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Coburg
Erinnerung

Fünfter und letzter Wandertag: Bewegende Begegnung in Billmuthausen

Dieter Ludloff wurde in dem Dorf geboren, das vom DDR-Regime dem Erdboden gleich gemacht wurde. Am letzten Tag des "Projekts Grenzerfahrung" traf der 87-Jährige die wandernden Redakteure von Coburger Tageblatt/Fränkischer Tag sowie Radio Eins und erzählte von der Rückkehr 1989: "Ich habe geheult."
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Dieter Ludloff Foto: Oliver Schmidt
Dieter Ludloff Foto: Oliver Schmidt
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Mal erschreckend laut, wie im Keller des Grenzturm-Museums bei Rottenbach/Eisfeld, wo Schüsse und andere Geräusche zu hören sind, die es bei einem Fluchtversuch über den "Todesstreifen" gab. Mal geballt informativ, wie bei der neuen Sonderausstellung "25 Jahre Mauerfall", die im Zwei-Länder-Museum in Streufdorf zu sehen ist. Mal ganz still und leise, wie auf dem Friedhof von Billmuthausen - der Friedhof ist das Einzige, was von dem Dorf übrig geblieben ist, nachdem es 1978 geschleift wurde, weil es im Sperrgebiet lag.


Können "Wessis" das verstehen?
Es gibt viele Möglichkeiten, zu erinnern und sich zu bewusst zu machen, welch schreckliche Folgen die deutsche Teilung für viele Menschen hatte. Die allerbeste Möglichkeit, zu erfahren, "wie es denn damals so war", sind allerdings Gespräche mit Zeitzeugen.
Um so mehr sind die wandernden Redakteure Oliver Schmidt (Coburger Tageblatt) sowie Thomas Apfel und Detlef König (beide Radio Eins) dankbar und froh, dass sie während ihrer fünftägigen Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze auf so viele beeindruckende Menschen getroffen sind. Auf Menschen, die am Anfang manchmal noch etwas zögerten, ob sie wirklich etwas sagen sollen - ob die "Wessis" das überhaupt verstehen können?! Doch dann kamen sehr viele erstaunlich schnell ins Erzählen. Oft mit belegter Stimme, wenn es um Schicksale in der DDR ging. Oft mit funkelnden Augen, wenn die Zeit rund um den Mauerfall geschildert wurde. Und nach jedem Gespräch konnten die "Wessis" immer besser verstehen, wie schlimm das alles war - und wie befreiend und was für ein Segen der Mauerfall vor 25 Jahren war.

"Im Dezember 1989 durften wir zum ersten Mal wieder nach Billmuthausen", erzählt Hilde Ludloff. "Das war nicht einfach. Zum Glück waren wir allein." Ihr Mann Dieter ergänzt offen und ehrlich: "Ich habe geheult." Er, der heute 87 Jahre alt ist, wurde in Billmuthausen geboren. Später lebte er in Großwalbur, ging regelmäßig an die Grenze und musste von dort mitanschauen, wie sein wenige hundert Meter entferntes Heimatdorf nach und nach verschwand; 1978 wurden die letzten verbliebenen Gebäude dem Erdboden gleich gemacht.

Beim Treffen in Billmuthausen, das den symbolträchtigen Schlusspunkt des gemeinsamen "Projekts Grenzerfahrung" bildete, war auch René Hähnlein mit dabei. Mancher wird da spontan sagen: Ausgerechnet Hähnlein? Der heutige Politiker der Partei "Die Linke", die sich in Teilen so schwer tut, die DDR als "Unrechtsstaat" zu bezeichnen? Aber René Hähnlein ist da anders. Für ihn ist der Begriff "Unrechtsstaat" zu vage. Der 42-Jährige sagt klipp und klar: "Die DDR war eine Diktatur." René Hähnlein selbst hat auch zu spüren bekommen, was es heißt, in einer Diktatur zu leben.

Im Januar 1989 war es, also nur zehn Monate vor dem Mauerfall, als die fünfköpfige Familie Hähnlein in Sonneberg plötzlich ohne Dach über dem Kopf da stand. Ein geplanter Umzug innerhalb von Sonneberg war kurzfristig verhindert worden, indem die Hähnleins den erforderlichen "Wohnbezugsschein" entzogen bekamen. Warum? "Wir haben später erfahren, dass die Tochter eines Parteifunktionärs die Wohnung bekommen hat. So landeten wir - zu fünft - in der Ein-Zimmer-Wohnung eines Übergangswohnheims."

Ganze Familie im Gefängnis
René Hähnlein und seine Eltern und Geschwister wollten sich das nicht gefallen lassen, malten Plakate und demonstrierten vor dem Rat des Kreises in der Karl-Marx-Straße (heute Bahnhofstraße). Die Demonstration dauerte exakt 26 Minuten. Es folgten die Verhaftung sowie wenig später die Inhaftierung der gesamten Familie. Wobei jedes Familienmitglied in ein anderes Gefängnis kam. René Hähnlein war damals 17 Jahre alt.

Im August 1989 gelang es der Bundesrepublik, die Familie Hähnlein freizukaufen. Den "Mauerfall" erlebten sie also vom Westen aus. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben kann!" Während seiner Haftzeit sei es ihm nämlich vorgekommen, als ob sich der "Mehltau der Resignation" übers Land gelegt habe.

Doch es kam zum Glück anders. Thomas Müller, Landrat von Sonneberg, sprach bei der Ausstellungseröffnung in Streufdorf von einem "Märchen", weil der Sturz des DDR-Regimes in so relativ kurzer Zeit gelang. Martin Finzel, Bürgermeister von Ahorn und Vorsitzender der länderübergreifenden "Initiative Rodachtal", betonte bei derselben Veranstaltung: "Die Wende haben nicht nur die Menschen in den großen Städten der DDR geschafft, sondern auch die in den kleinen!"

Und die Menschen haben noch mehr geschafft: Speziell zwischen Rennsteig und Obermain ist seit 1989 bereits sehr viel zusammengewachsen, was zusammengehört. Das ist eine der wichtigen Erkenntnisse der wandernden "Wessi"-Redakteure am Ende der Tour. Aber, apropos: Steve Gärtner, der aus Streufdorf stammt und dort das "Café im Hof" betreibt, hat einen Wunsch: "Dieses Ost-West-Gelaber muss aufhören! Bei meinen Kindern sollten ,Ossi' und ,Wessi' im Wortschatz nicht mehr vorkommen." Steve Gärtners Frau kommt aus Coburg.

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