Unterlauter
Flüchtlinge

Vor Blutrache nach Franken geflohen: Familie mitten in der Nacht abgeschoben - Nachbarn entsetzt

Die Davudovs flohen aus Aserbaidschan vor der Blutrache nach Deutschland. Für das Verwaltungsgericht Bayreuth war das kein ausreichender Fluchtgrund. Mitten in der Nacht wird die Familie abgeschoben. Nachbarn und Bekannte sind empört - und wollen etwas tun.
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Imran, Binnet. Fatima und Ülriyye (von links) haben Unterschlupf bei einem Freund gefunden. Sie leben dort in einem Zimmer. Ülriyye leidet unter schweren Angstzuständen und musste bereits notärztlich behandelt werden. Auch Fatima ist psychisch angeschlagen. Foto: privat
Imran, Binnet. Fatima und Ülriyye (von links) haben Unterschlupf bei einem Freund gefunden. Sie leben dort in einem Zimmer. Ülriyye leidet unter schweren Angstzuständen und musste bereits notärztlich behandelt werden. Auch Fatima ist psychisch angeschlagen. Foto: privat

Um 4 Uhr morgens wurden sie aus dem Bett geholt und nach Aserbaidschan zurückgebracht. Alle Bemühungen von Imran Davudov und seiner Frau Ülriyye, sich zusammen mit ihren Kindern Fatima (11 Jahre) und Binnet (9) in Deutschland ein neues Leben aufzubauen, sind vorerst gescheitert.

Flüchtlingsfamilie am frühen Morgen aus den Betten geholt und abgeschoben

Zuletzt lebten sie in Lautertal im Landkreis Coburg - in einem Haus mit Sabine und Bernd Wicklein. "Wir haben nichts mitbekommen", erzählt Sabine Wicklein. Morgens hätten sie an der Tür der Davudovs geklingelt, aber niemand habe aufgemacht. "Erst abends haben sie sich aus Baku gemeldet, ihnen wurden ja die Handys weggenommen." Sie habe kein Verständnis für ein solches Vorgehen, ergänzt Sabine Wicklein. "Die haben über vier Jahre hier gewohnt und durften nicht arbeiten. Das ist eine Zumutung und unmenschlich." Besonders für die Kinder sei die Abschiebung ein traumatisches Erlebnis.

Familie fürchtete in Aserbaidschan um ihr Leben: "Positives Beispiel für gelungene Integration"

2015 waren die Davudovs nach Deutschland gekommen, weil sie um ihr Leben fürchteten. Sie haben Sprachkurse besucht, Imran hatte drei Arbeitsangebote und seine Frau hätte eine Ausbildung zur Konditorin absolvieren können. Die Tochter Fatima ist Schülerin am Gymnasium Ernestinum, Binnet besucht die Grundschule in Dörfles-Esbach und trainiert seit drei Jahren Fußball bei der Spielgemeinschaft von Oberlauter und Unterlauter. Sein Trainer Thorsten Stöhr lobt den Einsatz des Neunjährigen und das Engagement der gesamten Familie für den Verein und nennt sie "ein positives Beispiel für eine gelungene Integration".

Asylantrag wurde abgelehnt: Aserbaidschan gilt als sicher

Alles könnte gut sein. Doch Imran und Ülriyye Davudov erhielten keine Erlaubnis zu arbeiten oder eine Ausbildung zu absolvieren. Ihr Antrag auf Asyl und die "Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft" wurden abgelehnt, der subsidiäre Schutzstatus nicht anerkannt und eine Klage gegen diesen Entscheid vom bayerischen Verwaltungsgericht in Bayreuth abgewiesen. Was letztendlich bedeutet: Die Familie musste zurück nach Aserbaidschan. Freilich, das vorderasiatische Land gilt als sicher und auf den ersten Blick ist es nicht recht verständlich, warum die Familie von dort nach Russland und später nach Deutschland geflüchtet ist.

In Aserbaidschan existiert noch immer die Blutrache: Familie fürchtet Zorn ihrer Nachbarn

Aserbaidschan versteht sich laut Verfassung selbst als rechtsstaatliche und demokratische Republik. Dennoch existiert noch immer die Blutrache. Das musste auch Imran erleben und begründete damit seine Flucht. Sein Vater habe einen Nachbarn getötet, weil dieser Imrans Großvater umgebracht habe. Die Angst, selbst Opfer der Blutrache zu werden, veranlasste ihn 2012, mit Frau und Tochter Fatima das Land zu verlassen.

