Coburg
Zukunft

Klimawandel, "digitale Tyrannen": Harald Lesch redet sich in Coburg in Rage

Was wird, fragte der bekannte Physiker Harald Lesch im ausverkauften Kongresshaus, und zeigte auf, was bald infolge der Klimaerwärmung auf uns zukommt.
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Harald Lesch im Kongresshaus Coburg. Carolin Herrmann
Harald Lesch im Kongresshaus Coburg. Carolin Herrmann
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Was sein wird? Mit der Welt und der Menschheit? Ist doch längst klar, auch wenn es viele - und vor allem die Maßgeblichen - nicht hören wollen. Das beste an der Vortragsveranstaltung mit dem Wissenschaftler Harald Lesch am Montag im Kongresshaus war, dass sich die schockierende Analyse zum Zustand der Erde doch so viele antaten. Das Haus war ausverkauft. Das ist immerhin ein Signal: Auch wenn die Ignoranz der Menschheit an sich unfasslich ist, gleichzeitig wollen immer mehr, dass getan wird, was noch getan werden kann.

Und die Volkshochschule Coburg Stadt und Land tat zu ihrem 100. Geburtstag eindrucksvoll einmal mehr, was ihr eigentlicher Auftrag ist: elementare Bildung. Harald Lesch lobte sie dafür als eine der letzten Instanzen der freien Entwicklung, nachdem unsere Universitäten mit dem Bologna-Prozess europaweit auf möglichst wirtschaftliche Effektivität gleichgeschaltet wurden und nur noch das hervorbrächten, was außerhalb ihrer schon vorhanden ist, so Lesch. Auf diese Weise werden wir wohl kaum die Intelligenz entwickeln, die nötig ist, um die Folgen des Klimawandels auf ein noch bewältigbares Maß zu begrenzen.

Digitale Tyrannen

Harald Lesch ist der wohl populärste Physiker der Republik, weil er das unter Professoren eher seltene Talent hat, zu erklären. Und dabei sogar zu unterhalten, womit er Wissenschaftssendungen im Fernsehen ungeahnte Aufmerksamkeit verschaffte. In Coburg führte er zunächst fast kabarettistisch die idiotischen Verhaltensweisen der Gegenwart vor: Dass die Menschen statt miteinander zu sprechen und zu leben, sich begeistert dem "digitalen Tyrannen" - übrigens Energiefresser ohnegleichen - unterwerfen.

"Der öffentliche Raum wird immer stiller, weil jeder nur noch in sein Handy starrt." Dass wir uns Grenzwerte für Stoffe vorsetzen lassen, die einfach weg müssten. "Mit dem Versprechen, es werde alles noch viel besser, haben wir uns ökonomisch durchdomestizieren lassen. Wir laufen wie die Dackel hinter der Wurst her." Und: "Ich fasse es nicht. VW hat sich in den USA des organisierten Verbrechens für schuldig bekannt. Und für uns hier bedeutet das kaum etwas."

Mit einer geradezu grandiosen Dummheit hätten wir Technologien entwickelt, ohne darüber nachzudenken, wo der Müll hin soll. "Stellen Sie sich vor, wir hätten in den 50er Jahren diese Abermilliarden statt in den Ausbau der Kernkraft in die Erforschung der Windkraft gesteckt?" Das Umweltbundesamt hat eine Broschüre erstellt, in der "umweltschädigende Subventionen" aufgelistet werden. Wir zahlten 2016 dafür 57 Milliarden Euro. Da zeigte Harald Lesch noch den Aberwitz auf. Dann aber verging uns das Lachen komplett.

Denn wir wissen ganz genau, welche Wechselwirkung Strahlung auf Materie hat. Dass da noch irgendeiner irgendetwas wagt zu leugnen oder kleinzureden, bringt Lesch in Rage. Der Ausstoß der schädlichen Klimagase ist seit 1990 um 41 Prozent gestiegen. Dreiviertel der noch vor kurzem vorhandenen Biomasse der Insekten ist verschwunden.

Lesch zeigte mit eindrucksvollen Projektionen die schon vorhandenen und die zu erwartenden globalen Veränderungen des Erdklimas. Das Eis schmilzt, so dass noch viel mehr Strahlung statt in den Weltraum reflektiert von den Meeren absorbiert wird. Der Meeresspiegel steigt ohnehin. Bereits bis 2060 könnte die Küstenlinie so hoch liegen, dass alle großen Städte und Landstriche dort verschwunden sein werden. Lesch führte einmal um den Globus. Sollte der Grönland-Eisschild brechen, würde ein 45 Meter hoher Tsunamie Europa fluten. Die Schwerkraft der Erde lässt nach.

