Coburg
Auftritt

Hindemith-Oper "Neues vom Tage" in Coburg: In Liebe und Hass verbunden

Wie Paul Hindemiths heitere Oper "Neues vom Tage" ihre freundlich aufgenommene Coburger Erstaufführung am Landestheater erlebte.
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Sie lieben und sie streiten sich: Laura (Rannveig Karadottir) und Eduard (Marvin Zobel) in der Coburger Erstaufführung von Paul Hindemiths Oper "Neues vom Tage".Foto: Sebastian Buff
Sie lieben und sie streiten sich: Laura (Rannveig Karadottir) und Eduard (Marvin Zobel) in der Coburger Erstaufführung von Paul Hindemiths Oper "Neues vom Tage".Foto: Sebastian Buff
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Am Anfang steht die Skepsis. Kann ein Stoff, der nach platter Kolportage klingt, als Vorlage für einen witzigen Opernabend am Landestheater Coburg dienen?

1. Das Vorurteil

Diese Oper ist eine einzige Banalität. Wenn sich der Premierenvorhang für die Coburger Erstaufführung von Paul Hindemiths lustiger Oper "Neues vom Tage" hebt, erlebt das Publikum das frisch verheiratete Ehepaar Laura und Eduard, dass sich nach Herzenslust streitet und nur noch ein gemeinsames Ziel kennt: sich scheiden zu lassen.

Auf dem Weg zur Scheidung soll ein "Büro für Familienangelegenheiten" helfen, das bei Bedarf juristisch hieb- und stichfeste Scheidungsgründe liefert in Gestalt des schönen Herrn Hermann. Zum Pauschalpreis lassen sich bei diesem Herrn kompromittierende Begegnungen buchen. Doch bis zur erstrebten Scheidung gibt es allerlei Verwicklungen, allerdings kaum vernünftige dramaturgische Substanz.

Aus Geldnot verkaufen Laura und Eduard schließlich ihre Geschichte an die Medien, um ganz zum Schluss zu erkennen, dass sie sich eigentlich lieber doch nicht scheiden lassen wollen. Mehr aber passiert nicht in knapp zwei Opernstunden, die es an Trivialität mit jeder schlechten Reality-Soap im Privatfernsehen aufnehmen.

An dramaturgischer Substanz hat Hindemiths Dreiakter kaum mehr zu bieten als Ermanno Wolf-Ferraris Nichtigkeit namens "Susannas Geheimnis" über die Eifersüchteleien, unter denen die heimlich rauchende Titelheldin zu leiden hat. Doch während Wolf-Ferrraris Intermezzo aus dem Jahr 1909 in schlanken 50 Minuten vorbei ist, zieht sich Hindemiths Opus zwei Stunden dahin. Eigentlich.

2. Das korrigierte Urteil

Warum die keineswegs ausverkaufte Premiere am Landestheater Coburg dennoch zum ungetrübt freundlich beklatschten Erfolg wurde? Ganz einfach: Weil Gast-Regisseur Tibor Torell dem Werk mit seiner ebenso einfühlsamen wie einfallsreichen Inszenierung tatsächlich Bühnenleben einhaucht.

3. Die Regie

Torells entscheidender Kniff: Die Geschichte des streitenden, letztlich aber doch noch sich liebenden Ehepaars lässt er im Rückblick und damit gleichsam nostalgisch verklärt erzählen. Vor allem aber bietet seine einfallsreiche Personenführung der Sopranistin Rannveig Kárádottir als Laura und dem Bariton Marvin Zobel als Eduard beste Gelegenheit, ihr ausgeprägtes Spieltalent zu entfalten und zudem stimmlich zu brillieren. Neben ihnen verblassen zwangsläufig die meisten Nebenfiguren, die Hindemith und sein Librettist Marcellus Schiffer nur skizzenhaft angelegt haben. Lediglich Milen Bozhkov als der schöne Hermann kann sich stimmlich und darstellerisch nachhaltig profilieren.

4. Das Ausstattungs-Konzept

In der raffinierten, farbenreichen Ausstattung der Kostüm- und Bühnenbildnerin Sibylle Gädeke pendelt die Inszenierung bewusst zwischen der Entstehungszeit ("Neues vom Tage" wurde 1929 in Berlin uraufgeführt) und der Gegenwart. Zum Glück lässt sich Tibor Torell nicht dazu verleiten, die durchaus vorhandenen Parallelen zwischen der Sensationsgier anno 1929 allzu plakativ mit den Auswüchsen aktueller Reality-Shows gleichzusetzen. Torells Regie beweist feines Gespür für das szenische Tempo.

5. Die Musik

Musikalisch ist Paul Hindemiths Partitur ganz bewusst als stilistisches Potpourri angelegt. Wie raffiniert Hindemith diese Vielzahl an Anklängen zwischen Giacomo Puccini und Richard Strauss, zwischen Wagner und Weill, zwischen romantischer Klangüppigkeit und neoklassischer Strenge verbunden und nebeneinander gestellt hat, lässt Coburgs junger Erster Kapellmeister Johannes Braun in seinem souveränen Dirigat prägnant hörbar werden. Das Philharmonische Orchester musiziert wendig und reaktionsschnell, der bestens einstudierte Chor des Landestheaters belebt die Szene auch darstellerisch mit großer Spielfreude.

6. Die Prognose

Der ganz große Kassenschlager für das Landestheater wird "Neues vom Tage" sicher nicht werden. Dazu ist das Werk auf den ersten Blick zu spröde, zu unkonventionell.

7. Das Fazit

Paul Hindemiths "Neues vom Tage" am Landestheater Coburg - eine temporeich und witzig auf die Bühne gebrachte Anti-Oper, die sicherlich nicht dazu verleiten muss, die Geschichte des Musiktheaters im 20. Jahrhundert grundlegend neu zu schreiben. Dennoch verdient sich diese temporeich arrangierte Erstaufführung das Prädikat hörens- und sehenswert.

Sie bringen Hindemiths Oper "Neues vom Tage" in Coburg auf die Bühne

Theater-Tipp "Neues vom Tage" Lustige Oper in drei Teilen von Paul Hindemith, Libretto von Marcellus Schiffer; 5., 12., 17. 4., 19.30 Uhr, 21.4., 18 Uhr, 23. 4., 8., 16., 23. 5., 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Produktionsteam Musikalische Leitung: Johannes Braun; Chorleitung: Mikko Sidoroff; Inszenierung: Tibor Torell; Bühne und Kostüme: Sibylle Gädeke; Dramaturgie Dorothee Harpain

Besetzung

Laura: Rannveig Káradóttir

Eduard: Marvin Zobel

Der schöne Hermann: Milen Bozhkov

Herr M: Dirk Mestmacher

Frau M:. Kora Pavelic

Ein Standesbeamter: Marcello Mejia-Mejia

Ein Fremdenführer: Bartosz Araszkiewicz

Ein Hoteldirektor: Christian Huber

Ein Zimmermädchen: Dimitra Kotidou

Ein Oberkellner: Sascha Mai

Sechs Manager: Sascha Mai, Jaehan Bae, Christian Huber, Marcello Mejia-Mejia, Martin Trepl, Thomas Unger

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Chor des Landestheaters Coburg

Vorverkauf Tageblatt-Geschäftsstelle, Theaterkasse

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