruppe von rund 40 Demonstranten äußert lautstark ihren Unmut. Ausgestattet mit einer mobilen Musikanlage beschallen die CC-Gegner den Schlossplatz mit Punk, Hip Hop und elektronischen Klängen. Dazwischen Sprechchöre: "Nie wieder Deutschland". Eine Demonstrantin beschwert sich darüber, dass drei Gesinnungsgenossen am Vorabend von der Polizei in Gewahrsam genommen worden seien - johlendes Gelächter und Applaus bei den Verbindungsleuten. Zwischen den beiden Gruppen ragen die Reste der verkohlten Dachstühle in der Herrngasse hervor.
Als die Coburger Stadtkapelle ansetzt, kehrt Ruhe ein. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Norbert Kastner, Zweitem Bürgermeister Norbert Tessmer (beide SPD) und Drittem Bürgermeister Hans-Heinrich Ulmann (CSB) marschieren die Chargierten zum Ehrenmal in den Arkaden, um der Kriegsopfern zu gedenken und einen Kranz niederzulegen. Nur wenige Minuten später fahren die Demonstranten ihre Anlage wieder hoch. Die Stimmung bleibt jedoch entspannt, ernsthafte Störversuche gibt es nicht.

Mitgefühl versichert


Der Tross aus Landsmannschaften und Turnerschaften setzt sich in Bewegung in Richtung Hofgarten. Am Ehrenmal der Deutschen Landsmannschaft soll eine zweite Kranzniederlegung stattfinden und auch der Toten des Ersten Weltkrieges gedacht werden. Die kleine Demonstrantengruppe bleibt auf dem Schlossplatz zurück. Zunächst jedoch äußert CC-Pfarrer Detlef Frische in seiner Begrüßung einige Worte der Anteilnahme an die Stadt Coburg. Glücklicherweise seien bei dem alles überschattenden Großbrand, der sich in der Nacht zum Sonntag ereignete, keine Todesopfer zu beklagen. Er spricht im Namen der Teilnehmer am Coburger Convent allen Coburgern sein Bedauern und tiefes Mitgefühl aus. Den Verantwortlichen im Rathaus wünscht Frische "eine glückliche Hand bei der Lösung der jetzt zu bewältigenden sozialen, aber auch städtebaulichen Probleme".

Multimediale Endlosschleife


Der Redner Ronald Scholz von der Troglodytia Kiel, die in diesem Jahr die präsidierende Landsmannschaft ist, lenkt hin zum eigentlichen Thema dieses Vormittags: dem Gedenken an die Toten. Der Bezug der jüngeren Generationen zu den beiden Weltkriegen werde hauptsächlich durch die Schule hergestellt, aber auch durch die Medien. Eine "multimediale Endlosschleife" habe einen Eindruck der damaligen Zeit verschafft: "Schwarz-weiß war es."
Scholz geht es explizit nicht nur um die Weltkriegsopfer, sondern auch um die Opfer der innerdeutschen Teilung und generell um Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Er erinnert an Bomben, Tote, Verletzte, Sieger, Besiegte und Flüchtlinge. Etwas provokant fragt er, ob am Ende nicht doch nur der Eindruck von Siegern und Befreiten vermittelt werde. Den Moment jedoch will Ronald Scholz nutzen, um sich direkt an die Toten zu wenden, die ihm keine Unbekannten sein sollen. Gerade durch die Landsmannschaft, die Gedenktafeln und die Chroniken, die alten Bilder, die irgendwo im Treppenhaus hängen, hätten die Toten ein Gesicht auf Ewigkeit.
In direkter Rede spricht er symbolisch zu einem von ihnen: "Du bist mein Bundesbruder!" Gedenken bedeute, nicht zu vergessen, sondern zu lernen. Scharfe Kritik übt Ronald Scholz an der Party- und Konsumgesellschaft, die den Tod einfach "outsourced", weil er unangenehm und störend sei.

Trost, Mahnung, Hoffnung


Es gehe jedoch nicht darum, anzuklagen oder zu vergeben, sondern einzig und alleine darum, der Opfer und Gefallenen zu gedenken, eben weil sie unter tragischen und widernatürlichen Umständen sterben mussten. Die Namen der Toten seien "Trost, Mahnung und Hoffnung zugleich" und stünden für das Recht auf eine bessere Welt.
Begleitet wird die Gedenkfeier von einem ökumenischen Gottesdienst und der Stadtkapelle. Mit einem Friedensgebet und dem "Vaterunser" beenden die Chargierten ihre Gedenkfeier, um wieder in Richtung Innenstadt zu ziehen. fh