Coburg
Interview

Führungswechsel bei den Coburger Freimaurern

Sie wollen sich persönlich weiter entwickeln und dabei auch die Welt ein wenig besser machen: die Freimaurer. Die Coburger Loge hat nun einen neuen Chef.
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Wechsel an der Spitze der Coburger Freimaurerloge "Zur Fränkischen Krone": Zukünftig wird Rüdiger Hamisch (links) als "Meister vom Stuhl" darauf achten, dass die Brüder mit Hilfe der Rituale und Symbole der alten Steinmetz-Zünfte Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit praktizieren. Ganz im Sinne des ersten Coburger Logenmeisters Johann Friedrich Eusebius Lotz (1771-1838), dessen Grabstein im Logengarten im Zinkenwehr steht. In den letzten fünf Jahren hatte Gerhard Blümig (rechts) die Posi...
Wechsel an der Spitze der Coburger Freimaurerloge "Zur Fränkischen Krone": Zukünftig wird Rüdiger Hamisch (links) als "Meister vom Stuhl" darauf achten, dass die Brüder mit Hilfe der Rituale und Symbole der alten Steinmetz-Zünfte Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit praktizieren. Ganz im Sinne des ersten Coburger Logenmeisters Johann Friedrich Eusebius Lotz (1771-1838), dessen Grabstein im Logengarten im Zinkenwehr steht. In den letzten fünf Jahren hatte Gerhard Blümig (rechts) die Position des Stuhlmeisters im dortigen Tempel der Bruderschaft inne. Foto: Bettina Knauth
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"Hammerwechsel" bei der Coburger Freimauerloge "Zur Fränkischen Krone": Der neu gewählte "Meister vom Stuhl" Rüdiger Hamisch übernahm den Logenvorsitz von seinem Vorgänger Gerhard Blümig. Der ehemalige Polizeidirektor und letzte Coburger BGS-Kommandeur aus Gemünda (Stadt Seßlach) steht damit in den nächsten zwei Jahren an der Spitze der rund 50 Mitglieder zählenden Bruderschaft. Anlass, mit dem scheidenden und dem neuen "Chairman" am Logenhaus im Zinkenwehr über die Freimaurer zu sprechen, die noch immer die Aura eines geheimnisvollen, exklusiven Zirkels umgibt.

Herr Hamisch, Herr Blümig, an der Spitze Ihrer Loge löst ein 72-Jähriger seinen um ein Jahr jüngeren Vorgänger ab. Haben die Freimaurer Nachwuchsprobleme?
Blümig: Das ist nicht der Fall. Die Altersspanne unserer Loge reicht von 28 bis 88 Jahren. Abgänge werden in der Regel leicht durch Zugänge kompensiert. In den fünf Jahren unter meiner Führung haben wir sieben neue Brüder aufgenommen. Allerdings, darauf weise ich immer wieder hin, könnten unsere Brüder auch aktiver werden und in ihrem Bekanntenkreis um Neumitglieder werben.
Hamisch: Wir sind beide bereits 39 Jahre dabei. Neue Brüder kommen überwiegend über persönliche Kontakte zu uns, unsere Mitbrüder fungieren da als Multiplikatoren. Wir bekommen zwar auch Anfragen übers Internet, doch entspringen diese zumeist reiner Neugierde. Auf Nachfragen kommt dann meist keine Reaktion mehr.

Ist denn die Freimauerei mit ihren Idealen, Ritualen, Symbolen und Pflichten heute überhaupt noch für junge Menschen attraktiv?
Blümig: Die Suche nach dem Sinn des Lebens ist doch aktueller denn je. Wir sollten uns vor Anfragen gar nicht retten können (lacht). Wo stehe ich in der Gesellschaft? Was kann ich noch aus mir machen? Das sind Fragen, die viele bewegen.
Hamisch: Unser Ziel ist es, aus einem guten Mann einen besseren zu machen. Das ist zeitlos. Der dazugehörige Weg wird bei uns mit überlieferten, symbolhaften Handlungen verknüpft. Ein neuer Bruder gleicht einem rohen Stein, den es zu formen gilt. Das fordert nicht nur Zeit, sondern auch die Bereitschaft, sich einzubringen und sich auf unsere Philosophie einzulassen.

Können Sie präzisieren, wie dies geschieht?
Hamisch: Zum Beispiel versammeln wir uns jeden Montag zu einem Vortrag über ethische Themen, an den sich eine rege Diskussion anschließt. Politik und Religion sind dabei tabu. Wir bieten geistige Bereicherung, sozusagen Persönlichkeitsbildung auf hohem Niveau, die von uns als Gewinn empfunden wird. Was wir nicht bieten, ist ein Forum zur Selbstdarstellung, auch keinen Zugang zur Karriere.
Blümig: Diese Zeit ist gut investiert. Danach geht keiner dümmer nach Hause. Zusätzlich nehmen wir uns einmal im Monat Zeit für eine Stunde der Kontemplation, für unsere Tempelarbeit mit rituellen Handlungen. Eine Art Entschleunigung, wie sie die Freimaurer schon lange praktizieren. Andere gehen dafür ins Kloster.

