Coburg
interview

Gemeinsam für die Heimat: Groß-Demo am Sonntag

Bernd Reisenweber erklärt, warum morgen möglichst viele Menschen an die HUK-Coburg Arena kommen müssen, um neue Stromtrassen noch zu verhindern.
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Kein schöner Anblick: Wer von der Anhöhe neben der Bundesstraße 303 kurz vor Sonnefeld Richtung Ebersdorf blickt, erkennt die Ausmaße, die eine Höchstspannungsleitung hat. Morgen geht es bei der Protestveranstaltung vor der HUK-Coburg Arena darum, ein Zeichen gegen den Bau weiterer Trassen im Landkreis zu setzen. Foto: Berthold Köhler
Kein schöner Anblick: Wer von der Anhöhe neben der Bundesstraße 303 kurz vor Sonnefeld Richtung Ebersdorf blickt, erkennt die Ausmaße, die eine Höchstspannungsleitung hat. Morgen geht es bei der Protestveranstaltung vor der HUK-Coburg Arena darum, ein Zeichen gegen den Bau weiterer Trassen im Landkreis zu setzen. Foto: Berthold Köhler
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Morgen zählt's. Zum zweiten Mal binnen zweier Jahre sollen die Menschen aus dem Coburger Land bei einer Großdemonstration gegen die Pläne zum Bau riesiger Höchstspannungsleitungen auf die Straße gehen. Was 2015 in Rödental mit 4000 Demonstranten zu einem sensationellen Erfolg wurde und bundesweit Schlagzeilen machte, soll nun getoppt werden.
Bernd Reisenweber ist Vorsitzender des Kreisverbandes im Bayerischen Gemeindetag und wäre mit seiner Gemeinde Ebersdorf einer der Hauptbetroffenen in der Region, wenn die Variante P 44 mod. mit einer Aufstockung der bestehenden Trasse oder gar einer zweiten Parallelleitung Wirklichkeit würde.

Wie nehmen Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahr - wird die Demo am Sonntag wieder eine Massenveranstaltung?
Bernd Reisenweber: Sie muss es werden. Ich hoffe auf mindestens 3000 Teilnehmer. Wenn ich mich mit den Leuten draußen unterhalte, merke ich schon, dass sie ziemlich sauer sind - leider es gibt auch gewisse Anzeichen von Resignation. Wir haben lange gegen die mittlerweile bestehende Trasse gekämpft und am Ende wurden doch die Masten gebaut. Da denkt sich manch Bürger: Die da oben machen doch eh, was sie wollen.

Mit welchen Argumenten wollen sie den Hebel ansetzen, um weitere Trassen zu verhindern?
Wir wollen neue Denkanstöße zur besseren Nutzung vorhandener Leitungen geben, unter Einbeziehung der erneuerbaren Energien, die ja in unserer Region in den letzten Jahren verstärkt vor Ort produziert werden. Außerdem hat der Landkreis Coburg mit der Bündelung von Autobahn, ICE und bestehender 380-kV-Leitung schon genug leisten müssen. Auch der Landverbrauch war enorm.

Wie erklären es Sie sich, dass das Coburger Land wieder als Trassenkorridor in Frage kommt?
Die Trassenpläne sind mittlerweile mehr zu einem Politikum geworden, die große Politik gibt mittlerweile die Anfangs- und Endpunkte der Trassenführungen vor. Fest steht: Das Coburger Land war bis 2015 vom fortgeschriebenen Netzentwicklungsplan nicht betroffen. Es gab bis dahin Trassenkorridore durch Südthüringen und Unterfranken, von denen wir nicht tangiert wurden. Nach einem Schreiben der Regionalen Planungsgemeinschaft Südthüringen vom 21. Mai 2014 und anderen Aktivitäten hat sich dann alles geändert. Die Netzbetreiber hatten bis dahin nicht die Absicht, wiederum durch das Coburger Land zu gehen.

Haben die Coburger Bundes- und Landespolitiker geschlafen?
Nein! Sie wurden selbst von der Änderung überrascht! Sie haben das Problem erkannt und gehandelt. Hans Michelbach hat in Berlin und München sämtliche Register gezogen, die man in einem solchen Fall ziehen kann, das war vorbildlich. Das Problem ist nur: Das haben andere Regionen offensichtlich deutlich vor uns getan. Wir waren bis 2015 nicht Teil des Netzentwicklungsplans, deshalb konnten wir die Gefahr auch nicht auf dem Schirm haben.

Welche Rolle spielt bei den Planungen die Bundesnetzagentur?
Ich glaube, sie wird in diesem Fall zu Unrecht verdammt. Die Bundesnetzagentur ist nicht ursächlich daran schuld, dass es den Netzentwicklungsplan in seiner jetzigen Form gibt. So wie er sich derzeit darstellt, wurde er meines Erachtens nicht nur nach fachlichen Gesichtspunkten erstellt. Das war eine politische Entscheidung - obwohl sich der Freistaat Bayern gegen P 44 und P 44 mod. ausgesprochen hat.

