Coburg

Heuschrecken der Nazis

Der Coburger Ernst Zapf half im Zweiten Weltkrieg bei der Ausbeutung der Ukraine. Nach dem Krieg blieb das geheim - bis jetzt.
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Ernst Zapf Foto: Staatsarchiv
Ernst Zapf Foto: Staatsarchiv
Es ist der 19. Oktober 1942, als Ernst Zapf in sein kleines Notizbuch schreibt: "Besprechungen: Wie geht es der Truppe? Man hungert, man sieht es an den Hunden." Ernst Zapf befindet sich zu dieser Zeit in Proskurow, dem heutigen Chmelnyzkyj. Er ist kein Soldat. Vielmehr ist er dort für die Zentralhandelsgesellschaft Ost (ZO) tätig. Es ist ein Kapitel seines Lebens, das er später gern im Dunkeln lässt. Die ZO hat den Auftrag, die besetzten Ostgebiete wirtschaftlich auszubeuten.

Als er 1976 stirbt, bleibt er vielen Coburgern als ambitionierter Heimatforscher in Erinnerung. Sein Nachlass - er beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte von Mühlen in der Region - ging an das Staatsarchiv. Dessen Leiter Dr. Alexander Wolz stieß bei der Sichtung dieser Archivalien auf die Tagebücher von Ernst Zapf, die einen ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen einer Organisation erlauben, deren Wirken kaum in den Fokus der Geschichtsbetrachtung rückt. Dabei kam der wirtschaftlichen Ausbeutung des besetzten Landes enorme Bedeutung zu.


Protokoll der Staatssekretäre

Das geht aus einem Protokoll hervor, das in Heft 1/2010 der Zeitschrift für Weltgeschichte wiedergegeben ist. Es wurde zu einer Besprechung deutscher Staatssekretäre erstellt, die am 2. Mai 1941 stattfand und enthält den Satz, dass "...der Krieg nur weiter zu führen ist, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das Notwendige aus dem Land herausgeholt wird." Einer der Beauftragten, die "das Notwendige aus dem Land herausholen" sollten, war Ernst Zapf aus Coburg.

Nach dem Krieg konnte Zapf die US-Verwaltung überzeugen, dass er kein überzeugter Nazi war. Er wurde im Verfahren der Entnazifizierung als Mitläufer eingestuft und erhielt gegen Zahlung eines vergleichsweise geringen Geldbetrags seinen "Persilschein".

In Hildburghausen 1892 geboren, zog Zapf später nach Coburg um und war hier als Verleger einer eigenen kleinen Zeitung und als Kaufmann und Buchhändler tätig. Er war zwar 1934 Sturmmann im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) wurde später aber kein Parteimitglied der NSDAP. Er konnte Zeugen anführen, die ihm bescheinigten, dass er sich wiederholt negativ über die NSDAP geäußert hatte und vor 1933 SPD-Mitglied gewesen sei. Seine Tätigkeit für die ZO verschwieg er allerdings bei seiner Entnazifizierung.

Was die Tagebücher für Alexander Wolz so interessant macht, ist die Mischung aus Informationen über die Arbeit dieser Organisation und privaten Eintragungen. "Sie erlauben uns heute einen Blick darauf, wie sich das Leben unmittelbar hinter der vorrückenden Wehrmacht angefühlt hat", sagt Wolz.
Tatsächlich ist es überaus spannend, was da in winziger und enger Schrift heute kaum lesbar aufgeschrieben wurde.


Aufbruch 1942

Im April 1942 ist Zapf noch in Berlin, wo er für die ZO in Buchhandlung geschult wird. Im Juni notiert er, dass für ihn geplante Reisen nach Borrisow und Rowno nicht zustande kommen. Erst im Juni lautete ein Eintrag: "Zweigstelle Proskurow (Leiter: Winter), Besichtigung: Mühle der ZO." Er moniert wenig später: "Auto in der Werkstatt, nichts war repariert."