Wie lassen sich Ihre Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität heutzutage leben?
Blümig: Wenn wir durch die Pforte gehen, sind wir Brüder unter Brüdern. Jeder soll seinen Beitrag leisten und in einer Art schöpferischem Akt seine Talente einbringen, egal ob er Handwerker, Künstler, Professor oder Direktor ist. Das wahre Glück liegt in der Bescheidenheit. Und was zählt, ist die Liebe, egal ob in der Familie oder zu den Mitmenschen.
Hamisch: Mit der Arbeit beginnt jeder Logenbruder zunächst bei sich selbst: Es gilt, sich besser kennen zu lernen, eigene Schwächen zu bekämpfen und die Ideale im alltäglichen Leben vorzuleben, um so die Welt jeden Tag ein wenig besser zu machen. Neben brüderlich und tolerant miteinander umzugehen, lernen unsere Brüder in dieser Schule des Zusammenlebens, geduldig und diszipliniert rituelle Formen einzuhalten. Wir machen das Gleiche, was früher die operativen Maurer gemacht haben, nur im übertragenen Sinne: Wir wollen mit Menschen als Bausteinen eine humanere Gesellschaft schaffen.

Welche Voraussetzungen muss ein Neumitglied mitbringen?
Hamisch: Wer ein freier Mann ist, wer Bereitschaft zeigt, an sich zu arbeiten und in der Loge mitzuwirken, wer Lust am Denken und an Diskussionen hat, kann sich als "Suchender" um Aufnahme bemühen. Dann wartet auf den Bewerber ein bis zu einem Jahr dauerndes Prüfverfahren. Die vielen Stufen dienen dazu, Enttäuschungen zu vermeiden. Schließlich handelt es sich bei uns um einen Lebensbund, der weitaus tiefer geht als eine Vereinsmitgliedschaft. Als "freier Mann von gutem Ruf", festgesattelt im Beruf, ausgestattet mit tadelloser Lebensführung und dem Glauben an eine höhere Macht (unabhängig von der Religion) hat er gute Chancen, aufgenommen zu werden. Anschließend durchläuft er - ähnlich wie im Berufsleben - verschiedene Entwicklungsstufen vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister, der die freimaurerischen Tugenden vorbildhaft verinnerlicht hat und Ämter in der Loge übernimmt.

Weibliche Mitglieder sind nicht erwünscht, warum?
Hamisch: Weil Frauen völlig verschieden denken und fühlen. In der Anwesenheit von Frauen wird sich ein Mann niemals erlauben, sein Herz zu öffnen und seine Seele auszubreiten. Die Offenheit nach innen und Verschwiegenheit nach außen gehört aber zu den Forderungen der Bruderschaft an ihre Mitglieder. Die "Schwestern" genannten Partnerinnen der Logenbrüder werden gleichwohl hoch geachtet und eingebunden. An anderen Orten existieren auch reine Frauenlogen.

Herr Hamisch, was haben Sie sich als neuer Stuhlmeister vorgenommen?
Hamisch: "Ich möchte diesen Lebensentwurf der Freimaurerei allen vorleben, den brüderlichen Zusammenhalt weiter stärken und Jüngere stärker in Verantwortung bringen."
Das Gespräch führte Bettina Knauth.


Hintergrund: Die Freimaurer
Form und Symbolik der Freimaurer gehen zurück auf die Steinmetze, die als Erbauer der mittelalterlichen Kirchenneubauten großes Ansehen und Privilegien genossen. 1717 schlossen sich vier Bauhütten in London zur ersten "Großloge" zusammen; das Bauhandwerk wurde zum symbolischen erhöht. Im Freiraum der Logen entwickelten sich Ideale, die während der Renaissance und Aufklärung ganz Europa beeinflussten. In Coburg gründeten 25 Männer unter dem Protektorat von Herzog Ernst I. am 24.08.1816 die Loge "Ernst für Wahrheit, Freundschaft und Recht", zu deren Ehrenmitgliedern Herzog Ernst II. und Prinz Edward von Wales zählten. 520 Brüder kamen zum 100. Jubiläum 1916. In den 20er Jahren waren führende Bürger Coburgs (u.a. Leiter von Behörden wie Schulen und Unternehmer) Logenmitglieder. Mit "Jean Paul" wurde 1927 eine zweite Loge gegründet. Beide wurden in der NS-Zeit verboten, ihr Besitz beschlagnahmt. Das 1859 erworbene Kasinogebäude in der Theatergasse Nr. 1 wurde kurz vor Kriegsende 1945 im Bombenhagel zerstört. Nach Kriegsende nahmen die Freimaurer am 24.12.1947 in der gemeinsamen Loge "Zur Fränkischen Krone" im neuen Logenhaus im Zinkenwehr ihre Tätigkeit wieder auf. Seit 1999 existiert der Verein "Freimaurerhilfe Coburg für Menschen in Not". Die Coburger Loge gehört als Mitglied der Großloge der "alten Freien und angenommenen Freimaurer von Deutschland" auch dem Dachverband der "Vereinigten Großlogen von Deutschland" an.
Freimaurerei ist "Güte daheim, Ehrenhaftigkeit im Geschäft, Höflichkeit in der Gesellschaft, Anständigkeit in der Arbeit, Mitleid für den Unglücklichen, Widerstand gegen das Unrecht, Hilfe für das Schwache, Treue gegenüber dem Gesetz, Vergeben gegen den Unrechttuenden, Toleranz gegenüber den Andersdenkenden."
(nach der Broschüre der Loge "Zur Fränkischen Krone")


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