Coburg
Gastspiel

Hagen Rether in Coburg: Zyniker und Sonntags-Prediger

Er gilt als der Edel-Zyniker des deutschen Kabaretts: Hagen Rether. Bei seinem Gastspiel im Coburger Kongresshaus beweist der vielfach mit Preisen dekorierte Künstler, dass er nicht nur ein bekanntermaßen famoser Pianist, sondern auch ein Sonntags-Prediger mit großer Überzeugungskraft ist.
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Hagen Rether gastierte im Coburger Kongresshaus. Foto: Jochen Berger
Hagen Rether gastierte im Coburger Kongresshaus. Foto: Jochen Berger
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Statt einer Begrüßung gibt es einen tückische Frage: "Na, wie ist die Freiheit?" Gelangweilt setzt sich Hagen Rether auf seinen komfortablen Drehstuhl mit den höhenverstellbaren Armlehnen, macht es sich bequem und fordert das Publikum im Coburger Kongresshaus auf: "Lassen Sie uns doch einmal die Freiheit genießen." Dann stützt Rether den Kopf seitlich auf die aneinander gelehnten Hände und schließt die Augen. Augen zu und durch - ist das die Botschaft, die Deutschlands Edel-Kabarettist angesichts des Elends, angesichts der Kriege auf dieser Welt verbreiten will?


Den Planeten Erde plündern


Im ersten Teil seines ungeniert abendfüllenden Programms spielt Rether jene Rolle, die ihm scheinbar auf den Leib geschneidert ist - die Rolle des brillanten Zynikers.
Denn wie sollte ein intelligenter Mensch in diesen Zeiten nicht zynisch werden, während die Menschheit fröhlich den Planeten Erde plündert, als müsse das unweigerlich so sein. Zynismus - soll das vielleicht die Medizin sein, die als letztes Mittel dort hilft, wo sämtliche Antibiotika angesichts multiresistenter Keime kapitulieren müssen?


Virtuoser Wort-Attentäter


Schonungslos in der Analyse, aber beiläufig im Tonfall - so führt Rether dem Publikum sein Panorama des nahenden Untergangs vor Augen. Rethers scheinbar liebste Rolle ist die Rolle des Mahners, den niemand hören will, die Rolle des Mahners, der deshalb zum restlos desillusionierten Propheten der Endzeit, zum Zyniker wird.
Der Mann ist ein virtuoser Wort-Attentäter - einer, der besonders gern Pointen mit hinterhältigen Zeitzündern drechselt.


Perfekte Inszenierung


Während das Publikum noch unsicher ist, ob es an jener Stelle befreit lachen oder zustimmend klatschen soll, holt Rether schon aus, um sich an die nächste Pointe heran zu schleichen. Hagen Rether auf dem Podium - das ist von der ersten Silbe an die perfekte Inszenierung. Unverzichtbares Requisit: der große Konzertflügel im edlen Schwarz, drapiert mit den unvermeidlichen Bananen, die freilich lange warten müssen bis zu ihrem großen Auftritt kurz vor Schluss des Mammutprogramms mit fast dreieinhalb Stunden reiner Spieldauer.


Skrupellose Rohstoffverschwendung



Vor der Pause gibt Rether mit gelangweilter Miene den Welterklärer-Guru, der schon alles gesehen hat und alles versteht, gerade deshalb aber daran zweifelt, dass man ihn wirklich verstehen kann. "Warum machen wir das?" fragt sich Rether immer wieder angesichts von Rohstoffverschwendung und der ungebremsten Abholzung des Regenwaldes. Immer wieder aber fällt sich Rether selbst ins Wort: "Was rege ich mich eigentlich auf?"


Überfischung der Meere


Dann spielt Rether wieder an seinen Armlehnen, lehnt sich noch etwas weiter zurück in seinem Drehstuhl und listet dann doch weiter jene Dinge auf, die die Menschheit falsch macht - von der Überfischung der Meere bis zur klimaschädlichen Vielfliegerei, die gelangweilte Mitteleuropäer im Urlaub unweigerlich an ferne Strände führt.


Überzeugungstäter


Im zweiten Teil aber gibt Rether nicht mehr den Zyniker, sondern den besorgten Sonntags-Prediger, der mit ausdauerndem Nachdruck und vielen Zahlen für vegetarische oder vegane Ernährung wirbt. Da wird Rether zum Überzeugungstäter, zum Anwalt der vielgeschundenen Kreatur.


Schonungslos anschaulich


Und während er schonungslos anschaulich davon erzählt, wie die industrialisierte Tötung von Kühen, Schweinen oder Hühnern funktioniert, schält er sich eine Banane - "natürlich eine Bio-Banane". Wie aber wird aus dem Prediger Rether wieder der Kabarettist Rether? Mit Hilfe des Musikers Rether. Michael Jacksons "Earth Song" wird zum gesungenen Schlusswort eines langen Abends.

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