Leben im Kapitalozän

Wir haben längst in die erdgeschichtliche Entwicklung eingegriffen. Lesch nennt es das "Kapitalozän", in dem wir leben. Das ungezügelte Gewinnstreben hat dazu geführt, dass wir Energie in kürzester Zeit aus der Erde herausholen, die dort in Milliarden von Jahren angesammelt wurde. Das kann unser Planet nicht verkraften.

Angesichts des alles beherrschenden "Zynismus der Ökonomie" wirkt Lesch nicht so, als ob er noch an die Möglichkeit zum Umsteuern glaubt. Zwar führte er in Coburg ebenso wie die UN-Klimakonferenz in Katowice Ende 2018 die Möglichkeit an, mit einer Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 bis 2 Grad den zu erwartenden Dominoeffekt vielleicht noch zu verhindern. Die vorhandenen Zahlen weisen aber auf eine zu erwartende Erderwärmung von 4 bis 5 Grad. Übrigens wird es schon 2035 - das ist bald - "nicht mehr lustig sein". Weitere Trockenperioden - "und die werden kommen" - werden riesige Grundwasser-Probleme bringen. Auch in Europa.

Trotzdem zieht Lesch durch die Lande und will aufrütteln, doch noch etwas zu tun. Er ist gläubiger Protestant. "Wir müssen Energie sparen, wir müssen aus allem raus, was Kohlendioxyd emittiert. Und entweder, wir machen es jetzt sofort, oder wir können es sein lassen." -

Als Trost für den Nachhauseweg hatte er nur noch einen Witz für uns.

Harald Lesch, geboren 1960, wuchs als Gastwirtssohn in der Gemeinde Mücke in Hessen auf. Er studierte Physik und als Nebenfach Philosophie. Lesch ist verheiratet und hat einen Sohn. Er lebt in Haar, wo er sich unter anderem in der Bürgerstiftung engagiert. Er ist nach eigener Aussage gläubiger Protestant.

 Seit 1995 ist Lesch Professor für Astrophysik am Lehrstuhl für Astronomie und Astrophysik - Beobachtende und Experimentelle Astronomie an der Universitätssternwarte der Universität München. Zudem unterrichtet er Naturphilosophie. Seine Hauptforschungsgebiete sind kosmische Plasmaphysik, Schwarze Löcher und Neutronensterne. Er ist Fachgutachter für Astrophysik der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Mitglied der Astronomischen Gesellschaft. Lesch ist Mitglied des Bayerischen Klimarats.

 Bekannt ist Lesch, der auch zahlreiche Bücher veröffentlicht hat, vor allem durch seine Fernsehauftritte, zunächst als Moderator der von 1998 bis 2007 ausgestrahlten Sendereihe alpha-Centauri. Daraus entwickelte sich seine große Medienpräsenz in Fernsehen und Radio. Seit September 2008 moderiert er im ZDF die Sendung "Leschs Kosmos". Seit 2009 führt Lesch durch die Terra-X-Reihe "Faszination Universum".

 Lesch wurde mit zahlreichen namhaften Preisen ausgezeichnet.

Kommentar: Fragen, die sich jeder stellen muss

Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücket... Die meisten Besucher des Vortrages von Harald Lesch dürften geschockt gewesen sein. Dramatisiert er, um uns endlich in Gang zu setzen? Die Zahlen, allesamt aus hochoffiziellen Quellen, lassen diese Interpretation nicht zu. Dabei hat Lesch nicht einmal von den sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen gesprochen, die mit den Nöten von Milliarden von Menschen kommen werden.

Lesch spricht "mit bestürzender Offenheit", wie es der Laudator des Cicero-Preises formulierte, den Lesch letztes Jahr erhielt. Er tut mit seinen Möglichkeiten, was er noch tun kann.

Und wir kleinen Menschlein im einzelnen? Welche Haltung soll ich einnehmen, wenn ich nicht einfach bequem verdränge? Ist ohnehin alles egal, weshalb wir gleich noch hemmungsloser konsumieren, fressen, saufen, mit Energie prassen können? Werfen wir uns alle zu Boden vor Schrecken und Hilflosigkeit? Kann ich hier Ihnen und mir noch Mut zusprechen?

Bleibt uns nur noch, kosmisch zu denken? Was bedeutet der Verlust dieser Erde angesichts von Milliarden bewohnbarer Planeten allein in unser Galaxie? Hat diese Menschheit Überleben überhaupt verdient?

Sollen wir den Abgesang auf die Menschheit anstimmen, vielleicht mit dem Schlusschoral aus Bachs Matthäus-Passion: Wir setzen uns mit Tränen nieder. Ruhe sanfte, sanfte ruh! - Sie ist aber so schön, unsere Erde. - Luther vielleicht. Der sagte doch etwas von einem Apfelbäumchen, das er pflanzen würde, selbst wenn er wüsste, dass die Erde untergeht.

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