Coburg
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Familienbegleitung in Coburg: Das nötige Fingerspitzengefühl ist gefragt

Wie ist es, Verantwortung für das Wohl anderer zu tragen? Eine Familienbegleiterin erzählt von schwierigen Situationen und wie sie mit diesen umgeht.
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Familienbegleiter vermitteln bei Streitigkeiten in der Familie zwischen Eltern und Kind. Symbolfoto: Fotolia
Familienbegleiter vermitteln bei Streitigkeiten in der Familie zwischen Eltern und Kind. Symbolfoto: Fotolia

Ein Kind zu haben bedeutet Verantwortung. Dafür zu sorgen, dass es Kindern aus anderen Familien gut geht, erst recht. Bettina Dörfling weiß das nur zu gut. Sie ist freiberuflich als Familienbegleiterin tätig. "Das ist eine ambulante Form der Unterstützung, die im häuslichen Rahmen erfolgt", erzählt sie. Ihre Aufträge erhält sie vom Jugendamt Coburg.

"Meine Arbeit umfasst einen Blick auf das gesamte System, nicht nur auf die Familie." So haben verhaltensauffällige Kinder häufig Probleme in der Schule. Generell, so Dörfling, sind die Probleme in den Familien vielschichtig: "Zum Beispiel im Umgang mit Bürokratie oder mit dem Jobcenter." Auch finanzielle Schwierigkeiten führen oft zu Konflikten.

Schlüsselsituationen finden

"Im Fokus steht die Stärkung der Erziehungsfähigkeit der Eltern", macht Bettina Dörfling deutlich. Denn oftmals verstehen die Eltern nicht, was hinter dem Verhalten ihres Kindes steckt. "Dann kommt es zu Missverständnissen, gerade, wenn die Eltern schon ein paar Sachen versucht haben", erzählt sie. "Dann denken die Eltern, das liegt nicht an uns, sondern nur am Kind." Deshalb versucht die Familienbegleiterin, die Sichtweise der Eltern zu verstehen. "Ich überlege immer, wie man diese verändern kann", erzählt sie. Die Eltern zum Umdenken zu bewegen sei schwierig, denn "jeder hat die Freiheit, selbst zu entscheiden, was er als sinnvoll erachtet und was nicht".

Immer wieder würde es vorkommen, dass Eltern klar formulieren, dass sie keinen Bedarf für eine Veränderung sehen. Gleichzeitig gibt das Kind aber deutliche Signale, dass es eine Veränderung möchte. Da es sich in solchen Fällen nicht um eine "kindswohlgefährdende Situation" (wie es im Amtsdeutsch heißt) handelt, muss Dörfling so eine Entscheidung der Eltern akzeptieren. Verpflichtet zur Meldung ist sie nur dann, wenn das Kindswohl gefährdet ist. "Darauf weise ich die Eltern vor und während der Begleitung hin", sagt sie. Glücklicherweise hat sie so einen Fall noch nicht miterleben müssen.

Sie kann aber eine Meldung ans Jugendamt geben, wenn die Eltern nicht kooperativ sind, die Hilfe nicht annehmen oder sich gar nicht melden. Dennoch ist es nicht leicht, mit der Uneinsichtigkeit der Eltern umzugehen: "Es ist schwierig, den Graubereich auszuhalten, wo das Kindeswohl nicht gefährdet ist, aber klar ist, dass sich die Situation für das Kind nicht ändern wird", sagt Dörfling. Zum Beispiel, wenn emotionale Bedürfnisse des Kindes nicht gesehen werden oder das Kind konflikthaftes Verhalten der Eltern untereinander miterleben muss.

"Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich da nichts mit raus nehme. Wie sich die Situation des Kindes und des Kindswohls entwickelt, beschäftigt mich sehr." Ab wann ist etwas kindswohlgefährdend? Ist eine Wohnung, die unordentlich und klein ist, gleich kindswohlgefährdend? "Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt", weiß die Familienbegleiterin.

Authentische Einblicke?

Bettina Dörfling begleitet im Schnitt eine Familie zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Sie arbeitet in Teilzeit insgesamt 20 bis 30 Stunden in der Woche. Dabei besucht sie mehrere Familien parallel. "Je nach Komplexität der Problemlagen vier bis sechs Stunden in der Woche", erzählt sie.

"Die Frage ist: Habe ich tatsächlich einen Einblick in die Familienstruktur erhalten? Wenn ich Besuch bekomme, dann räume ich zuvor ja auch auf." Denn ihre Besuche als Fachkraft sind meist angekündigt. Zusammen mit dem Jugendamt können diese aber auch unangekündigt erfolgen. "Wir tragen da eine massive Verantwortung", sagt sie. Deswegen sei es auch so wichtig, alles zu dokumentieren und "die Bereiche Eltern, Jugendamt und Fachkraft zu verschränken, damit sich an der Situation etwas ändert".

Trotz vieler schwieriger Situationen gibt es auch Momente, die Bettina Dörfling in ihrem Beruf als Familienbegleiterin Kraft geben: "Wenn Mütter und Väter in die Perspektive ihrer Kinder rutschen oder aktiv mitarbeiten und eigene Ideen einbringen, dann erkenne ich die Sinnhaftigkeit meiner Arbeit."

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