Coburg
Urteil

Freispruch für renitente Neustadterin

Eine Neustadterin, die ihrem ehemaligen Anwalt im Internet schlechtmachte und massiv beleidigte, wurde freigesprochen. Die Frau leidet unter Schizophrenie.
Artikel drucken Artikel einbetten
Weil sie sich von ihm nicht gut vertreten gefühlt hatte, hat eine Frau aus Neustadt ihrem ehemaligen Anwalt Schnee ins Gesicht gedrückt. Außerdem beleidigte sie ihn und eine Angestellte mit deftigen Worten. Dem nicht genug: Zudem stellte die Frau dem Mann im Internet ein schlechtes Zeugnis aus.
Der Anwalt stellte mehrfach Strafantrag unter anderem wegen übler Nachrede.

"Das ist halt geschäftsschädigend", sagte er, "und äußerst aufwändig, die Einträge wieder löschen zu lassen". Einen Strafbefehl über 450 Euro nahm die Neustadterin nicht an und landete deshalb 2016 vor dem Amtsgericht in Coburg. Das verurteilte sie zu einer Geldstrafe von 75 Tagessätzen è 22 Euro. Für die 41-Jährige war das nicht hinnehmbar: Sie sei verrentet und habe nur wenig Geld zur Verfügung. "Ich konnte mir die Geldstrafe nicht leisten", sagte sie und ging in Berufung.

Am Donnerstag stand die gelernte Bürokauffrau, die bisher strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getreten ist, erneut vor dem Richter. Im Juli 2016 habe sie eine für jedermann einsehbare Bewertung auf Google eingestellt, die weitere Kunden von einer Mandatierung des Anwaltes abhalten könnten, so der Vorwurf. Außerdem habe sie ihren ehemaligen Anwalt bei der Anwaltskammer Bamberg wegen angeblichen Parteiverrats angezeigt.

Der Anwalt wehrte sich juristisch gegen die Frau und erstattete Strafanzeige. "An den Vorwürfen ist nichts dran", sagte er, die ehemalige Mandantin verfolge ihn seit geraumer Zeit. Die Frau habe mehrfach Sturm in seiner Kanzlei geklingelt und ihm - als er nach dem Rechten sehen wollte - Schnee ins Gesicht gedrückt und ihn dabei massiv beleidigt. Die Schläge der Frau habe er abwehren können, berichtete der Rechtsanwalt, er habe aber ein Einschreiten der Justiz wegen versuchter Körperverletzung für geboten gehalten.

Eine Kanzleiangestellte, die die Angeklagte beim Einkaufen getroffen habe, sei von der Neustadterin im Supermarkt so lautstark beschimpft worden, dass der Marktleiter einschritt. Das berichtete die Frau im Zeugenstand.

Auf dem angrenzenden Parkplatz sei sie von der 41-Jährigen durch einen Stoß fast zu Fall gebracht worden. Dabei sei sie weiter massiv beschimpft worden. Erst als sie um Hilfe geschrien und mit der Polizei gedroht habe, habe die Angeklagte von ihr abgelassen.

"Laut und hysterisch hat sie immer wieder meinen Namen und den des Rechtsanwaltes ausgesprochen", erklärte die Frau. "Ich war nervlich fertig, ich bin nicht gewohnt, dass mich jemand so angreift." Die Angestellte stellte daraufhin einen Antrag auf Gewaltschutz, der es der Neustadterin verbot, sich ihr noch einmal zu nähern.

Der Verteidiger der Angeklagten, Albrecht Freiherr von Imhoff, legte ein erst kürzlich erstelltes ärztliches Attest vor. In diesem wurde der 41-Jährigen eine Psychose in Form einer katatonischen Schizophrenie bescheinigt.

Die Frau war für einen Zeitraum von acht Wochen bis Mitte Dezember 2017 zur stationären Behandlung in Kutzenberg eingeliefert worden. "Meine Mandantin ist schwer erkrankt und räumt die Vorwürfe vollumfänglich ein", erklärte er. "Es tut ihr leid, was vorgefallen ist."

Während die Frau sich bei der Kanzleiangestellten persönlich entschuldigte, übernahm ihr Anwalt das bei seinem Neustadter Kollegen. Sie sei jetzt ein neuer Mensch, und bereit, an sich zu arbeiten, erklärte er. Sich persönlich bei dem Anwalt zu entschuldigen, das schaffe seine Mandantin allerdings noch nicht.


Die Frau steht unter vorläufiger amtlicher Betreuung, wird psychiatrisch und medikamentös behandelt. Der Vormund, der ebenfalls aussagte, habe sich für die Neustadterin erfolgreich um die Aufnahme in einer Tagesstätte in Sonneberg bemüht, in der sie einen stabilen Alltag mit geregelter Tagesstruktur erhalte. "Sie wäre bereit, dort hinzugehen", erklärte er den Richtern.

Der Vormund hielt die Angeklagte für fähig, ihr Leben in der eigenen Wohnung weiterzuführen. Einer eventuellen stationären Therapie stand der Betreuer ebenfalls offen gegenüber. "Wir wollen aber erst einmal mit dem mildesten Mittel beginnen" erklärte er.

Aufgrund der vorliegenden Umstände wurde die Neustadterin freigesprochen.
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren