Coburg
Lesung

Europa vereint im Antisemitismus

Götz Aly stellte im "Haus Contact" sein Buch "Europa gegen die Juden: 1880 - 1945" vor und sprach über die Mitschuld von Deutschlands Nachbarn am Holocaust.
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Der Autor Götz Aly stellte sein Buch "Europa gegen die Juden: 1880 - 1945" vor und diskutierte anschließend mit dem Publikum. Foto: Helke Renner
Der Autor Götz Aly stellte sein Buch "Europa gegen die Juden: 1880 - 1945" vor und diskutierte anschließend mit dem Publikum. Foto: Helke Renner

Judenhass und Judenverfolgung sind mitnichten ein deutsches Phänomen. Sie sind gesamteuropäisch und kulminierten im Holocaust des nationalsozialistischen Deutschlands. Diese an sich nicht neue Erkenntnis macht Götz Aly zum Ausgangspunkt seines Buches "Europa gegen die Juden: 1880 - 1945", das er am Mittwochabend im "Haus Contact" vorstellte und das eine erschütternde Sicht auf die Ursachen der Massenvernichtung von Juden aufzeigt. Dazu eingeladen hatte der Arbeitskreis "Lebendige Erinnerungskultur" in Kooperation mit der Buchhandlung Riemann, dem evangelischen Bildungswerk, der Initiative Stadtmuseum Coburg und "Demokratie leben".

Götz Alys These: Es gibt einen modernen Antisemitismus, er ändert sich allerdings im Lauf der Jahrhunderte. Woher aber rührt er? Einen religiösen Zusammenhang sieht der Autor nur bedingt. Mit der um 1700 einsetzenden Aufklärung, in der rationales Denken eine wichtige Rolle spielte, und der Gründerzeit am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, die mit einem wirtschaftlichen Aufschwung verbunden war, rückt ein anderes Phänomen in den Fokus: Sozialneid.

Götz Aly erläutert das so: "Die Juden hatten eine starke Bildungsaffinität. Ihre Religion setzt Lesen und Schreiben voraus, aber auch die Interpretation des Gehörten. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts machten 65 Prozent der jüdischen Schulkinder einen höheren Schulabschluss, viele gingen bis zum Abitur und studierten schneller."

Und Bildung war transportabel, wie es Götz Aly formuliert. Auch wenn die Juden aus einem Land ins andere flüchten mussten, wenn ihnen öffentliche Bildung versagt wurde, waren Familien und Rabbis in der Lage, wertvolles Wissen weiterzugeben. Die Folge: Juden wurden erfolgreiche Unternehmer, Universitätslehrer, Juristen, Ärzte.

Von Frankreich bis Rumänien

Das schürte den Antisemitismus in Europa, zum Beispiel in Frankreich. Dort wurde nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht die Deportation der Juden von der kollaborierenden Regierung bereitwillig unterstützt. Dass trotzdem drei Viertel der jüdischen Bevölkerung gerettet wurden, sei der Kirche, den Klöstern oder einfach nur den Nachbarn zu verdanken.

Das habe die Menschen aber nicht daran gehindert, die nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrenden Juden hart zurückzuweisen. Deren Eigentum war inzwischen nämlich an die Bevölkerung verteilt worden.

In Russland, wo vor dem Ersten Weltkrieg die Hälfte aller Juden lebte, waren Pogrome, Ghettoisierung und Diskriminierung an der Tagesordnung. Zwei Millionen Juden verließen darum das Land in Richtung USA.

In Rumänien galten Juden als Ausländer, wurden aus Schulen verwiesen, durften keine eigenen Schulen gründen und wurden "die Sklaven Europas". 1890 wurde in Rumänien die "Antisemitenallianz" gegründet, die Einheimische gegen eine "Verjudung" schützen sollte. 250 000 Juden wurden ermordet.

In Ungarn gab es Enteignungen und einige Pogrome, aber erst 1944, mit der Besetzung des Landes, wurden 400 000 Juden nach Auschwitz deportiert - zuerst die, die jiddisch und nicht ungarisch sprachen. Sie galten als besonders minderwertig.

In Polen galt Hitler zwar als Feind des Landes, aber im Hinblick auf die heraufbeschworene jüdische Bedrohung gab man ihm Recht. Vieles von dem, was Juden in dem Land widerfuhr, sei aber bis heute in den Archiven der Diözese verschlossen und werde nicht herausgegeben, kritisiert Götz Aly. Und so gestalte sich die Aufarbeitung der Judenverfolgung und -vernichtung in Europa sehr unterschiedlich.

"Es gab auch Spielräume"

Immerhin habe Jaques Chirac, der von 1995 bis 2007 französischer Staatspräsident war, bekräftigt, auch Frankreich stehe in der Schuld der verfolgten und getöteten Juden. Außer in Belgien und Dänemark kooperierten Polizei und Verwaltung in allen von den Deutschen besetzten Ländern bei der Deportation der Juden in Vernichtungslager bereitwillig. Aber diese Ausnahmen zeigten, dass es auch Spielräume gegeben habe, konstatiert Aly.

Schließlich kommt er in seinem Buch zu dem Schluss, dass der Holocaust vor allem durch das Zutun der Antisemiten in ganz Europa möglich wurde.

Bei der Diskussion nach der Buchvorstellung ging es auch um den Antisemitismus heute, der wiederum im ganzen europäischen Raum auflodert: 20 bis 50 Prozent der Bevölkerung gelten als antisemitisch. Es habe mit Nationalismus, Hass und Neid auf voraneilende Minderheiten zu tun, Schuld und Abwehr spielten eine Rolle, aber auch die kritische Haltung gegenüber dem Staat Israel und seiner Siedlungspolitik. Es gebe den rechten Antisemitismus und die Orientierung an Ländern, wo die Feindschaft gegenüber Israel zur Staatsräson gehört. Nicht umsonst habe die Hälfte aller Juden im Laufe der Jahrhunderte Europa verlassen.

Zur Person

Ausbildung Götz Aly ist ein Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist. Er wurde 1947 in Heidelberg geboren, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München, studierte Geschichte sowie politische Wissenschaften in Berlin und promovierte in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Stationen Götz Aly war Redakteur bei der taz, bei der Berliner Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, arbeitete als Gastprofessor und bis heute als freier Autor. Themen Seine Themenschwerpunkte sind der Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die sogenannte Rassenhygiene im Nationalsozialismus, der Holocaust sowie die Wirtschaftspolitik der nationalsozialistischen Diktatur. Auszeichnungen Neben anderen Ehrungen erhielt er 2002 den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste Berlin, 2007 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2018 den Geschwister-Scholl-Preis für sein Buch "Europa gegen die Juden: 1880 - 1945". Im Jahr 2006 wurde er von Bundespräsident Horst Köhler in den Stiftungsrat des Berliner Jüdischen Museums berufen.

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