Coburg
Interview

"Hier ist Oberfranken in Deutschland immer noch einzigartig"

Zum Auftakt der Hausmessen der Polstermöbelfirmen spricht Experte Christian Dahm über die Probleme der Branche, Preisschlachten und Nachhaltigkeit.
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Immer noch ein wichtiger  Faktor für den regionalen Arbeitsmarkt:  die Polstermöbelindustrie. Einer  der renommiertesten  Hersteller ist die Frohnlacher Firma W. Schillig, hier mit   Swen Hoese (links) und Thomas Schäfer in der Produktion.CT-Archiv/Berthold Köhler
Immer noch ein wichtiger Faktor für den regionalen Arbeitsmarkt: die Polstermöbelindustrie. Einer der renommiertesten Hersteller ist die Frohnlacher Firma W. Schillig, hier mit Swen Hoese (links) und Thomas Schäfer in der Produktion.CT-Archiv/Berthold Köhler
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Sie ist trotz unübersehbarer struktureller Probleme immer noch eine der prägenden Sparten der Wirtschaft im Coburger Land: die Polstermöbelindustrie. Ab dem kommenden Wochenende zeigen die Hersteller aus den Polstermöbelhochburgen in den Landkreisen Coburg und Lichtenfels vier Tage lang dem Fachpublikum, was "Made in Germany" heißt - die "Hausmessen Oberfranken" stehen an.

Doch wie ist die Stimmung in der Branche, die seit Jahren doppelt unter Druck steht? Einerseits durch die Billighersteller, die aus dem ehemaligen Ostblock (und noch weiter her) die Preise verhageln, andererseits durch teilweise groteske Preisschlachten in den deutschen Möbelhäuser. Kaum jemand kennt die Situation besser als Christian Dahm, geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Verband der Holzwirtschaft und Kunststoffverarbeitung Bayern/Thüringen

Ab dem Wochenende finden in Oberfranken wieder die Hausmessen der Polstermöbelhersteller statt. Welche Bedeutung haben die oberfränkischen Hersteller für die gesamte deutsche Branche?
Christian Dahm:" In diesem Tagen ist Oberfranken wieder das Herzstück der deutschen Polstermöbelindustrie. Anlässlich der Hausmessen Oberfranken präsentieren 17 Aussteller aus Coburg, Lichtenfels und Umgebung dem Fachpublikum die neuesten Trends der Polstermöbelindustrie. Hier ist Oberfranken in Deutschland immer noch einzigartig. Dank der attraktiven Infrastruktur hat die gesamte Möbel- und Einrichtungsbranche in diesen Tagen die Gelegenheit, sich kompakt über neue Modelle, Designs, Innovationen und deutsche Handwerkskunst zu informieren.

In den vergangenen Jahren drehten sich viele Messegespräche um die Angst vor Billigimporten aus Osteuropa und sogar China. Wie steht die deutsche Polstermöbelindustrie bei diesem Wettbewerbsdruck da?
Dieser Wettbewerbsdruck hat in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen. Speziell die Polstermöbelindustrie hat darunter zu leiden, da sie produktbedingt ein überdurchschnittlicher Lohnkostenanteil auszeichnet. Hinzu kommt aktuell eine unterdurchschnittliche Entwicklung des Inlandsmarktes, der uns, aber auch den Handel vor erhebliche Herausforderungen stellt.

Wohl auf keinem Markt toben derart irreale Rabattschlachten wie beim dem in den Möbelhäusern. Können Sie unseren Herstellern Hoffnung machen, dass die Qualität ihrer Ware in Zukunft wieder mehr gewürdigt wird?
Persönlich habe ich eher den Eindruck, dass die Rabattschlachten - vom Fernseher bis zur Schokolade- zunehmend den gesamten Handel erreichen. Der Kampf um die besten Preise, verbunden mit dem Ziel des Fachhandels etwas Einzigartiges zu verkaufen, sorgt natürlich beim Hersteller nicht immer für ein Lächeln. Hier gilt es gegenzuhalten. Als Produzenten von Markenprodukten aus hochwertigen Materialien und solider handwerklicher Verarbeitung sind wir dafür die Botschafter schlechthin, der Kunde muss natürlich ebenfalls mitspielen.

Betätigen Sie sich doch mal als Hellseher: Gibt es was, was den Endverbraucher im Herbst/Winter aus den Werkstätten der deutschen Polstermöbelhersteller überraschen könnte?
Mich faszinieren die technischen Neuheiten immer wieder. Aber auch im Stoffbereich tut sich einiges. Aber hier Einzelnes herauszugreifen, würde dem Markt nicht entsprechen, denn unsere Unternehmen stehen seit Jahrzehnten für Markenvielfalt und Polsterinnovationen in einer Breite, die man sonst nirgendwo findet. Natürlich bieten hier die jeweiligen Unternehmen eine Vielzahl individueller Lösungen. Vom Gesund sitzen über das Thema Nachhaltigkeit; vom Design über das Thema Leder - jedes Unternehmen zeigt hier seine individuellen Stärken und Themen.

Gerade erst hat der Abverkauf nach Insolvenz bei der Firma FM Munzer stattgefunden - ein weiterer traditionsreicher Hersteller aus dem Coburger Land ist damit Geschichte. Von außen gesehen: Ein Einzelfall, den man individuell sehen muss, oder ein weiteres Zeichen, dass selbst Traditionsmarken immer mehr in Schwierigkeiten geraten?
Natürlich hat es ein Industriezweig mit hohen Lohnkosten in Deutschland nicht ganz so einfach wie in zum Beispiel in den osteuropäischen Ländern. Dazu ändern sich die ehemals scheinbar sicheren Vorgaben durch den Internethandel und die immer größere Individualisierung des Endkunden in immer schnellerer Geschwindigkeit. Um hier zu bestehen, brauchen wir neben der Qualität unserer Produkte eine Geschichte zu unseren Möbelstücken, die den Kunden davon überzeugt, etwas Besonderes gekauft zu haben. Und hier bietet Oberfranken die besten Argumente! Hervorragende Qualität und Know-how für jeden.

Ganz zum Schluss mal weg von der Branche. Die Hausmessen Oberfranken sind bekannt dafür, dass die großen Hersteller ihre Gäste mit feinem Catering verwöhnen. Sind sie bei ihren Besuchen im Coburger Land wenigstens mal dazu gekommen, die regionale Spezialität schlechthin - die Coburger Bratwurst - zu probieren?
Na klar! Als Nürnberger komm ich an einer guten Bratwurst eh nie vorbei. Und ich gebe zu, dass ich immer, wenn ich in Coburg bin, gerade deswegen über den Markt laufe.

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