Zunächst flohen sie ins Moskauer Gebiet, wo Imran als Händler arbeitete. Wegen seines südländischen Aussehens sei er von Rechtsradikalen vor seiner Haustür zusammengeschlagen worden, erzählte er dem Gericht. Ülriyye, die ihm zu Hilfe kommen wollte, sei ebenfalls verletzt worden. Tochter Fatima habe das alles mit ansehen müssen. Daraufhin flüchtete die Familie weiter nach Moskau. Doch als Imran von einem Standnachbarn auf dem Basar erfuhr, dass sich jemand nach ihm erkundigt habe, flohen die Davudovs kurz entschlossen nach Deutschland.

Traumatische Erlebnisse: Frau leidet unter Angstzuständen

Die Furcht vor Blutrache und Übergriffen durch Rechtsradikale hatten bei Ülriyye Davudova Angstzustände ausgelöst, weshalb sie sich in ärztliche Behandlung begab. Ihr Hausarzt bestätigte die Verletzungen. Es folgten Untersuchungen und Behandlung in der Helios-Fachklinik Hildburghausen sowie im Bezirksklinikum Obermain, Kutzenberg. Seit Dezember 2016 ist Ülriyye Davudova Patientin bei einem Coburger Facharzt für Nervenheilkunde und wird psychotherapeutisch durch die psychologische Psychotherapeutin Rita Orth-Franke betreut. Weil beide der Schweigepflicht unterliegen, können sie keine Auskunft zur Diagnose geben. Die Psychotherapeutin sagt nur so viel dazu: "Es ist menschenverachtend, wie da vorgegangen wird."

Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichts: Gefahr der Blutrache nicht glaubhaft

Der Abschiebung war das Urteil des Verwaltungsgerichts Bayreuth vorausgegangen. Die ärztlichen Bescheinigungen ergäben, so heißt es in der Urteilsbegründung, dass primär die Vorfälle in Moskau zum derzeitigen Zustand von Ülriyye Davudova geführt hätten, nicht die befürchtete Blutrache in Aserbaidschan.

Zudem gebe es auch in dem Heimatland der Familie ausreichend Behandlungsmöglichkeiten und Angehörige, die helfen könnten. Darüber hinaus konstatierte das Gericht, dass Imran Davudov die Gefahr der Blutrache nicht glaubhaft habe machen können. Außerdem gebe es in Aserbaidschan interne Schutzmöglichkeiten und die Chance, innerhalb des Landes vor eventueller Verfolgung zu flüchten. Die Übersetzerin Oksana Khachikyan, die die Davudovs seit vier Jahren begleitet, steht auch jetzt noch in Kontakt mit ihnen.

Auch die Tochter leidet unter Angstzuständen - Notarzt musste helfen

Sie weiß, dass die Familie bei einem Freund Unterschlupf gefunden hat und dort in einem Zimmer lebt. "Inzwischen leidet auch die Tochter Fatima unter schlimmen Angstzuständen", erzählt sie. Das habe in Deutschland schon angefangen und sei jetzt noch schlimmer geworden. Ülriyye Davudovas Zustand habe sich derart verschlechtert, dass kürzlich der Notarzt kommen musste, der sie mit Medikamenten ruhiggestellt habe.

Freunde aus Franken wollen sich mit Urteil nicht abfinden: Anwalt aus Nürnberg soll helfen

Rita Orth-Franke und ihr Ehemann Volkmar Franke wollen sich mit dem Urteil des Verwaltungsgerichts nicht abfinden. Sie stehen in Verbindung mit dem Nürnberger Anwalt der Davudovs. Nach dessen Angaben sei das Asylverfahren noch nicht rechtmäßig abgeschlossen (ohne rechtskräftigen Bescheid) und die Familie sei zu Unrecht vorzeitig abgeschoben worden. Deshalb habe er Klage wegen "Rechtswidrigkeit der Abschiebung" erhoben und "Antrag auf Rückholung" gestellt. Auch die Wickleins aus Lautertal und Binnets Sportverein wollen helfen.

Spendenaufruf für Familie

Es soll Spendengeld gesammelt werden, um die momentan mittellose Familie zu unterstützen und noch entstehende Anwaltskosten auffangen zu können. Spenden werden erbeten an das Pfarramt Unterlauter, VR-Bank Coburg-Sonneberg, IBAN: DE71 7836 0000 0007 1165 00, Kennwort: Familie Davudov.

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