Hand aufs Herz: Lohnt es sich wirklich noch, am Sonntag auf die Demo zu gehen?
Auf jeden Fall! Trotz Urlaubszeit: Wer am Sonntag im Lande ist, sollte diesen Termin für seine Heimat wahrnehmen. Bei weiteren Gesprächen zu den Stromtrassen unterhält sich kein Mensch ernsthaft mit uns, wenn am Sonntag nur 300 Leute da stehen. Es müssen so viele Menschen wie möglich die Demo besuchen! Wer nicht hingeht, braucht sich über eine mögliche negative Entwicklung nicht zu beschweren.

Die Lichtenfelser haben sich zuletzt in bisschen aus dem gemeinsamen Kampf zurück gezogen, weil nicht nur Sie sich für eine Ertüchtigung der Trasse Redwitz-Remptendorf stark gemacht haben. Rechnen Sie mit Demonstranten aus dem Lichtenfelser Raum?
Wir arbeiten selbstverständlich mit den Lichtenfelsern gut zusammen. Wenn ich Redwitz und Marktgraitz sehe, dann wären die von der P 44 mod. sehr stark betroffen. Deshalb sollten auch die Menschen von dort kommen und ein Zeichen setzen. Auch unabhängig von P44 und P44 mod. wird die vorhandene Leitung Remptendorf-Redwitz mit Hochtemperaturseilen nachgerüstet. Wenn ich mir dann die geringen Abstandsflächen der Leitung zur nächsten Wohnbebauung ansehe, werden sich die unmittelbaren Anwohner auf erhöhte Stromdurchleitungsmengen auf alten Trassen einstellen müssen.

Bei der Organisation der Demonstration lief die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt anfangs - sagen wir mal - "suboptimal". Haben alle Beteiligten noch rechtzeitig die Kurve bekommen?
Das Landratsamt hat wohl erst auf ein entsprechendes Signal gewartet, welches auch der Kreistag gegeben hat. Seitens der Bürgermeister war uns wichtig, dass wir mit unserem Landrat Michael Busch jemanden für den Widerstand beauftragen, der auch entsprechend ein politisches Gewicht und Ansehen hat. Da die Organisation aus personellen Gründen offensichtlich nicht nur vom Landkreis zu stemmen war, haben wir aus Reihen der Bürgermeister gerne mitgearbeitet. Am Ende stimmt das Ergebnis, die Aktion mit dem Flyer finde ich jedenfalls ausgesprochen gut. Wenn beim Bundeswirtschaftsministerium mehrere Tausend solcher Protestschreiben aufschlagen, werden wir weiter ernst- und wahrgenommen.

Hoffentlich nicht! Aber natürlich könnte es mit der Gemeinsamkeit schwierig werden, wenn sich die Betreiber auf eine Trasse im Osten oder Westen des Landkreises festgelegt haben. Unabhängig davon werden wir weiterhin gegen eine zusätzliche Belastung, ob im Osten oder Westen, gemeinsam kämpfen.

Wie realistisch sind die Aussichten, dass eine weitere Monstertrasse quer durch das Coburger Land verhindert werden kann?
(seufzt) Es sind Chancen da. Nachdem eine Notwendigkeit der Leitung nicht mehr überprüft wird, ist für mich der Knackpunkt das Argument der Überbündelung, weshalb Grafenrheinfeld aus den Korridoren herausgenommen wurde. Dieses Argument zu entkräften, wäre eine denkbar einfache Angelegenheit: Wir holen die Entscheider nach Dörfles-Esbach und zeigen ihnen, was Überbündelung wirklich bedeutet.

Wer sind denn diese Entscheider, die das Coburger Land noch aus der Schusslinie nehmen könnten?
Sie sitzen in erster Linie im Bundeswirtschaftsministerium. Den Leuten von Tennet und der Bundesnetzagentur muss ich nicht zeigen, was im Coburger Land los ist. Die haben uns kennengelernt, die wissen, was Sache ist. Deshalb sollte sich die Wirtschaftsministerin die Sache mal anschauen. Das gilt übrigens nicht nur für P 44 mod., auch die P 44 hätte gewaltige Auswirkungen - auf die Kurstadt Bad Rodach und auch auf die Pläne für den Bau eines neuen Verkehrslandeplatzes. Am Ende ist es ganz einfach: Beide Trassen durch das Coburger Land sind nicht mehr hinnehmbar.

Und wenn trotz allem Protest doch eine weitere Trasse durch das Coburg Land kommt...
Dann wäre das der größte Witz aller Zeiten. Denn man hätte vielleicht schon beim Bau der ersten Leitung darauf kommen können, dass mehr Leiterseile Richtung Süden gebraucht werden und die erst gebauten Leitungsmasten mit einer weiteren Traverse ausrüsten können. Dann hätte sich ein erneuter Ausbau erübrigt. Falls eine weitere Leitung durchs Coburger Land gebaut würde, hieße das: Von Planung keine Ahnung und Millionen Euro versenkt.

 


Die Demo

Treffpunkte Der Sternmarsch in Richtung der HUK-Coburg Arena startet am Sonntag um 17 Uhr in Coburg (McDonalds Neustadter Straße), Dörfles-Esbach (Gewerbegebiet Ziegelei) und Lautertal (Mittelschule "Am Lauterberg").

Kundgebung Landrat Michael Busch, Oberbürgermeister Norbert Tessmer und Bezirksheimatpfleger Günter Dippold eröffnen die Veranstaltung gegen 18 Uhr.

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