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Coburg
Premiere

Ein wahn-sichtig grandioses Tanz- und Schauspiel schneidet uns in die Seele

Menschen. Maschinen. Exakt eingepasst, funktionierend in einem effektiven, totalitären System. Nüchterne, präzise Abläufe. Bis das unabweislich Menschliche in den Gliedern zu zucken beginnt. Bis ein besonders "guter Mensch", der rennt und hetzt, um alles noch besser zu machen, in Überspannung aus dem System fällt. In den Wahnsinn. In den Mord an dem, was er am meisten liebt.
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In der Titelrolle: Mathias Renneisen als Woyzeck. Im Hintergrund: Niklaus Scheibli, Nils Liebscher und Emily Downs. Foto: Henning Rosenbusch
In der Titelrolle: Mathias Renneisen als Woyzeck. Im Hintergrund: Niklaus Scheibli, Nils Liebscher und Emily Downs. Foto: Henning Rosenbusch
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Das ist Georg Büchners "Woyzeck" in einer bedrängenden, erschreckend eindringlichen Inszenierung zwischen Sprach- und Tanz-Theater in der Reithalle, unter drohendem Industrie-Sound, dem schleifenden Geräusch der Angst, mit tanzenden Schauspielern und sprachlich sich überhöhendem Tanzensemble es Landestheaters. In scharf gezeichneten Bildern aus Büchners poetisch schonungslosen Sprachfelsen herausgemeiselt von der Choreografin Tara Yipp und Schauspielchef Mattthias Straub.

Das Premierenpublikum verließ nach nur einer guten Stunde Spielzeit die Reithalle unter Schaudern der Ergriffenheit. Nicht des Mitleidens mit dieser geschundenen Seele des einfachen Soldaten Woyzeck, die Mathias Renneisen bis zum letzten stummen Schrei des Wahnsinns in beeindruckender darstellerischer Kraft und Größe verkörpert.
Die Ausbeutung, Misshandlung, Tyrannei im sozialen Hintergrund der einem wahren Eifersuchtsdrama von 1821 abgeleiteten Frage nach Schuld und Verstrickung bleibt Hintergrund. Udo Herbster hat ihn überführt in einen abstrahierten, ins Allgemeingültige gelösten Folien-Raum, geschaffen aus gleichzeitig technisch schillernden und trotzdem organisch lebendig kreuzenden Farbstrichen.

Muss der Mensch so sein?

Was uns Tara Yipp und Matthias Straub zeigen, ist ein Bild des Menschen in seiner grenzenlosen Einsamkeit und Verlorenheit. In dieser von ihm selbst geschaffenen Welt ist der Mond ein Stück faul‘ Holz, die Sonn‘ ein vertrocknet Sonnenblum‘, die Sterne sind nur goldene Mücken. Auch die Machthabenden haben vor allem Angst, spüren den Irrsinn; so der Hauptmann Nils Liebschers in seiner sich edel inszenierenden, dabei besonders unberechenbaren Brutalität. Der zynische Doktor (Niklaus Scheibli) ist das pure Monster von aller Menschlichkeit losgerissener Intellektualität. Die Wirkung von Büchners Fragment und dieser Inszenierung ist keinesfalls Tristesse; im schockartigen Bewusstwerden steckt die Kraft zum Aufbegehren: Muss diese Welt so sein? Muss der Mensch so sein?

Regisseur Matthias Straub hat die ja keineswegs festgefügten Bruchstücke der Geschichte nicht nur in eine konzentrierte, klare Form von wuchtiger Aussagekraft gebracht (Dramaturgie Georg Mellert). Er steigert den Schmerz der Kommunikationslosigkeit, in dem er die Figuren in babylonischer Verwirrung in der Sprache ihrer Darsteller sprechen lässt, jeder gefangen in seiner absolut unzugänglichen Welt. Taiwanesisch trifft auf Isländisch. Andres (Takashi Yamamoto) tut die visionären Ängste seines Freundes lapidar japanisch ab. Das abgründig gruselige "Märchen" kommt aus Großmutters Mund taiwanesisch; Po-Sheng Yeh richtet sich aus Rollstuhl und hinfälligem Alter in einem weiteren erschreckend überrealen Moment auf in der hexenhaften Bösartigkeit dieser Welt - grandioser Theatermoment eines grandiosen Tänzers und Darstellers.

Nachhaltige Wirkung

Woyzecks Geliebte Marie ist eine lebensvoll, zarte Blume, der das Blühen verweigert wird, englisch gesprochen von der Tänzerin Emily Downs, in der beachtliches Potenzial in mehrfacher Hinsicht steckt. Mit dem sexprotzenden Körper des Tambourmajors Adrian Stock kommt sie in einem zum Frösteln erotisch ahnenden und doch kühl gefangenen Pas de deux zusammen.

Was die Choreografin Tara Yipp hier wie in anderen solistischen Passagen und besonders auch in den maschinenhaften Ensembleszenen an charakterisierender Bewegung und Gestik gefunden hat, mit uns ins Herz schneidender Wirkung, ist ungemein treffend und überraschend eigen in der Tanzsprache. Da entwickelt sich eine herausragende Choreografin. Selten hat man das Ballettensemble in letzter Zeit zudem in solcher Präzision und Ausstrahlung agieren sehen, dazu die Schauspieler bruchlos integriert in den Tanzpassagen. Der Geist des Stückes und der inszenatorischen Kraft hat offensichtlich alle Beteiligten tief ergriffen. - Mit nachhaltiger Wirkung auf die Zuschauer.

(Nur noch vier weitere Termine in dieser Spielzeit: 2., 4., 5., 7. Juli, 20 Uhr in der Coburger Reithalle.)

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