Coburg
Interview

"Eltern machen sich und ihren Kindern Druck"

Die Leiterin des Kindergartens Marienschule, Elke Scheler, wünscht den Mamas und Papas mehr Gelassenheit bei der Erziehung ihrer Kinder.
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Freies Spielen gehört auch im Kindergarten dazu. Die einen bauen, die anderen rätseln, was das wohl wird... und sobald das Wetter passt, geht's raus an die frische Luft. Fotos: Christina Hauptmann
Freies Spielen gehört auch im Kindergarten dazu. Die einen bauen, die anderen rätseln, was das wohl wird... und sobald das Wetter passt, geht's raus an die frische Luft. Fotos: Christina Hauptmann
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Coburg — Gestiegene Bildungsansprüche und weniger gemeinsame Zeit mit dem Nachwuchs setzen Mütter und Väter in der Erziehung unter Druck. Oft vergessen sie dabei, ihre Kinder einfach mal Kinder sein zu lassen. Ein Gespräch mit Elke Scheler, die seit mehr als 40 Jahren im Kindergarten Marienschule Erzieherin ist: über den Wandel der Zeit und die gestiegenen Anforderungen.

Tageblatt: Frau Scheler, waren Eltern früher gelassener?
Elke Scheler: Ja, ich denke schon. Allein deshalb, weil die meisten Mütter vor 40 Jahren nicht berufstätig waren. Sie hatten mehr Zeit für ihre Kinder. Heute sind die Eltern meist beide berufstätig, die Frauen leisten oftmals einen schwierigen Spagat zwischen Beruf und Familie. Die Anforderungen auf allen Seiten unter einen Hut zu bringen, ist wahrlich nicht leicht.

Heißt das, Eltern kümmern sich heute weniger um ihre Kinder?
Nein, keineswegs, eigentlich im Gegenteil. Eltern wollen alles 100-prozentig machen. In den vielen Gesprächen mit unseren Eltern merken wir, wie interessiert und besorgt Mütter und Väter um das Wohl ihrer Kinder sind. Nur sehe ich auch, dass sie sich heute viel mehr unter Druck setzen. Sie wollen in die Zeit, die ihnen mit ihren Kindern bleibt, alles reinpacken: Tennis spielen, reiten, Ballett, musikalische Frühförderung und vieles mehr. Ihren Kindern Gutes tun, das haben Eltern früher natürlich auch gewollt, aber anders: Sie haben nicht so viel Kurse noch in den Nachmittag gepackt - da hat der Kindergarten am Vormittag gereicht.
Heutzutage steht Bildung eben noch mehr im Vordergrund. Förderung ist ein ganz zentraler Punkt geworden. Eltern fragen sich schon früh, wird mein Kind einen guten Start in der Schule haben?

Aber das ist doch nachvollziehbar!
Ja, ich verstehe das. Nur, diese Gedanken machen sich Eltern heute eben viel früher als einst. Und das verständlicher Weise, wenn man sieht, dass die Schulen auf der Bildungsqualität der Kindergärten aufbauen. Der Kindergarten leistet heute mit seiner Vorschularbeit noch mehr als früher. Sehen Sie nur den dicken Katalog des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans, nachdem wir angehalten sind, zu arbeiten.

Was ist darin vorgesehen?
Beispielsweise Projektarbeiten in kleinen Gruppen für jede Altersstufe, da können wir die Kinder sehr gut beobachten und seine Stärken erkennen. Wir beschäftigen uns intensiv mit Themen, aktuell beispielsweise mit Architektur, wie sie auch Kinder schon erleben können. Oder auch mit gesunder Ernährung, wir backen gemeinsam Kuchen und übertragen jedem kleine Aufgaben. Wir Erzieherinnen sind angehalten, eine Portfolio-Mappe zu jedem einzelnen Kind zu führen, das heißt, wir dokumentieren Entwicklungsschritte, die besonderen Fähigkeiten des Kindes, heften kleine Kunstwerke ab und notieren auch bemerkenswerte Zitate und Erzählungen, die wir im Gesprächskreis gehört haben. Dann können wir bei den Eltern immer auf eine Fülle an Beobachtungen zurückgreifen.

Und das freie Spielen, wird da noch Wert darauf gelegt?
Ja, selbstverständlich. Das freie Spielen in der Gruppe oder auch die Bewegung im Freien, Klettern und Toben sind ganz elementar für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Wir gehen, wenn es das Wetter nur irgendwie zulässt, jeden Tag raus an die frische Luft. Und im Gruppenraum ist für die Kinder einfach mal nur spielen in der Puppenecke oder auf dem Piratenschiff oft das Schönste. Im Rollenspiel lernen sie doch so Vieles: Regeln, soziales Verhalten, oder: Wo stehe ich in der Gruppe? Wie werde ich angenommen? Das ist es doch, was selbstbewusst macht und fit fürs spätere Leben.

Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle als Erzieherin?
Wissen Sie, es hat sich schon einiges getan in den vergangenen Jahren, die Anforderungen an uns, gerade im bürokratischen Bereich, sind ja enorm gestiegen, aber eines ist über die Jahre geblieben: Kinder brauchen im Kindergarten ein gutes Vorbild - und das sind die Erzieherinnen, die mit Herz, Engagement und Humor vorausgehen.

Nun aber nochmal zurück zur elterlichen Erziehung. Was können Sie mit Ihrer Erfahrung Eltern heute mit auf den Weg geben?
Den Kindern am Nachmittag mehr Zeit geben. Zeit, um Freunde einzuladen oder zu treffen, zu spielen und draußen rumzutoben - und das gilt für jedes Kindesalter. Eltern suchen nach der optimalen Förderung für ihr Kind, dabei jonglieren sie immer zwischen angemessener Förderung und Überforderung. Das ist schwer, das verstehe ich nur zu gut. Aber ich meine trotzdem, dass es manchmal besser wäre, Kinder ungestörter entwickeln zu lassen, zu schnell wird heute "herumtherapiert", wenn ich das mal so sagen darf.

Wie meinen Sie das?
Früher hat man den Kindern oft mehr Individualität zugestanden, da hieß es, wartet mal ab, das ist eine Phase, das gibt sich schon noch. Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, gehen Eltern heute beim ersten Sprachfehler zum Logopäden. Bei aller Liebe und Fürsorge, die die Eltern ihren Sprösslingen entgegenbringen, könnten sie heute manchmal ein bisschen mehr Vertrauen und Gelassenheit gebrauchen.

Und Kinder einfach Kinder sein lassen?
Ja. Kinder brauchen für alles ihre Zeit. Für die individuelle Entwicklung. Für das Spielen zu Hause und im Kindergarten. Mit wem spiele ich was? Jedes Spielen ist sozusagen ein Lernspiel, das das Kind auf irgendeine Weise voranbringt, sagen wir, fördert. Auch Langeweile gehört dazu, Ruhephasen. Überforderung kann nämlich auch durch zu viel Reize von außen eintreten. Wir Erzieherinnen merken das immer wieder am Wochenanfang. Da sind die Kinder oft noch müde von Familienfesten und Partys und damit verbundenen langen Autofahrten. Ein ausgedehnter Spaziergang - und dabei mal auf Bäume klettern dürfen - gibt den Kindern viel mehr - was früher übrigens ganz selbstverständlich war.

Das Gespräch führte
Christina Hauptmann.




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