Coburg

Gericht hat zu wenig Beweise

Im Messerstecher-Prozess um den Toten im Kalenderweg ist das Urteil gefallen. Ein 34-jähriger polnischer Staatsbürger wurde wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Am Landgericht Coburg fiel am Mittwoch das Urteil im Messerstecher-Prozess um den Toten im Kalenderweg. Foto: Archiv
Am Landgericht Coburg fiel am Mittwoch das Urteil im Messerstecher-Prozess um den Toten im Kalenderweg. Foto: Archiv

Vier Jahre und zehn Monate Haft - das ist die Strafe für einen 34-jährigen Polen, der einem Landsmann ein Messer ins Knie gerammt hat, woraufhin dieser gestorben ist.

Das Urteil ist deshalb so moderat ausgefallen, weil das Gericht den Tatbestand des Totschlags in Folge von unterlassener Hilfeleistung nicht beweisen konnte. "Wir wissen einfach zu wenig und es gilt, im Zweifel für den Angeklagten", sagte der Vorsitzende Richter Christoph Gillot.

So blieb am Ende des zähen Prozesses ein fader Nachgeschmack zurück. "Wir haben es mit einem Fall mit vielen Wendungen und einem unbefriedigten Ausgang zu tun ", räumte Gillot in seiner Urteilsbegründung ein. Letztendlich konnte die Kammer nach drei langen und mühevollen Verhandlungstagen das Tatgeschehen nicht vollständig rekonstruieren.

Der Angeklagte, der als Leiharbeiter in einem Unternehmen im Landkreis beschäftigt war, tischte in den Vernehmungen insgesamt vier unterschiedliche Versionen des Tatherganges auf. Da der Beschuldigte kein Deutsch spricht, standen dem Gericht zeitweise zwei Dolmetscher zur Verfügung. Anfangs ließ der Mann durch seinen Verteidigter Michael Linke eine Einlassung verlesen, ansonsten verfolgte er schweigend, meist mit gesenktem Kopf, blass und sichtlich mitgenommen die Verhandlung.

Am späteren Nachmittag des dritten Verhandlungstages wollte der Beschuldigte dann doch reinen Tisch machen und die Wahrheit erzählen. Anders, als die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Tatjana Winterholer, hielt die Kammer aber auch seine letzte Variante nicht für plausibel. "Es ist auffallend, dass der Angeklagte seine Aussagen den jeweiligen Sachverhalt anpasst," so Gillot. Beispielsweise gab der Beschuldigte zunächst an, dass er das Tatmesser hinter dem Rücken gehalten habe. Als Richter Gillot von Heimtücke sprach und sogar den Tatbestand "Mord" erwähnte, erzählte der Beschuldigte, er habe das Messer sichtbar vor sich getragen.

Die Tat hatte sich im Oktober des vergangenen Jahres in der Wohnung des Angeklagten ereignet. Das Opfer - ein ebenfalls 34-jähriger Pole - war demnach eine Zufallsbekanntschaft. Die Männer hatten gemeinsam gezecht, bis es wegen einer Lappalie zum Streit gekommen war. Es war dabei wohl um unterschiedliche Meinungen zu den Fans einer Krakauer Fußballmannschaft gegangen.

Infolge dieses Streites hatte der Angeklagte dem Opfer eine Stichverletzung in das Kniegelenk zugefügt und dabei die Knieschlagader getroffen. In der Wohnung des Angeklagten wurden immense Mengen an Blut gefunden.

Der Verletzte hatte sich auf die Straße geschleppt, wo er hinter einem Auto bewusstlos liegen geblieben und von einer Gruppe von jungen Leuten gefunden worden war. Laut eines Rechtsmediziners wäre der Mann leicht zu retten gewesen und zwar bis zu dem Zeitpunkt, als er bewusstlos wurde. Demnach hätte man die Blutung leicht durch einen Druckverband stillen können.

Laut des Sachverständigen hatte der Mann beim Auffinden aber bereits Zweidrittel seines Blutes verloren und konnte aufgrund eines Organversagens nicht mehr gerettet werden. Bis die Identität des Getöteten geklärt werden konnte, sollten zwei Wochen vergehen.

Am letzten Verhandlungstag gab der Beschuldigte immerhin zu, dass er schwungvoll mit dem Messer ins Knie gestochen habe.

Dass der Täter den Tod des Mannes gewollt habe, konnte das Gericht aber nicht nachweisen. "Wir können nicht beweisen, dass die Version des Sachverständigen stimmt", so Gillot. Demnach könnte das Messer aufgrund einer Abwehrreaktion im Knie anstelle im Oberkörper gelandet sein.

Das Gericht habe es sich nicht einfach gemacht, betonte Gillot."Wir haben mit uns gerungen." Mit dem Urteil blieb die Kammer unter dem von Staatsanwältin Winterholer geforderten fünf Jahren und sechs Monaten Haftstrafe. Rechtsanwalt Michael Linke hatte für eine milde Strafe plädiert, die er in das Ermessen des Gerichtes stellte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren