Coburg
Interview

Gastregisseur in Coburg bekennt: "Ich will zum Spielen verführen"

Wie sich der junge Regisseur Philipp Westerbarkei der Herausforderung stellt, Mozarts "Zauberflöte" als Eröffnungspremiere am Landestheater zu inszenieren.
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Mit der Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" gibt Gastregisseur Philipp Westerbarkei sein Coburg-Debüt am Landestheater.Jochen Berger
Mit der Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" gibt Gastregisseur Philipp Westerbarkei sein Coburg-Debüt am Landestheater.Jochen Berger

Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" gilt als Garant für Erfolge an der Theaterkasse und doch zugleich als extrem schwierig zu inszenierendes Werk. Für die Eröffnungspremiere seiner ersten Spielzeit am Landestheater hat Coburgs neuer Intendant Bernhard F. Loges diese heikle Aufgabe einem sehr jungen Regisseur übertragen. Was ihn an dieser Oper besonders reizt, verrät Gastregisseur Philipp Westerbarkei im Gespräch.

Sie haben italienische Philologie und Theaterwissenschaften studiert. Wann haben Sie sich entschieden, Regisseur werden zu wollen? Philipp Westerbarkei: Das wusste ich erst sehr spät. Die Liebe zum Theater war für mich eine Liebe auf den ersten Blick, wobei ich lange Zeit nach dem Abitur nicht wusste, was ich werden wollte. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich eigentlich wenig Kontakt zur Kultur. Ich habe zwar diverse Instrumente gespielt, aber das Faszinosum Theater kannte ich nicht. Erst meine Geigenlehrerin meinte dann: Du bist verrückt genug, schau Dir doch einmal die Oper an - vor allem, was hinter der Bühne passiert. Sie hat mich ins Theater geschleust. Ich erinnere mich noch gut daran, das war im Theater Bielefeld. Ich saß in einer Probe und wusste wirklich nicht, was mit mir geschah. Die Sänger machten den Mund auf und ich war sofort fasziniert. Eine Woche später hatte ich dann einen Studienplatz. Schon während der Studienzeit hat es mich sehr schnell zur direkten Arbeit geführt. Bernhard Loges, der an der Ruhr-Universität Bochum mein Dozent war, hat mich nach Düsseldorf an die Rhein-Oper gebracht als dramaturgischer Hospitant und Assistent. Da fing schon unser gemeinsamer Weg an.

Worin sehen Sie die besondere Herausforderung des Regie-Berufs? Für mich ist das Regie-Führen ein sehr praktischer Beruf - einer, wo man sich die Ärmel hochkrempeln muss, wo man auch mal gerne im Dreck wühlt. Oper wird ja oft als distanzierte Hochkultur proklamiert. Für mich aber kann Musiktheater sehr direkt, sehr nahe am Heute sein. Oper ist so faszinierend, so spannend: Jeder sollte Zugang zur Oper haben. Deshalb ist es auch meine Aufgabe als Regisseur, Bilder zu kreieren, die man nicht unbedingt immer intellektuell nachvollziehen muss.

"Die Zauberflöte" zählt zu den erfolgreichen Opern der Geschichte. Wie nähern Sie sich diesem Werk? Als ich das Angebot "Zauberflöte" bekommen habe, musste ich erstmal schlucken. Am Theater heißt es ja gerne: "Mit der Zauberflöte beendet man seine Karriere." Und gleich zu Beginn einer vielleicht kommenden Karriere "Die Zauberflöte" zu machen, ist ein Mammutprojekt. Schon die Tradition der "Zauberflöte" weist in die Schranken. Davon musste ich mich zunächst befreien.

Wie haben Sie sich gegen diese scheinbar übermächtige Tradition und Rezeptionsgeschichte gewehrt?

Indem ich einfach gründlich gelesen habe: Was steht im Libretto? Was steht in den Noten? Ich habe das einfach mal wortwörtlich genommen. Es ist nicht nur Musiktheater, sondern Theater von den verschiedensten Seiten. Es ist Operette, Opera seria, große Tragödie, Komödie, Slapstick, ein Tummelplatz verschiedener Stile.

Wie erleben Sie "Die Zauberflöte"? Was löst das Werk nach einigen Probenwochen bei Ihnen aus? Eine absolute Zerrissenheit mannigfaltiger Gefühle. "Die Zauberflöte" erzählt von einer Sinnsuche. Es gibt nicht nur das Gute, es gibt nicht nur das Böse, in jedem Menschen gibt es Gut und Böse. Dementsprechend sind die Bilder von Tatjana Ivschina von überstrahlt hell bis zutiefst dunkel.

Welche Rollen spielen für Sie die gerne zitieren Freimaurer-Elemente in diesem Werk? Sie spielen eine Rolle, aber ich habe darauf geachtet, dass ich das nicht zum Politik mache, sondern diesen Aspekt auch von einer menschlichen Seite aus betrachte. Warum gab es diese Freimaurer, warum gibt es diese Gemeinschaften?

Mozarts "Zauberflöte" ist unverwüstlich populär und gilt doch als schwierig zu inszenierendes Werk. Wie erklären Sie sich diesen (scheinbaren) Widerspruch? Der Grund ist wohl, dass dieses Stück auf so vielen verschiedenen Ebenen funktioniert. Rein musikalisch sind die Gassenhauer Papagenos sehr gute Beispiele, die auf der anderen Seite keine Gassenhauer sind, sondern tieftraurige, berührende Töne eines Mannes, der auf der Suche ist.

