Fürth am Berg
Erinnerung

Emotionen 30 Jahre nach der Grenzöffnung bei Fürth am Berg

Schweigend zogen die Menschen in der Dunkelheit, nur die Trommeln waren zu hören, als der Grenzöffnung bei Mupperg und Fürth am Berg gedacht wurde.
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Stille lag in der Dunkelheit, die Menschen hielten inne, Emotionen waren gegenwärtig, die Augen füllten sich mit Tränen, und die Fackeln und das Lagerfeuer wärmten.  Fotos: Manja von Nida
Stille lag in der Dunkelheit, die Menschen hielten inne, Emotionen waren gegenwärtig, die Augen füllten sich mit Tränen, und die Fackeln und das Lagerfeuer wärmten. Fotos: Manja von Nida
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Am 9. November 1989 erläuterte SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin das neue DDR-Reisegesetz, wonach Privat-Reisen ins Ausland ohne besondere Voraussetzungen möglich sein sollten. Auf die Frage eines Journalisten, ab wann dies gelte, hatte Schabowsik gestammelt: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich." Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht schnell.

Zwischen den Grenzgemeinden Mupperg in Thüringen und Fürth am Berg auf bayerischer Seite öffnete sich passend zum Choral "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" das Mauertor am Samstag vor dem ersten Advent, am 2. Dezember 1989. "Vor 30 Jahren standen wir auch hier", sagte Walter Friedrich, musikalischer Leiter der Blaskapelle Mupperg am Montagabend. Mehr brauchte er auch nicht zu sagen, bei den musikalischen Klängen von damals - "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" - waren die emotionalen, tränenreiche Momente der Grenzöffnung wieder da - mit voller Wucht. Beide Grenzgemeinden wandern an jedem 2. Dezember mit einem Fackelzug zum Grenzstein. "Wir haben damals an dem 2. November vor 30 Jahren den Lautsprecherwagen in den Straßen von Mupperg gehört, dass die Grenze aufgemacht werden soll", erinnerte sich Roland Rosenbauer haargenau, der sich früher als Gemeinderat und dann bis 2018 als Bürgermeister in seiner Gemeinde engagierte. "Und da bin ich zum Bürgermeister gerannt und sagte: Um 14 Uhr soll die Grenze geöffnet werden. Um 13.30 Uhr haben wir uns dann mit der Blaskapelle am Friedhof getroffen. Der alte Weg Richtung Fürth am Berg war weg. Aber wir konnten uns orientieren, weil das Getreide, was dort in den Jahren wuchs, eine andere Farbe hatte", erzählte Rosenbauer; und wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. Kompaniekommandant Andreas Kott hatte dann das Tor geöffnet.

Im "Roten Ochsen" im Mupperg kam man zusammen

Wie sich der 2. Dezember vor 30 Jahren anfühlte, das durften die Menschen nach dem Fackelzug dann im "Roten Ochsen" von Mupperg noch einmal in einem Bilder- und Filmbeitrag von Gerlinde Friedrich miterleben. Doch zuvor grüßte der "Liederkranz" Fürth am Berg mit Chorleiter Walter Friedrich musikalisch mit seiner Festhymne "An Tagen wie diesen". Bürgermeister Andreas Meusel von der Gemeinde Föritztal sagte, niemand habe sich vorstellen können, dass diese unüberwindbare Grenze einmal geöffnet werde. "Das Aufeinandertreffen unserer Bürger am 2. Dezember war überwältigend. Die Menschen lagen sich in den Armen, Gefühle ließen sich nicht beschreiben und sie träumten eine neue Zukunft." Nach 30 Jahren sei man eins geworden. "Doch müssen wir aufpassen, dass wir durch die Brille der Selbstverständlichkeit das Glück nicht aus den Augen verlieren."

"Der Fall der Grenze, wie wir es erleben durften, ist ein Geschenk Gottes", sagte Neustadts Dritter Bürgermeister Martin Stingl. Mit dem Ruf "Wir sind das Volk" habe eine Gruppierung Mutiger eine Bewegung losgetreten, für die es kein Halten mehr gegeben habe, bis es schließlich geheißen habe: "Wir sind ein Volk". Nach drei Jahrzehnten sei sicherlich viel von der ursprünglichen Euphorie verflogen und Normalität im Alltag eingezogen. "Aber die Verbundenheit untereinander ist keinesfalls verlorengegangen", betonte Stingl.

Dankbar und froh sei man für diese damals friedliche Revolution ohne Blutvergießen, erinnerte Stingl. Nicht alles sei seit dem Fall der Grenze in bester Ordnung und zu aller Zufriedenheit gewesen. "Der Prozess der deutschen Einheit ist ein Prozess voller Erfolge, jedoch auch voller Fehler. In einigen Bereichen hätte man anders planen, herangehen und handeln müssen. Und man hätte voneinander Lehre annehmen müssen, statt vermeintliches Allwissen überzustülpen. Das ist ganz sicher so", sagte Stingl. Aber dann rief er die Menschen, die beim Fackelzug mitgingen, auf: "Lasst uns aufhören, ständig zu jammern und zu nörgeln. Lasst uns etwas mehr Demut üben und der Zufriedenheit mehr Raum geben. Lasst uns den Prozess der deutschen Einheit weiterhin gut voranbringen, um gemeinsam eine gute Zukunft zu gestalten."

"Dreißig Johr nu schö offna Grenzen, a zwischen Mupparch un Förth. Wos fe a Gschenk", sagte Superintendent Thomas Rau in seinem Grußwort. "Wenn ich von meinen Erinnerungen an den Samstag vor dem 1. Advent '89 erzähle, geht mir bis jetzt ein Schauer über den Rücken."

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