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Coburg
Sonneberger Jazztage

Funk-Fest mit Sound-Trübung in Sonneberg

Nils Landgren und seine Funk Unit brachten das Sonneberger Gesellschaftshaus zum ausgelassenen Tanzen. Doch man hätte unbedingt besser hören mögen.
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Funk ist ja so eine Sache. Kann aufregen, entspannen, in Trance versetzen, als hysterisch empfunden werden, durchaus auch langweilen. In Europa steht wie kein anderer Nils Landgren für diesen in den 60er Jahren aus Soul, Rhythm and Blues und Jazz verschmolzenen fliegenden Klangteppich. Wobei der Schwede mit seiner Funk Unit eben noch diesen wunderbaren europäisch-nordischen Zugriff auf den Jazz brachte, einen aus der Klassik und den reichen, nachdenklichen Traditionen dieser Weltgegend erwachsenen Zug.
Landgren ist - das lässt sich in voller Lässigkeit so sagen - einer der besten Posaunisten der Welt. Und seiner sanften Stimme kann man stundenlang zuhören. Und wie sie das wieder geschafft haben, diese Sonneberger Jazzfreunde, die mittlerweile zu einem beachtlichen Teil auch aus Coburger Jazzfreunden bestehen, wie sie diesen Nils Landgren nach Sonneberg geholt haben, da kann man nur staunen. Er bestritt mit seiner Funk Unit das Galakonzert der 31. Sonneberger Jazztage am Samstag im Gesellschaftshaus.
Funk setzt den Rhythmus über alle anderen musikalischen Elemente. Als Nils Landgren warnte, es könne an diesem Abend zu Schwierigkeiten kommen, stillzusitzen, waren tatsächlich schon eine Reihe von Besuchern nach vorne gesprungen, um zu tun, was bei dieser Musik im Grunde als erstes zu tun ist: zu tanzen.
Landgren brachte in seinen ziemlich exakt bemessenen und gewährten 90 Minuten dann auch so gut wie alle dazu, aufzustehen und mitzuwippen und zu -nicken: Get down on the funk, da gab es nichts anderes an diesem Abend, an dem Landgrens Soulchildren, diese gewieften Soul-Kinder im wohltuendsten Harmoniegesang dahinzogen, ihre wunderbaren Solos einstreuten, sich dabei aber nie produzierten, um sich dann wieder ausführlich in die gemeinsamen Rhythmen zu versenken. Nils Landgren und seine Funk Unit erwiesen sich mit diesen Titeln aus ihrer aktuellen CD auch in Sonneberg als "unbreakable", als unzerbrechlich.
Dem Jazz-Gott sei Dank. Denn dieses Konzert hatte, eigentlich unverständlich an diesem Ort und mit dieser Tradition, eine Kehrseite. Die Leute konnten ihr Funk-Fest feiern - obwohl die Soundtechnik schrecklich war.


Nicht ganz nachvollziehbar

In der bassröhrenden oder wahlweise dann klirrenden Soundwalze gingen allzu oft Landgrens fantastische Posaunenläufe, erst recht die Duette mit dem Saxofon von Jonas Wall mehr oder weniger unter. Dass Landgren in seiner ungemein schnellen und dabei klaren Tonsetzung auch ein hinreißendes lyrisches Sensorium hat, konnte man nur gelegentlich erahnen. In seiner Solo-Zugabe klang verblüffend auf, was man auch vorher hätte hören sollen.
Der E-Gitarre von Andy Pfeiler, der war nichts anzuhaben, o.k. Doch wer die Klangraffinesse von Landgrens Stücken oder Bearbeitungen erfahren möchte, wer die Stimmen, auch von Magnum Coltrane Price, und die lässig enthebende Wirkung von Landgrens Funk spüren möchte, dem sei seine neue CD empfohlen: Unbreakable.


CD-Tipp Nils Landgren Funk Unit: Unbreakable. The ACT Company München, 2017. Mit Nils Landgren (Posaune und Gesang), Magnum Coltrane Price (Bass und Gesang), Andy Pfeiler (Gitarre und Gesang), Jonas Wall (Saxofon), Petter Bergander (Keyboard) und Robert Mehmet Ikiz (Schlagzeug). Mit dabei auch die Trompeter Randy Brecker und Tim Hagans. Als besonderer Gast und Funk-Unit-Ehrenmitglied ist zudem der US-amerikanische Gitarrist Ray Parker Jr. mit von der Partie. Zehn Songs überwiegend aus eigener Komposition von Landgren, Pfeiler und Price. Dazu drei Coverversionen von Allen Toussaints "Just A Kiss Away", Herbie Hancocks "Stars In Your Eyes" sowie dem Marvin-Gaye-Klassiker "Rockin' After Midnight".

Zur Person Nils Landgren, geboren 1956 in Schweden, ist einer der erfolgreichsten europäischen Jazzmusiker. Wegen seiner roten Posaune trägt er den Spitznamen "Mr. Red Horn". Mit sechs Jahren begann er Schlagzeug zu spielen, mit 13 wechselte er zur Posaune. Von 1972 bis 1978 studierte er klassische Posaune, bevor er zum Jazz wechselte. Der Posaunist arbeitete mit ABBA, The Crusaders, Eddie Harris und Herbie Hancock. Der internationale Durchbruch kam 1994 mit der Nils Landgren Funk Unit auf dem deutschen JazzBaltica-Festival in Salzau. Landgren arbeitete mit zahlreichen Jazz-Künstlern von Weltrang zusammen und errang mehrfach die höchsten Auszeichnungen. 2005 initiierte er mit stetig zunehmendem Erfolg die CD- und Konzert-Serie "Christmas with My Friends", bei der er mit skandinavischen Musikern Weihnachtslieder interpretiert. Nils Landgren ist mit verschiedenen Big Band-Formationen, so der NDR Bigband und der WDR Big Band, weltweit unterwegs und wird als Gastsolist engagiert. Er war in den Jahren 2001 und von 2008 bis 2011 künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin. Seit 2012 hat er die künstlerische Leitung von JazzBaltica inne.
  Seit 2006 lehrt er als Dozent und seit 2014 als Professor an der Musikhochschule Hamburg Jazz-Posaune. wp