Es ist nicht immer alles tiefsinnig durchwoben. Sondern Mozart und Schikaneder hatten bestimmt auch einen Heidenspaß dabei, dieses Stück zu kreieren. Dieser brillante Theatermacher Schikaneder, der wusste, wie man das Publikum fängt, dazu Mozarts extrem berührende Vielschichtigkeit. Mozart klingt immer so leicht, so einfach. Gräbt man ein bisschen tiefer, wird es immer schwärzer und schwärzer.

Wie sehen Sie die Figur das Sarastro? Ein Mann, der eigentlich gar nicht so viel sagt und trotzdem der Dreh- und Angelpunkt der ganz Geschichte ist. Er ist auch bei mir der Dreh- und Angelpunkt.

Sie sind noch ein recht junger Regisseur und dürfen hier in Coburg die Eröffnungsproduktion des neuen Intendanten Bernhard F. Loges inszenieren. Auf dieser Premiere lastet natürlich ein beträchtlicher Erwartungsdruck. Wie gehen Sie mit dieser Situation um? Ich habe diesen Erwartungsdruck gespürt - bis zum Tag des Konzeptionsgesprächs war ich sehr nervös. Aber ich habe hier Darsteller gefunden, mit denen ich im Dialog so wunderbar arbeiten kann, die mir zum Teil die Zügel aus den Händen genommen haben. Das komplette Ensemble hat meine Ideen genommen und selbst wunderbare Facetten, Verstärkungen, Überraschungen kreiert, die ich im Dialog weiter verschärfe.

Wie haben Sie Coburg bislang erlebt? Coburg ist so pittoresk, so überschaubar, dass man sehr schnell Stadtgespräche mitbekommt. Man redet natürlich über das Theater, man redet über die "Zauberflöten"-Premiere.

Worauf kommt es an, wenn der Tag der Premiere immer näher rückt?

Das Wichtigste ist, dem Kind viel Spaß zu wünschen. Es gibt diesen Abnabelungsprozess, das Stück soll ja weiterleben nach der Premiere. Irgendwann kommt der Punkt, wo ich mich einfach zurücklehne und stolz bin auf das, was wir gemeinsam bei den Proben erreicht haben. Dieser Punkt, an dem man merkt, dass die Inszenierung einfach zu leben beginnt. Dann wird auch das Publikum gepackt, wenn auf der Bühne gelebt wird.

Wie erleben Sie die Arbeit als Regisseur? Ich möchte Regie führen nicht als Regieren verstehen. Ich benutze lieber meine alte Berufsbezeichnung Spielleiter, ich leite zum Spielen an, ich verführe zum Spielen. Und ich möchte meinen Darstellern möglich viele Spielregeln an die Hand geben, damit sie auf der Bühne reagieren können, wenn in einer Aufführung etwas Unvorhergesehenes passiert.

Wenn Sie einen Werbeslogan für Ihre "Zauberflöten"-Inszenierung formulierten müssten: Wie würde dieser lauten? Ein überraschender Thriller mit humorvollen Lachgeschichten. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen - lassen Sie sich überraschen.

Rund um die Coburger "Zauberflöte"

Philipp Westerbarkei 1987 in Nordrhein-Westfalen geboren, inszeniert Philipp Westerbarkei regelmäßig beispielsweise an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg - "Trouble in Tahiti" (Bernstein), "Wo die wilden Kerle wohnen" (Knussen). Seit der Spielzeit 2013/14 ist er an diesem Haus Spielleiter und mit der Einstudierung vieler Produktionen auch international beauftragt ("Die Zauberflöte" (Mozart) an der Finnish National Opera). Assistenzen Philipp Westerbarkei assistierte vielen namhaften Regisseuren wie zum Beispiel Barrie Kosky, Stefan Herheim, Andreas Homoki, Rolando Villazón, Claus Guth, Guy Joosten und Nicolas Brieger.

Festival Neben seiner Tätigkeit in Düsseldorf und Duisburg, gründete Philipp Westerbarkei das Musiktheaterfestival Sommer Nacht Oper mit. Dort inszenierte und statte er "Die schöne Galathée" (Suppé) und die deutschsprachige Erstaufführung "Hochzeitswirren" (Rossini) aus. An der Ruhr-Universität Bochum studierte er Theaterwissenschaft und italienische Philologie. Premieren-Tipp Mozart "Die Zauberflöte", Samstag, 29. September, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg;

Termine Werkstattgespräch, Freitag, 21. September, 18 Uhr; Aufführungen: 3. Oktober, 15 Uhr; 11. Oktober, 19.30 Uhr; 14. Oktober, 15 Uhr; 18. Oktober, 19.30 Uhr; 21. Oktober, 15 Uhr; 31. Oktober, 19.30 Uhr; 4. November, 18 "Uhr; 9., 16., 20. November, 19.30 Uhr; 1. Dezember, 20 Uhr; 23., 25. Dezember, 18 Uhr; 19. Januar 2019, 19.30 Uhr; 10. Februar, 18 Uhr; 16. Februar, 8. März, 19.30 Uhr; 7. April, 15 Uhr; 4. Juni, 19.30 Uhr; 11. Juli, 19.30 Uhr Produktionsteam Musikalische Leitung: Johannes Braun ; Chorleitung Mikko Sidoroff; Inszenierung: Philipp Westerbarkei; Bühne und Kostüme: Tatjana Ivschina

Besetzung Königin der Nacht: Dimitra Kotidou

Sarastro: Bartosz Araszkiewicz

Pamina: Laura Incko

Tamino: Peter Aisher

Papagena: Francesca Paratore

Papageno: Marvin Zobel

Monostatos: Dirk Mestmacher

Die drei Damen: Olga Shurshina / Rannveig Káradóttir, Emily Lorini, Kora Pavelic

Drei Knaben: Kinderchor

Sprecher: Michael Lion und andere

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Chor des Landestheaters Coburg

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