Coburg

Ein Selbstversuch im Lesen von Jean Paul

Wir sollen ja jetzt mal wieder versuchen, Jean Paul zu lesen, hat man uns zu seinem 250. Geburtstag am 21. März von vielen Seiten dringend nahegelegt. Der Insel-Verlag gibt sich alle Mühe, besondere Texte besonders hübsch und handlich zu präsentieren. Unter diesen Umständen also: Ein Selbstversuch.
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Die persönlichen Angsthasen des Feldpredigers Attila Schmelzle
Die persönlichen Angsthasen des Feldpredigers Attila Schmelzle
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"Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz" liegt da frisch gedruckt vor, eingebunden mit tausend Angsthäschen, die auch durch die begleitenden satirischen Bilder Stephan Klenner-Ottos hopsen, jenem Illustrator, dem jetzt eine Ausstellung in der Stadtbücherei Coburg gewidmet ist. Klenner-Ottos Angsthäschen drehen dem Psychopathen systematisch und sehr vergnüglich eine lange Pfeife. - Aber genug geguckt, jetzt wird auch mal gelesen, Jean Paul gelesen.

Ganz ehrlich, ich könnte jetzt Ellenlanges, Verschachteltes zitieren, dass Ihnen schwurbelt. Ich habe - der Ermahnungen eingedenk - alles langsam ein zweites Mal gelesen, was tatsächlich keine schlechte Übung ist. Man kommt in Jean Pauls Sog und findet köstliche Wort-Schätze und aberwitzige Skurrilitäten, was die Jean Paul-Kenner uns ja immer versprechen.

Im krassen Widerspruch zwischen dem Sprachton des 18.
Jahrhunderts und renitenten Unbotmäßigkeiten, mit denen sich der skurrile Oberfranke über alles hinwegsetzte, erscheint er merkwürdig modern. Stellen Sie sich doch Folgendes vor: "Wie furchtbar war nicht meine Phantasie schon in der Kindheit, wo ich, wenn der Pfarrer die stumme Kirche in einem fort anredete, mir oft den Gedanken: "Wie, wenn du jetzt geradezu aus dem Kirchstuhle hinauf schrieest: ich bin auch da, Herr Pfarrer!" so glühend ausmalte, dass ich vor Grausen hinaus musste!" So lässt Jean Paul den Schmelzle gleich zu Anfang reden. - War der Typ nicht in die falsche Zeit geraten? Und was würde er erst in der heute üblichen Frechheit von sich geben?

Zwangsvorstellungen und hypochondrische Anfälle

Im "Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen Professors Attila Schmelzle an seine Freunde" wehrt sich der vermeintliche Herausgeber wort- und einbildungsreich gegen allseitige Verleumdungen, er sei als Feldprediger seinem Amte angstvoll entlaufen, kommt aber vor lauter Zwangsvorstellungen und hypochondrischer Anfälle nur mühsam zum eigentlichen Geschehen.

In der Postkutsche, die ihn nach Flätz bringen soll, begegnet er auch einem "rot bemantelten blinden Passagier, wahrscheinlich ein Emigré, oder ein Refugié (...) entweder namens Jean Pierre oder Jean Paul ungefähr oder ganz namenlos". Die dubiose, ihm mutmaßlich feindlich nachsetzende Gestalt sei ihm schon fünf Mal in seinem Leben begegnet, "im großen Berlin, im kleinen Hof, Koburg, Meiningen und Baireuth". So geht das auf diversen Ebenen, bis sich auch das Bewusstsein des heutigen Lesers locker schüttelt.

Vollkommen irrwitzig sind unter Jean Pauls Text Fußnoten gesetzt, unter der Nummer 14 zum Beispiel: "Manche Dichter geraten unter dem Malen schlechter Charaktere oft so ins Nachahmen derselben hinein, wie Kinder, wenn sie träumen zu pissen, wirklich ihr Wasser lassen."

Jean Paul erklärt selbst dazu in seiner Vorrede, der Setzer habe die von ihm auf getrenntem Blatt gelieferten eigenen Gedanken "oder Digressionen", mit denen er des Feldpredigers Bericht nicht habe stören wollen, so inhaltlich willkürlich, aber immerhin gleichmäßig über alle Seiten verteilt. So ergeben sich beim Lesen zwischen vielschichtigem Haupttext und Anmerkungen unterm Strich skurrile Assoziationen und immer weitere Gedankenturnereien.

Resümee dieses Selbstversuches: Probieren Sie Jean Paul halt mal. Aber achten Sie auf die Dosis.

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz. Mit Illustrationen von Stephan Klenner-Otto und einem Nachwort von Alexander Kosenina. Insel Verlag Berlin, 18 Seiten, 14,95 Euro.
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