Coburg
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Erschütternde Kriminacht in Coburg: Die Realität schlägt jede Fiktion

In einer erschütternden Kriminacht stellte die Coburger Buchhandlung Riemann grausige Fiktion gegen noch weit stärker erschreckende Realität. Es lasen die Wiener Autorin Ursula Poznanski und der Jurist und "Spiegel"-Redakteur Thomas Darnstädt.
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Was Thomas Darnstädt aus realen Ermittlungsakten zitiert, würde sich Ursula Poznanski in ihren Romanen nie trauen zu schreiben: Viel zu skurril und unglaubwürdig. Foto: Carolin Herrman
Was Thomas Darnstädt aus realen Ermittlungsakten zitiert, würde sich Ursula Poznanski in ihren Romanen nie trauen zu schreiben: Viel zu skurril und unglaubwürdig. Foto: Carolin Herrman
"Die wahre Dunkelheit kommt von innen." Ein poetischer Fetzen begleitet die 23-jährige Sarah, geknebelt im Kofferraum eines Autos liegend, in ihre letzten Lebensminuten. Als nächstes übernehmen Bea trice Kaspary und Florin Wenninger von der Salzburger Kriminalpolizei die Ermittlungen. Die schöne Sarah wurde erdrosselt gefunden neben einem dicklichen Mann mit Loch im Kopf.

Zur dritten Coburger Kriminacht der Buchhandlung Riemann waren am Freitag die Wiener Autorin Ursula Poznanski und der "Spiegel"-Redakteur Thomas Darnstädt geladen. Der Jurist und Publizist beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem deutschen Justizsystem. Fiktion und Realität also nebeneinander.

Die bisher vor allem mit ihren Jugendromanen erfolgreiche und mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete österreichische Autorin schockte durch nüchterne, aber detailgenaue Beschreibung, trifft Realität also in der literarischen Fik tion.
Wieder einmal aber ist es die Realität selbst, die jede Fik tion schlägt.

Rechtssicherheit ist unser höchstes Gut. Ohne Rechtssicherheit nützen uns auch die anderen Grundrechte nichts. In seinem neuesten Buch aber muss Thomas Darnstädt einem furchtbaren Verdacht nachgehen. Er beruft sich dabei einleitend auf Ralf Eschelbach, Richter am Bundesgerichtshof. Der sagt, es sei eine "Lebenslüge" der Justiz, dass es kaum falsche Strafurteile gebe. Er geht davon aus, dass jedes vierte Strafurteil ein Fehlurteil sei. "Wenn er recht hat, müssen 10.000 Menschen pro Jahr unschuldig hinter deutsche Gitter", rechnet Darnstädt nach. Und dann macht er sich über Ermittlungsakten her, so auch über den "Fall Peggy" in Hof und den Fall Mollath.

An die Hofhunde verfüttert

In seiner Coburger Lesung rollt Darnstädt den Fall des Bau ern Rupp von 2001 auf. Damals wird eine ganze Familie vom Landgericht Landshut verurteilt, weil sie angeblich den Vater ermordet und an die Hofhunde verfüttert habe. Es gab dafür nicht einen Beweis. Aber die Leute im Dorf hatten so daher geredet. Eine frei erfundene Geschichte, die von Polizei und Justiz bis zur Verurteilung geradezu systematisch aufgebaut wird. Darnstädt muss nur aus den Ermittlungsakten zitieren, um das Unglaubliche und Haarsträubende offensichtlich werden zu lassen und zu zeigen, wie Unschuldige solange durch die Mangel der Ermittler gedreht werden, bis auch der Hartnäckigste das Dümmste gesteht.

2009 wird der Bauer Rupp gut abgelagert in seinem Mercedes auf dem Grund der Donau gefunden. Die Landshuter Richter bequemen sich erst auf nachdrückliche Anordnung des Oberlandesgerichtes sehr widerwillig dazu, die verurteilte Ehefrau samt zweier Töchter und deren Freund freizusprechen.

Das Grausigste dabei: Darnstädt zeigt die Systematik der Schwächen unseres Justizsystems auf, von den erpresserischen Ermittlungsmethoden ohne Überwachung und Nachvollziehbarkeit, der blinden und fanatischen Verifizierung von blanken Hypothesen, also bisweilen wildesten Spekulationen, bis zur substanzlosen Verurteilung. Es herrsche die "organisierte Verantwortungslosigkeit", denn selbst für fahrlässigstes Versagen und Schlamperei werde niemand zur Verantwortung gezogen.

Die Wahrheit setzt sich durch? "Nichts klärt sich von selbst auf", belegt Darnstädt. Meist waren es Zufälle, die nach Jahren noch einmal Ermittlungen erzwangen. Der Autor schließt seine Untersuchung ab mit sechs Forderungen an unsere Justiz, von anderer Ausbildung der Richter, über die Stärkung der Staatsanwaltschaft, die der Polizei ("Ermittler sind Jäger", weist Darnstädt in die Psychologie der Zusammenhänge) hoffnungslos unterlegen sei, statt kontrollieren zu können, bis zur Ausbildung einer Kultur des Zweifels. "Nach monatelangen Verhandlungen mit über 100 Zeugen und einer Legion von Sachverständigen als Richter zuzugeben, dass letzte Zweifel an der Schuld des Angeklagten geblieben sind, kostet Mut." Denn längst stehe das Gericht unter dem Druck der Erwartungen, des ermittelnden Apparates, aber oft auch der Öffentlichkeit. Auf der Strecke bleibe allzu oft die Wahrheit. Die wahre Dunkelheit kommt von innen.

Krimiautorin und Justizkritiker





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