Coburg
Quellenstudium

Fundstücke im Coburger Staatsarchiv

Coburg lässt seine Vergangenheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erforschen. Dafür ist viel Arbeit in den Archiven nötig.
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Professor Gert Melville, VHS-Leiter Rainer Maier und der Leiter des Coburger Staatsarchivs, Alexander Wolz, sichten einige der Archivalien aus der NS-Zeit, unter anderem das Tagebuch der NSDAP-Kreisleitung aus dem Jahr 1941/42. Foto: Simone Bastian
Professor Gert Melville, VHS-Leiter Rainer Maier und der Leiter des Coburger Staatsarchivs, Alexander Wolz, sichten einige der Archivalien aus der NS-Zeit, unter anderem das Tagebuch der NSDAP-Kreisleitung aus dem Jahr 1941/42. Foto: Simone Bastian

Ein seriöser Historiker kommt an den Archiven nicht vorbei. Das sagt Professor Gert Melville, Experte für die Geschichte des Mittelalters, und er hat zusammengerechnet wohl einige Lebensjahre in Archiven verbracht. "Quellenstudium" nennen das die Historiker, wenn sie sich in alte Handschriften vertiefen oder unsortierte Aktenbündel Blatt für Blatt lesen und den Inhalt erfassen.

"Archive halten potenziell Informationen bereit - es liegt an den Historikern, daraus ein Wissen zu vermitteln", sagt Melville. Im Coburger Staatsarchiv lagern rund 5000 Akten aus Spruchkammerverfahren, in denen sich die Beschuldigten nach dem Zweiten Weltkrieg für ihr Engagement für die Nazis rechtfertigen mussten. Jede dieser Akten umfasst im Durchschnitt 100 Blatt, sagt Archivleiter Alexander Wolz. Das meiste davon sei noch nie systematisch aufgearbeitet worden.

Das tut derzeit Eva Karl, die im Auftrag der Stadt die Coburger Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erforscht, mit besonderem Schwerpunkt darauf, wie Coburg sich so früh zu einer Hochburg der Nationalsozialisten entwickeln konnte. Die Nazis hatten hier ab 1929 eine Mehrheit im Stadtrat und stellten ab 1931 den Oberbürgermeister.

Erstmals in Coburg von sich reden machte Adolf Hitler mit seiner Partei im Oktober 1922, als er mit seiner SA im Sonderzug von München zum Deutschen Tag des Schutz- und Trutzbunds anreiste und in Marschkolonne in die Stadt einzog. Dass Hitler in der zersplitterten rechts-völkischen Parteienlandschaft die Oberhand behalten würde, war damals noch längst nicht klar, sagt Alexander Wolz. "Erich Ludendorff war damals deutlich populärer als Hitler." Aber Hitlers Rede in Coburg hörte sich auch der ehemalige Herzog Carl Eduard an, und schon im Januar 1923 wurde die Coburger NSDAP-Ortsgruppe gegründet.

Dass der Deutsche Tag 1922 eher im Gedächtnis blieb als die davor und danach, liegt daran, dass Hitler selbst ihn später zum Mythos machte, sagt Professor Melville. "Jede Institution braucht so einen Gründungsmythos." Weitgehend unbekannt blieb dagegen, dass die Arbeiterschaft aus dem Coburger Umland sehr wohl in der Lage gewesen wäre, sich den Nazis entgegenzustellen. "Aber sie waren nicht so gut organisiert wie die Rechten, sie wollten nicht bis zum Äußersten gehen, und sie hatten nicht so die Sympathie der Bevölkerung", fasst Alexander Wolz zusammen.

2016 erst erhielt das Coburger Staatsarchiv Akten aus dem Landespolizeiarchiv. Wolz löste die Aktenbündel auf, legte Einzelakten an, und fand zum Beispiel Dokumente, die belegen, dass die Polizei auf den Deutschen Tag 1922 vorbereitet war - zumindest in einer Hinsicht: "Die Polizei hatte überall Späher, weil sie Angst hatte, dass die Arbeiterschaft aus der Umgegend kam."

Das sind einzelne Erkenntnisse aus einzelnen Akten. Erst die Verbindung zwischen den Akten und Dokumenten, die gar nicht mal alle in Coburg lagern müssen, schafft historisches Wissen, doziert Professor Melville. Dabei geht es nicht nur amtlich erfasste Vorgänge. Auch Erzählungen und Zeitungsartikel, "Meinungen und Stimmungsberichte" seien den Historikern wichtig, weil sie Aufschluss darüber geben, wie die Tatsachen in ihrer Zeit wahrgenommen und empfunden wurden, sagt Melville. "Da kann auch eine Todesanzeige eine hervorragende Quelle sein."

Sind die Archivmaterialien studiert und ausgewertet, geht es ans Zusammenfassen. Eva Karl werde viele noch unbekannte Fakten und Facetten der Coburger Geschichte finden, prophezeit Wolz. "Viele werden es nicht ins Buch schaffen, aber sie sind passiert."

Das Staatsarchiv verfügt über große Bestände aus und über die Zeit des Nationalsozialismus. Zwar ging vieles verloren oder wurde nach dem Krieg vernichtet. Andererseits finden sich manchmal "Riesenaktenberge", sagt Wolz - teilweise wurde alles noch vorhandene gesichert, damit nicht noch mehr verschwand. So finden sich im Staatsarchiv neben den Akten aus den Spruchkammerverfahren auch die Verwaltungsakten der Coburger Spruchkammer, außerdem viele Nachlässe von Privatpersonen und Vereinen. Auch die Chronik der Coburger NSDAP-Kreisleitung vom 1. Juni 1941 bis 31. Mai 1942 wird im Staatsarchiv verwahrt. Das Album mit eingeklebten Fotos, Flugblättern und Artikel erzählt von Parteiveranstaltungen und Wimpelübergaben. Aber es schlägt sich auch darin nieder, dass Krieg herrschte - säuberlich ist zum Beispiel der Aufruf zur "Reichsspinnstoffsammlung" eingeklebt, weil jedes Fitzelchen Stoff gebraucht wurde.

Es fehlen dagegen die "Judenakten", die die Nazis nach der Pogromnacht 1938 in den jüdischen Gemeinden konfiszierte, und es fehlen die Akten der Coburger Industrie- und Handelskammer. Die hatten zunächst die amerikanischen Besatzer konfisziert, aber wieder zurückgegeben, sagt Wolz. "Ab dann verliert sich ihre Spur."

Hintergrund: Die Coburger Geschichte, eine Kommission und ein Vortrag

Auftrag 2016 setzte die Stadt Coburg eine Kommission von Historikern ein, die das auf vier Jahre angelegte Projekt "Coburger Stadtgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" begleiten soll. Einen Zwischenbericht zu dem Projekt geben Historikerin Eva Karl und Kommissionssprecher Professor Gert Melville am 25. Oktober im Stadtrat. Die Kommissionsmitglieder erklärten sich auch bereit, im Rahmen einer VHS-Reihe begleitende Vorträge zu dem Projekt zu halten.

Vortrag Margit Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der staatlichen Archive Bayerns, spricht am Mittwoch, 24. Oktober, 19.30 Uhr im Staatsarchiv (Herrngasse 11) über "Die NS-Zeit in der Überlieferung der staatlichen Archive Bayerns unter besonderer Berücksichtigung der Coburger Bestände". In ihrem Vortrag geht es darum, was Archive leisten können und wie die dort verwahrten Dokumente Einblicke geben in vergangene Zeiten. Es ist der vierte Vortrag in der Reihe "Epoche unterm Hakenkreuz".



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