Im selben Monat notiert er: "Differenzen im ZO-Laden: es fehlen Sachen, Buschmann kommt mir leicht verblödet an, Aussprache wegen Lebensmitteln, abends KdF Abend." Der Coburger scheint im Kollegenkreis nicht unumstritten gewesen zu sein, wie ein Eintrag wenig später nahe legt: "Geplante Fahrt nach Kamenez: wird nichts draus, man will Zapf nicht dabei haben." Andere Einträge sind sehr persönlich, etwa: "Stunk wegen Küche", "Geibel sagt, Winter sei absolut unfähig" oder "Lasthaus: hat keinen Rubel mehr." Er berichtet über einen "Zusammenstoß mit Kamenezer Kameraden, die mit Vodkaflaschen in die ZO kamen" oder einfach "Frl. Strunk ist krank".


Gefahren in der Etappe

Es wird deutlich, dass auch das Leben in der Etappe nicht ungefährlich war: "Ein Kollege aus Kamenez: man habe Wölfe gesehen und sei auf Wolfsjagd, dortiges Gefängnis: 78 Partisanen (Ukrainer) erschossen" oder am 3. Juli: "Ein SS-Mann wurde erschossen, Tretmine, Attentat auf Brücke."
Nach einem Urlaub im August zu Hause in Coburg, trifft Zapf im September wieder in Kiew ein. Er schreibt über Bombenangriffe in geringer Entfernung und seine Weiterreise nach Woroschilowsk.

Im November berichtet Zapf erneut über Bombenangriffe. Sein Zustand scheint schlecht: "...seit 8 Tagen Hämorrhiden nicht blutend, Schmerzen und Jucken am Hoden, bei 40 Grad Kälte (und andere Krankheiten). Im Dezember erfahren die Mitarbeiter der ZO, dass Stalingrad einkesselt wurde. Man sei aber optimistisch. Mitte Januar geht die Anweisung ein: "Sofort reisefertig machen, Rückreise." Es wird aber Februar, ehe er wirklich zurück kommt. Bis dahin misst er offenbar Einträgen wie "Bombentreffer gegenüber der ZO" und "Wichmann und Rowohlt saufen" etwa die gleiche Bedeutung bei.
Wieder in Coburg spricht Ernst Zapf offenbar kaum mit jemandem über seine Tätigkeit für die ZO. Dann nach dem Krieg gelingt es ihm diese Phase ganz gut geheim zu halten.


Als Hitler Hildburghäuser wurde

Es ist eher eine Randnotiz im Nachlass von Ernst Zapf, dass es Bemühungen gegeben habe, Hitler über einen Posten bei der Polizei in Hildburghausen die deutsche Staatsbürgerschaft zu verschaffen. Dadurch aufmerksam geworden recherchierte Dr. Alexander Wolz, und wurde in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte fündig.
In einem Aufsatz beschäftigt sich dort in Heft 4 des Jahres 1992 Manfred Overesch mit Hitlers Einbürgerung. Und tatsächlich: "Für einige Tage war Adolf Hitler Hildburghäuser. "Auf einem Gautag der NSDAP in Gera am 12. Juli 1930 überreicht der thüringische Minister des Innern, Wilhelm Frick, seinem Führer Adolf Hitler die Ernennungsurkunde zum Gendarmeriekommissar von Hildburghausen. Mit dieser Ernennung zum
Beamten ist automatisch die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft verbunden. Hitler nimmt die Urkunde entgegen, unterschreibt eine Empfangsbestätigung und macht dadurch den Vorgang rechtswirksam.

Einige Tage später, nach München zurückgekehrt, kommen ihm Bedenken, er zerreißt, nach späterem Bekunden, die Urkunde, Frick tut in Weimar dasselbe mit der Empfangsbestätigung. Die Bestallung wird rechtsunwirksam. Spuren bleiben nicht zurück, da beteiligte thüringische Ministerialbeamte von Frick zum Schweigen verpflichtet und Akten nicht in den Geschäftsgang des Staatsministeriums gegeben wurden. Erst anderthalb Jahre danach, Anfang Februar 1932, kommt das Ganze ans Licht der Öffentlichkeit. Die Presse behandelt es als "Köpenickiade" von "Schildburghausen". Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags unter Vorsitz des SPD-Abgeordneten Hermann Brill klärt mit Frick und Hitler als Zeugen penibel die Hintergründe auf."

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